ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2017Von schräg unten: Umsonst

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Umsonst

Dtsch Arztebl 2017; 114(6): [64]

Böhmeke, Thomas

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Viele Kolleginnen und Kollegen klagen darüber, dass unsere Leistungen nicht honoriert werden. Für unsere gesetzlich versicherten Schutzbefohlenen stehen wir für eine Quartalspauschale zur Verfügung, die spätestens bei einer Handwerkerrechnung vehemente Zweifel an der Berufswahl aufkommen lässt und die Glandula lacrimalis ausquetscht wie der Kompressionsverband die Varizenkonvolute. Sicher, von unseren Kassenärztlichen Vereinigungen ist dies nur vorsorglich, schützend und gut gemeint im Kampf gegen Doppeluntersuchungen und Überdiagnostik. Aber hat es vielleicht noch einen anderen Sinn, dass wir davon abgehalten werden, das Füllhorn unserer medizinischen Möglichkeiten über unsere Schutzbefohlenen auszugießen?

Vor einigen Monaten kam ein Patient zur kardiologischen Kontrolle, die Herzuntersuchungen zeigten einwandfreie Befunde, zum Schluss hatte er noch einen Wunsch: „Herr Doktor, gucken Sie doch mal, ob meine Venen noch in Ordnung sind, für Sie ist das ein Klacks, und ich fühle mich besser damit!“ Na gut, so meinte ich, dass ist zwar nicht mein Auftrag, aber Patientenwünschen komme ich doch gerne nach, auch wenn ich von meiner KV nix dafür kriege. Dafür spare ich mir die umständliche Dokumentation, damit ich am Ende nicht draufzahle. Außer einer harmlosen Seitenastvarize war nichts nachweisbar, und er verlässt glücklich die Praxis.

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Drei Wochen später erreicht mich eine schriftliche Anfrage eines Sportvereins, ob bei besagtem Patienten körperliche Höchstleistungen möglich seien, insbesondere mit Blick auf Erkrankungen des Venensystems. Na schön, das ist auch nur ein Klacks, aber ich fühle mich etwas unwohl dabei, die gewünschte Bescheinigung auszustellen. Drei Wochen später fragt eine Wohnungsbaugesellschaft nach, ob bei meinem Patienten eine überaus schwerwiegende Erkrankung der Beingefäße bestehen würde. Ich sei von der Schweigepflicht entbunden, man habe die Aufforderung zum Einbau eines Lifts erhalten, weil seine Beine das Treppenhaus nicht mehr meistern könnten. Ob dies medizinisch zu begründen sei, möchte die Gesellschaft wissen. Das ist wahrlich kein Klacks mehr, und ich fühle mich ziemlich miserabel, als ich aus meinem Gedächtnis den Venenbefund krame, auf eine Dokumentation hatte ich Trottel ja verzichtet. Drei Wochen später wird eine Zusatzversicherung vorstellig. Man wolle eine explizite Bestätigung des hervorragenden Gesundheitszustandes meines Patienten, insbesondere das fehlerfreie Funktionieren seines Venensystems, ansonsten müsse man höhere Beiträge einfordern. Der Klacks wird zur Kröte, mir wird zunehmend übel, aber irgendwie kriege ich den Befund noch zusammen, hoffentlich gibt’s keine Rückfragen. Drei Wochen später fragt das Sozialgericht nach, was es mit meinem Patienten auf sich habe. Er würde einen hohen GdB fordern, auch Unterstützung im Haushalt, ich solle mich ausführlich und juristisch belastbar äußern. Der Klacks ist keine Kröte mehr, sondern eine Katastrophe! Was ist, wenn der zuständige Richter aussagefähige Dokumentationen einfordert?!

Was bin ich nur für Vollidiot! Liebe Kassenärztliche Vereinigung: Ich habe meine Lektion gelernt, ich mache so einen Mist nie, nie wieder!

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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