ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2017Filmkritik: Triebmittel für Veränderung

KULTUR

Filmkritik: Triebmittel für Veränderung

PP 16, Ausgabe Februar 2017, Seite 88

Kattermann, Vera

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„Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“ ist ein mitreißender Dokumentarfilm über weltweite Projekte für die Entwicklung alternativer Lebensformen – oder besser über die Menschen hinter den Projekten.

Tomorrow – Der Film von Cyril Dion und Mélanie Laurent (Pandora Film, 2016) ist als DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich.
Tomorrow – Der Film von Cyril Dion und Mélanie Laurent (Pandora Film, 2016) ist als DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich.

Wir befinden uns in einer äußerst inspirierenden Phase. Wir wissen, dass wir gegen eine Wand fahren werden und es ist an der Zeit, uns zu mobilisieren.“ Ausgezeichnet mit dem Cesar als Bester Dokumentarfilm in Frankreich, ist „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“ von Cyril Dion und Mélanie Laurent ein mitreißender Beitrag über weltweite Projekte für die Entwicklung alternativer Lebensformen. Das ist eigentlich falsch formuliert, denn es geht im Film vor allem um die Menschen hinter den Projekten, um ihre Inspiration, ihre Leidenschaft, ihre Visionen und dann insbesondere um ihr tatkräftiges Tun. Es ist ein Film, der aufzeigt, wie schnell der Schritt vom „Man müsste doch eigentlich …“ zum „Jetzt machen wir das!“ gelingen kann, wenn die Ideen gut, die Überzeugungen klar und die Handlungsentwürfe überschaubar sind. Die Suche nach Antworten auf die globalen Fragen kann nicht anders als lokal und sehr konkret beginnen. Wo liegen Lösungsansätze für die drängenden Fragen der Zukunft, wenn nicht vor der Haustür? Die Filmemacher haben in zahlreichen Ländern von Amerika und Europa bis hin zu Asien und Afrika Projekte aufgesucht, die alternative Wirtschaftsformen ausprobieren, ökologisch nachhaltige Landwirtschaft optimieren und neue Formen der Energieerzeugung untersuchen. Und natürlich gehört auch Bildung und Schule dazu, denn hier fängt die Zukunft am deutlichsten an.

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Vandana Shiva, indische Aktivistin und Wissenschaftlerin sowie Gründerin von Navdanya, einer Stiftung, die indischen Gemeinden hilft, landwirtschaftliche Samenbanken einzurichten. Fotos: Pandora Film
Vandana Shiva, indische Aktivistin und Wissenschaftlerin sowie Gründerin von Navdanya, einer Stiftung, die indischen Gemeinden hilft, landwirtschaftliche Samenbanken einzurichten. Fotos: Pandora Film

„Die Personen in unserem Film haben nicht darauf gewartet, bis etwas von oben kommt. Sie handeln da, wo sie können. Punkt“, sagt die Filmemacherin Melanie Laurent, deren Schwangerschaft zu Beginn des Filmprojekts eine besondere Motivationsquelle war. Sich selbst und anderen Mut machen, dass er zu neuem Handeln inspiriert – wie gelingt das? Spätestens mit dieser Frage wird der Film auch für Psychotherapeuten interessant und es ist eine Freude, über die vorgestellten Projekte genauer zu verstehen, was als Triebmittel der Veränderung funktionieren kann. Ähnlichkeiten und Parallelen zum lösungsfokussierten Arbeiten in der Psychotherapie sind nicht beabsichtigt, aber auch nicht zufällig. Der Weg geht wesentlich über den Spaß. Zum einen sind es überzeugende Vorbilder, die wagemutig vorangehen und Lust am Ausprobieren haben, dabei auch Enttäuschungen oder Rückschläge nicht scheuen. Vor allem aber ist es die Vernetzung und der Austausch mit anderen, die enorme Kräfte mobilisieren. Als Zuschauer werden wir Zeuge davon, wie viel Freude Menschen daran haben, gemeinsam etwas in die Hand zu nehmen, ihre Ideen zu verknüpfen und umzusetzen. Das geht nicht unbedingt immer leichtfüßig. Ein Urban-Gardening-Aktivist sagt dazu im Film: „Es ist verdammt harte Arbeit hier und überhaupt nicht romantisch. Aber es hält mich auch seelisch am Leben!“ Die tiefe Befriedigung, die im gemeinsamen Tun entsteht, weckt auch im Zuschauer unbändige Lust darauf, Neues auszuprobieren, Altes umzukrempeln und Teil einer Gruppe zu werden, die über die Hoffnung verbunden ist und handelt. Das ist in Zeiten sich verfinsternder politischer Szenarien überaus kostbar.

Nick Green, Mit-Initiator und Gärtner der öffentlichen Gemeinschaftsgärten von Todmorden, Großbritannien.
Nick Green, Mit-Initiator und Gärtner der öffentlichen Gemeinschaftsgärten von Todmorden, Großbritannien.

Die Vielzahl der angeschnittenen Politikfelder erscheint als Schwäche des Films – lieber würde man ausführlicher von den einzelnen Projekten und den damit verbundenen Sachfragen erfahren. Aber Cyril Dion wendet zu Recht ein, dass es nicht möglich ist, die globalen Probleme separat zu behandeln. In der Hinsicht ist der Film tatsächlich erst ein Anfang.

Vera Kattermann

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