ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2017Über Gehirn und Knochenmark: Wie Stress das kardiovaskuläre Risiko erhöht

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Über Gehirn und Knochenmark: Wie Stress das kardiovaskuläre Risiko erhöht

Dtsch Arztebl 2017; 114(6): A-272 / B-242 / C-239

Hillienhof, Arne

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Menschen, die eine hohe Aktivität in der Amygdala aufweisen, könnten ein erhöhtes Risiko haben, einen Schlaganfall oder andere kardiovaskuläre Ereignisse zu erleiden. Im Lancet berichten die Forscher um Ahmed Tawakol vom Massachusetts General Hospital und der Harvard Medical School entsprechende Ergebnisse.

Stress ist ein unspezifischer Risikofaktor für kardiovaskuläre Ereignisse. Die Steigerung des Blutdrucks, die diabetogen wirkende Ausschüttung von Cortisol, ungesunde Kompensationsmechanismen wie Ernährung, Alkohol und Rauchen können eine Folge von Stress sein. Ob jedoch nicht auch andere, unabhängige Mechanismen eine Rolle spielen, bleibt häufig unklar. Tierstudien weisen darauf hin, dass Stress die Aktivität im Knochenmark steigert und inflammatorische Prozesse begünstigt.

Untersucht wurde vor allem die Aktivität der Amygdala. Diese Hirnstruktur steuert beispielsweise Reaktionen wie Angst und Wut. Insgesamt 238 Patienten erhielten im Rahmen der Studie ein 18F-FluordeoxyglukosePET/CT ihres Gehirns. Die Forscher erhoben nicht nur Daten zur Aktivität in den Amygdala, sondern auch im Knochenmark, zu Entzündungsprozessen in den Arterien und zum C-reaktiven Protein. Bei 13 Teilnehmern, die im Nebenbefund eine posttraumatische Belastungsstörung aufwiesen, untersuchten die Wissenschaftler außerdem die individuellen Stresslevel der Probanden über psychologische Befragungen.

Die Aktivität der Amygdala korrelierte in der Studie mit der Inflammation und der Knochenmarksaktivität. Subjektiv empfundener Stress schien ein Grund für die erhöhte Aktivität der Amygdala und der arteriellen Entzündungsreaktion zu sein. Außerdem wiesen die Teilnehmer mit dem höchsten Stresslevel die höchste Aktivierung der Amygdala auf.

Innerhalb der dreieinhalb Jahre, in denen die Forscher die Teilnehmer untersuchten, erlitten 22 Probanden ein kardiovaskuläres Ereignis. Eine starke Aktivität in der Amygdala war hierbei ein deutlicher Risikofaktor (Hazard Ratio = 1,59, KI = 1,27–1,98, p = < 0,0001).

Fazit: Ilze Bot und Johan Kuiper vom Leiden Academic Center for Drug Research in den Niederlangen bescheinigen der aktuellen Studie eine hohe klinische Relevanz. Bisher habe es zwar schon viele Untersuchungen gegeben, die eine Assoziation zwischen erhöhtem Stress und kardiovaskulären Erkrankungen zeigen konnten. Allerdings blieben sie alle eine Erklärung für die zugrunde liegenden Mechanismen schuldig, so Bot und Kuiper in ihrem Editorial. Jetzt erweise sich die Aktivität der Amygdala erstmals als ein robuster Prädiktor, als „wahrer Risikofaktor“ für kardiovaskuläre Erkrankungen.

Sie sehen darüberhinaus im Interleukin 6 den aussichtsreichsten Kandidaten, der als Mediator der Stressantwort infrage komme. Die Kommentatoren empfehlen, in künftigen Studien nicht nur das CRP als inflammatorischen Marker zu berücksichtigen, sondern ebenfalls die Serumkonzentrationen von IL-6. hil

Tawakol A, et al.: Relation between resting amygdalar activity and cardiovascular events: a longitudinal and cohort study. Lancet online 11. 01. 2017 http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140–6736(16) 31714–7/fulltext.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.