ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2017Nepal: Hilfe zur Selbsthilfe

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Nepal: Hilfe zur Selbsthilfe

Dtsch Arztebl 2017; 114(6): A-262 / B-235 / C-233

Wohlt, Christian

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Eine Gruppe deutscher Ärzte unterstützt seit Jahren ihre Kollegen in dem Himalaja-Staat dabei, eine moderne medizinische Versorgung aufzubauen. Es fehlt an vielem, nicht erst seit dem verheerenden Erdbeben 2015.

Spuren der Erdbeben im April und Mai 2015 sind in Kathmandu immer noch gegenwärtig. Fotos: Chris Wohlt (ct-press)
Spuren der Erdbeben im April und Mai 2015 sind in Kathmandu immer noch gegenwärtig. Fotos: Chris Wohlt (ct-press)

Nepal, fast zwei Jahre nach der Naturkatastrophe. Auf den ersten Blick ist von den Erdbebenfolgen nicht mehr viel zu sehen. Der Alltag in der Hauptstadt Kathmandu nimmt seinen gewohnt chaotischen Verlauf. Menschen eilen hektisch durch die Stadt. Händler bieten am Straßenrand ihre Waren feil. Die Luft im Talkessel ist von den Abgasen der vielen Fahrzeuge im Verkehrsgetümmel schwer. Doch wer sich näher umsieht, entdeckt viele Wunden: zerstörte Tempel, Geschäfts- und Wohnhäuser. Menschen leben noch immer in notdürftigen Behausungen, teils sogar in Zelten. Außerhalb der Hauptstadt sieht es noch schlimmer aus. Fast 9 000 Menschenleben und Zehntausende Verletzte forderten die beiden verheerenden Beben im April und Mai 2015.

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Es fehlt an vielem. Besonders Medikamente, ärztliches Know-how und medizinische Geräte sind rar – nicht erst seit der Katastrophe. Eine Gruppe deutscher Ärzte hilft seit Jahren ihren Kollegen in dem Himalaja-Staat, eine moderne medizinische Versorgung aufzubauen. Nepalmed nennt sich der im sächsischen Grimma ansässige Verein. Pulmologe Dr. med. Arne Drews und seine Ehefrau Silke haben ihn vor Jahren mit Gleichgesinnten ins Leben gerufen. Bei einer Reise während des Studiums hatten sich die beiden ineinander und auch in das exotische Land verliebt. Schnell fanden sie im Kollegenkreis Unterstützer und Mitstreiter. Rund 530 Mitglieder, Ärzte und medizinisches Personal aller Fachrichtungen sowie Familienangehörige zählt der im Jahr 2000 gegründete Verein heute. Die meisten kommen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Auch Dr. med. Bärbel und Dr. rer. nat. Michael Reiser hatten sich bei einem Urlaub mit dem „Nepal-Virus“ infiziert. Das Land ließ sie ebenfalls nicht mehr los. Als die in Haldensleben praktizierende Hausärztin bei einem Vortrag in Magdeburg den Pulmologen Drews kennenlernte und vom Nepalmed-Projekt hörte, stand für sie fest: „Da machen wir mit.“ Seit knapp zehn Jahren wirken sie nun im Verein und sind einen Großteil ihres jährlichen Urlaubs in dem Land auf Helfermission unterwegs. Michael Reiser, der viele Jahre lang in Salzwedel medizinische Dokumentationsassistentinnen ausgebildet hatte, würde sogar für einen längeren Zeitraum nach Asien gehen, um dort angehenden Krankenschwestern und -pflegern das moderne Wissen zu vermitteln.

Da in Nepal das Gesundheitssystem wenig ausgebaut ist und nur ein geringer Teil der Bevölkerung Zugang zu medizinischer Hilfe hat, fördert Nepalmed nepalesische Initiativen auf dem Gebiet des Gesundheitswesens, insbesondere zur Aus- und Weiterbildung von medizinischem Personal, hilft aber auch bei der Finanzierung von baulichen und Instandhaltungsmaßnahmen in Krankenhäusern. Regelmäßig sind Vertreter des Vereins vor Ort, nicht nur um Spenden zu bringen und sich von deren Verwendung zu überzeugen.

Es gibt kein Notrufsystem

Beim jüngsten Besuch im Oktober 2016 trafen Silke und Arne Drews am Lehrkrankenhaus des Kathmandu Medical College einen nepalesischen Kollegen, der vor drei Jahren bei ihnen einen Lungenfunktionskurs absolviert hatte. In einer auch vom sächsischen Pulmologenverband unterstützten Studie geht Associate Prof. Dr. Sanjeet Krishna Shrestha nun den Ursachen von allergischem Asthma auf den Grund. Asthma und chronische Bronchitis sind dort weit verbreitet.

Für das Grande International Hospital Kathmandu brachten die deutschen Gäste unter anderem Geräte zur Lungenfunktionsdiagnostik mit und unterwiesen die Ärzte der pulmologischen Abteilung, einer von nur dreien im ganzen Land, in der Anwendung. Mit Spenden aus Deutschland finanziert wurde auch ein moderner Rettungswagen, einer der wenigen in der Hauptstadt überhaupt. In anderen Regionen kann man von solchem Luxus nur träumen. Ein funktionierendes Notrufsystem gibt es im ganzen Land nicht. Kranke werden meist zu Hause betreut. Selten wird ein Krankenhaus aufgesucht. Im Notfall übernehmen Verwandte oder Taxis den Transport.

Spende aus Deutschland: Der moderne Rettungswagen ist einer von wenigen in der Hauptstadt.
Spende aus Deutschland: Der moderne Rettungswagen ist einer von wenigen in der Hauptstadt.

Lob für privates Engagement

Am Kirtipur Hospital am Rande Kathmandus konnte derweil eine von Nepalmed und dem Verein Action Medeor finanzierte Radiologische Station, deren Kernstück ein Computertomograf ist, in Betrieb genommen werden. Sie stellt für die Einrichtung einen gewaltigen Fortschritt in der Diagnostik dar. Der deutsche Botschafter in Nepal, Matthias Meyer, forderte anlässlich der Einweihung der Station ein stärkeres Engagement Deutschlands in Nepal. Durch private Initiativen sei mehr Hilfsgeld in das arme Land geflossen, als durch die offizielle Erdbebenhilfe der Bundesregierung, sagte er.

Von politischen und bürokratischen Hürden wird aber auch das Engagement der privaten Helfer gebremst. So sollte bei einem weiteren Nepalmed-Projekt am Krankenhaus in Amppipal eigentlich längst das neue Schwesternwohnheim übergeben werden. Eine monatelange Blockade an der indischen Grenze verzögerte die Materiallieferung und damit die Fertigstellung. Nun konnte zumindest Richtfest gefeiert werden. Amppipal ist ein kleines Dorf im Bergland Nepals im südwestlichen Teil des Distrikts Gorkha. Die deutschen Ärzte sind dort seit vielen Jahren engagiert.

Täglich kommen zwischen 50 bis 100 Patienten zur Behandlung in das Hospital. Die meisten von ihnen haben internistische Krankheiten wie Asthma, chronische Bronchitis, Durchfall, Typhus, Würmer, Fieber, Infekte oder Ähnliches. Das Krankenhaus bietet allen Patienten ambulante und stationäre Versorgung. Ein modernes Röntgengerät sowie ein Ultraschallgerät stehen zur Verfügung und eine Vielzahl an Laboruntersuchungen sind möglich. Außerdem werden Schwangerenvorsorge und Nachsorgeuntersuchungen sowie Impfprogramme im Hospital durchgeführt. Die Impfstoffe für Kinder werden kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Krankheiten, die in Europa längst ihren Schrecken verloren haben, fordern in Nepal noch immer viele Opfer. „Dabei kann mit relativ geringem Aufwand viel getan werden, um das zu verhindern“, sagt Drews. Ein weiteres wichtiges Thema sei die Familienplanung. Viele Kinder gelten in dem armen Land noch immer als beste oder sogar einzige Altersvorsorge. Die Bevölkerungszahl Nepals ist in den vergangenen Jahrzehnten rasant auf derzeit knapp 27 Millionen Menschen gestiegen. Gleichzeitig wuchs die Armut in dem Land.

Christian Wohlt

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