ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2017Individualpsychologie: Deutung auf sehr eigene Weise

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Individualpsychologie: Deutung auf sehr eigene Weise

PP 16, Ausgabe Februar 2017, Seite 86

Ohm, Klaus

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Das zentrale Kriterium für die seelische Gesundheit ist in der Lehre Adlers das Gemeinschaftsgefühl. Die Autorin findet einen neuen Zugang zu diesem Phänomen, indem sie es mit der Lebensphänomenologie (Michel Henry, Rolf Kühn, Karl Heinz Witte) zusammen denkt. Lebensphänomenologie fragt danach, wie Leben für uns erfahrbar ist. Wir erfahren es in der Weise, wie Gefühle, Gedanken, Vorstellungen in unserem Bewusstsein auftauchen. Unser Seelenleben ist ein „Ort“ spontaner Aktivität. Es liegt dem Ich voraus, ist Bewegung, ist schöpferische Kraft und ereignet sich in Verbundenheit schlussendlich mit allem. Das ist der Urgrund, so Eife, den Adler das Gemeinschaftsgefühl nannte. Es ist nicht etwas, was wir herstellen müssen oder können – es ist uns gegeben, es ist das Leben selbst. Diese Gedanken stützt die Autorin mit zahlreichen Zitaten aus der Philosophie, aus der Neurobiologie und last, but not least, aus der Psychoanalyse. Das so gedachte Gemeinschaftsgefühl erfährt im Prozess der Erziehung unvermeidbare Verletzungen, Versagungen, die das Menschenjunge in die Isolation stürzen. Dort entsteht eine fundamentale Unsicherheit und Angst. Um die Wiederholung derartiger Erfahrungen zu meiden, entwickelt der Betroffene seinen Lebensstil; Fiktionen, Abstraktionen, die einen hohen Preis haben: Sie legen sich wie ein Filz über die Erfahrung des Lebensflusses, der eigenen Lebendigkeit, der Verbundenheit, nach der sich der Mensch sehnt: Ein verzweifelter Selbstheilungsversuch, der zum Scheitern verurteilt ist. Der Weg zur Erfahrung der eigenen Lebendigkeit geht über den Kontakt mit dem Leben der Therapeutin. Wenn sich der in der Sitzung ereignet, ist eine Erfahrung von höchst heilsamen Charakter entstanden.

Vor diesem Hintergrund hat die Autorin ihre individualpsychologische Sichtweise an Fallvignetten aus der therapeutischen Praxis heraus dargestellt. In denen werden dann alle großen Themen der Individualpsychologie entfaltet und durchdacht. Dabei arbeitet die Autorin ihre Deutungen sehr differenziert und konkret an den Sichtweisen anderer Schulen und Konzepte (Fonagy, Stern, Fosshage) ab. Klaus Ohm

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Gisela Eife: Analytische Individualpsychologie in der therapeutischen Praxis. Das Konzept Alfred Adlers aus existenzieller Perspektive. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2016, kartoniert, 258 Seiten, 29 Euro

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