POLITIK

Wirtschaftliche Situation der Praxen: Ärzte erzielen höhere Einkommen

Dtsch Arztebl 2017; 114(6): A-243 / B-219 / C-219

Korzilius, Heike

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Der Jahresüberschuss der niedergelassenen Ärzte lag 2014 mit 156 000 Euro 6,7 Prozent über dem von 2011. Dennoch verdienen die Niedergelassenen einer Umfrage der Kassenärzte zufolge weniger als die Krankenhausärzte.

Die finanzielle Situation der niedergelassenen Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten hat sich im Mittel weiter verbessert. Trotzdem ist es finanziell oftmals attraktiver, angestellt in einem Krankenhaus zu arbeiten als selbstständig in eigener Praxis tätig zu sein. Das haben das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (Zi) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) am 2. Februar aus den Daten des aktuellen Zi-Praxis-Panels gefolgert. Die Ergebnisse beruhen auf einer Befragung von rund 5 000 Praxen im Jahr 2015 und beziehen sich auf den Berichtszeitraum 2011 bis 2014.

Die Zahlen des Zi-Praxis-Panels lassen darauf schließen, dass sich die wirtschaftliche Lage in den Praxen insgesamt verbessert hat. Der Anstieg der Betriebskosten um 8,9 Prozent zwischen 2011 und 2014, der in erster Linie auf Aufwendungen für Personal zurückging, konnte durch den Anstieg der Gesamteinnahmen je Praxisinhaber von 10,2 Prozent überkompensiert werden.

Durchschnittliche jährliche Veränderungsrate für Einnahmen, Aufwendungen und Jahresüberschuss je Inhaber in ausgewählten Fachgebieten im Zeitraum 2011 bis 2014
Grafik
Durchschnittliche jährliche Veränderungsrate für Einnahmen, Aufwendungen und Jahresüberschuss je Inhaber in ausgewählten Fachgebieten im Zeitraum 2011 bis 2014

Der Jahresüberschuss ist kein „Nettoeinkommen“

Die Jahresüberschüsse je Praxisinhaber stiegen im selben Zeitraum spürbar um 6,7 Prozent, wobei der Effekt fast ausschließlich auf Mehrerlöse im Jahr 2014 zurückzuführen ist. Im Vergleich zum Vorjahr verzeichneten die Ärzte damals ein Plus von 6,6 Prozent, weil in den Honorarverhandlungen mit der gesetzlichen Krankenversicherung die Morbiditätslast stärker berücksichtigt wurde, wie Zi-Geschäftsführer Dr. rer. pol. Dominik von Stillfried bei der Vorstellung der Praxis-Panel-Ergebnisse erläuterte. 2014 lag der Jahresüberschuss damit bei durchschnittlich 156 000 Euro je Praxisinhaber (2011: 140 000 Euro). Dabei fielen die Zahlen für die einzelnen Arztgruppen jedoch sehr unterschiedlich aus (siehe Tabelle).

Jahresüberschuss 2014 je Inhaber, Ø
Tabelle
Jahresüberschuss 2014 je Inhaber, Ø

„Der Jahresüberschuss darf nicht verwechselt werden mit dem Einkommen“, sagte von Stillfried. Davon abzuziehen seien die Altersvorsorge, Kranken- und Pflegeversicherung sowie die Einkommensteuer. Damit verblieben den Niedergelassenen rund 78 000 Euro „netto“ im Jahr. Von Stillfried betonte, dass vom Jahresüberschuss auch die Investitionskosten abgezogen werden müssten, die sich beispielsweise zwischen Allgemeinärzten und Radiologen deutlich unterschieden, weshalb man nicht einfach vom Jahresüberschuss auf das Einkommen schließen könne.

In dem arithmetischen Mittelwert von 156 000 Euro Jahresüberschuss komme zudem nicht zum Ausdruck, dass die wirtschaftliche Lage nach Art und Umfang der Praxistätigkeit sehr unterschiedlich ausfalle. Dem Panel zufolge hatten 25 Prozent der Praxisinhaber einen Jahresüberschuss von weniger als 88 500 Euro. 50 Prozent hatten einen Jahresüberschuss von weniger als 136 600 Euro und 75 Prozent der Praxisinhaber kamen auf weniger als 197 900 Euro. Mit Blick auf die Einkommensentwicklung der Niedergelassenen stellte von Stillfried klar, dass die Bedeutung der Einnahmen aus der privaten Krankenversicherung abnimmt, während die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) der wichtigste Faktor für die Stabilität der ärztlichen Honorare ist. 75 Prozent ihrer Einnahmen erzielten die Praxen über die gesetzlichen Krankenkassen.

Referenzwert ist das Gehalt eines Oberarztes in der Klinik

Kassen und KBV hatten sich erstmals im Jahr 2003 bei der Kalkulation des Einheitlichen Bewertungsmaßstabs (EBM) darauf geeinigt, dass ein Praxisinhaber bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 51 Stunden einen Überschuss erzielen sollte, der mindestens dem Gehalt eines Oberarztes im Krankenhaus entspricht. Dafür wurde zuletzt 2007 ein Referenzwert von 105 572 Euro vereinbart.

Um die Vergleichbarkeit der Einkommen in Praxen und Krankenhäusern zu gewährleisten, haben die Wissenschaftler des Praxis-Panels die Einnahmen, die Praxisinhaber aus der Behandlung mit privat Versicherten erzielten, auf das Niveau der gesetzlichen Krankenversicherung heruntergebrochen. Lege man diesen Maßstab an, dann sinke der Jahresüberschuss der Niedergelassenen auf 130 000 Euro, rechnete von Stillfried vor. Im Vergleich dazu liege das Jahreseinkommen eines Oberarztes je nach Diensterfahrung zwischen 132 000 und 140 000 Euro. Enthalten ist in dieser Summe der Arbeitgeberanteil zur Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung. Außerdem ist der Betrag zeitgewichtet, das heißt, es wird analog zu den niedergelassenen Ärzten eine wöchentliche Arbeitszeit von 51 Stunden angesetzt.

„Es gibt einen erheblichen Nachholbedarf beim kalkulatorischen Arztlohn“, folgerte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Gassen angesichts der Lücke zwischen dem standardisierten Jahresüberschuss der Niedergelassenen und dem Referenzwert der Oberarztgehälter. Zumal dann, wenn man berücksichtige, dass die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte das Unternehmerrisiko trügen und längere Wochenarbeitszeiten hätten. Denn dem Zi-Panel zufolge arbeiten angestellte Ärzte in der Regel deutlich weniger als selbstständige. Danach hatten die meisten Angestellten Arbeitsverträge über zehn, 20 oder 40 Wochenstunden. Die durchschnittliche Arbeitszeit der Praxisinhaber lag dagegen bei 50 Wochenstunden. Dabei arbeiteten im Schnitt Inhaber von Einzelpraxen mehr (50 Stunden) als Inhaber von Gemeinschaftspraxen (48 Stunden) und Praxisinhaber in ländlichen Regionen mehr (52 Stunden) als in städtischen (48 Stunden).

Obwohl dem Praxis-Panel zufolge im Jahr 2014 die Niedergelassenen ihre Situation überwiegend als gut bis sehr gut bewerteten, erklärte KBV-Chef Gassen: „Die Lage ist nicht so rosig, wie sie aussieht.“ Ihm bereite insbesondere die mangelnde Investitionsbereitschaft der Praxisinhaber trotz eines hohen Bedarfs Sorge. 2011 wendeten die befragten Praxen im Schnitt 13 800 Euro für Investitionen auf, 2014 waren es nur noch 12 700 Euro. Die mittleren Praxisinvestitionen stagnierten dabei auf niedrigem Niveau. Knapp 50 Prozent der niedergelassenen Ärzte investierten 2014 weniger als 2 700 Euro in ihre Praxen. Im Durchschnitt über alle Fachgruppen zeichnete sich zwischen 2011 und 2014 ein Rückgang der Investitionen von rund acht Prozent ab.

Praxen fehlt das Vertrauen in stabile Einkommen

Die Praxen würden Investitionen vor sich herschieben, weil ihnen das Vertrauen in die stabile Entwicklung ihrer Einkommen fehle, meinte KBV-Chef Gassen. Betrachte man die reale Einkommensentwicklung und beziehe die Inflation mit ein, hätten die Niedergelassenen in den Jahren 2011 bis 2013 jeweils Nullrunden hinnehmen müssen und erst 2014 einen Zuwachs verzeichnen können: „Wir müssen Einkommenssicherheit in den Praxen schaffen.“ Von der Politik forderte Gassen ein klares Bekenntnis zur ambulanten Versorgung. „Die Kernfrage lautet, will die Politik die bewährte Struktur der Gesundheitsversorgung erhalten oder die ambulante Versorgung am Krankenhaus zentrieren?“, fragte der KBV-Vorstand. Es müsse mehr Geld in die ambulante Versorgung fließen. „Nur dann können wir die Patientenversorgung sicherstellen und die Niederlassung für den ärztlichen Nachwuchs wieder attraktiv machen“, sagte Gassen. „Ein Unternehmer muss reüssieren können.“ Das gelte nicht nur für Ärzte, sondern für alle freien Berufe.

Heike Korzilius

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Durchschnittliche jährliche Veränderungsrate für Einnahmen, Aufwendungen und Jahresüberschuss je Inhaber in ausgewählten Fachgebieten im Zeitraum 2011 bis 2014
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Durchschnittliche jährliche Veränderungsrate für Einnahmen, Aufwendungen und Jahresüberschuss je Inhaber in ausgewählten Fachgebieten im Zeitraum 2011 bis 2014
Jahresüberschuss 2014 je Inhaber, Ø
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Jahresüberschuss 2014 je Inhaber, Ø

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