SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Jean-Martin Charcot begründete die moderne Neurologie

Dtsch Arztebl 2017; 114(7): [68]

Schuchart, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Die Entwicklung der Neurologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat kein anderer so geprägt wie der französische Arzt Jean-Marie Charcot. Seit 1882 führte er den weltweit ersten Lehrstuhl für Krankheiten des Nervensystems an der Pariser Salpêtrière.

Wie wunderbar es doch sei, dass es Menschen gebe, die in der Medizin plötzlich neue Krankheitszustände erkennen könnten, die vermutlich so alt seien wie das Menschengeschlecht, rühmte Sigmund Freud seinen Kollegen Jean-Martin Charcot, der Ende des 19. Jahrhunderts an der Salpêtrière die Hysterie erforschte. Dabei interessierte den Wiener Psychiater nicht so sehr die Übereinstimmung mit seinen eigenen Ideen, als vielmehr, dass der Franzose die Hysterie zum Gegenstand medizinischer Forschung gemacht hatte. 1885 verbrachte Freud zu Studienzwecken mehrere Monate an der Klinik des weltberühmten Nervenarztes in Paris. Dort erlernte er die Technik der Hypnose, die Charcot in der Behandlung der Hysterie einsetzte, und übertrug einige von dessen legendären Dienstagsvorlesungen ins Deutsche.

Der Hypnoseforschung hatte sich Charcot erst in seinen späteren Jahren zugewandt, als er herausfand, dass damit traumatisch bedingte Lähmungen beeinflussbar sind. Mit seinen jahrzehntelangen wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Gebiet der Anatomie und Pathologie des Nervensystems hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits Medizingeschichte geschrieben (siehe Kasten).

Am 29. November 1825 wurde Jean-Martin Charcot als Sohn eines Handwerkers, eines Wagenbauers, in Paris geboren und studierte an der Sorbonne Medizin. 1853 promovierte er mit einer Arbeit über Gelenkrheumatismus und arbeitete danach am Krankenhaus. Bereits mit 37 Jahren, 1862, wurde er Chefarzt an der Salpêtrière, der damals mit mehr als 6 000 Betten bedeutendsten psychiatrischen Anstalt in Europa, an der Epileptiker und Schizophrene ebenso behandelt wurden wie Patienten mit Demenz, Tics oder neurodegenerativen Bewegungsstörungen. Die Sorbonne übertrug ihm 1872 eine Professur für pathologische Anatomie; 1882 wurde für ihn der weltweit erste Lehrstuhl für Krankheiten des Nervensystems an der Salpêtrière geschaffen.

Es war die Zeit, als Ärzte begannen, die physisch-anatomischen Ursachen von Krankheiten des Gehirns und der Nerven zu erkunden. Charcot wirkte dabei an vorderster Front: Als Erster beschrieb er die fortschreitende, irreversible Degeneration von Nervenzellen, die die Muskelbewegungen steuern, die „Charcot-Krankheit“, die seit 1969 auch Amyotrophe Lateralsklerose heißt. Sein Name ist auch mit dem entscheidenden Durchbruch in der Erforschung der Multiplen Sklerose verbunden: Der visionäre Neurologe untersuchte den Zusammenhang zwischen den bei Obduktionen gefundenen pathologischen Befunden und den damals völlig rätselhaften Symptomen der neuen Krankheit und grenzte die MS vom Morbus Parkinson ab.

Dennoch ist Charcot heute vor allem durch seine Hysteriestudien bekannt, die er öffentlichkeitswirksam im Vorlesungssaal an hypnotisierten Patientinnen demonstrierte. Das Publikum strömte dazu von weither nach Paris und bestand neben Medizinern wie Freud auch aus Schriftstellern oder Journalisten. Freud gelangte über die Hypnose zur Theorie des Unbewussten und entdeckte damit eine neue Ursache für psychische Erkrankungen. Allerdings vertrat Charcot die Auffassung, nur Kranke, nur Hysteriker, könnten hypnotisiert werden – ein Irrtum, den er kurz vor seinem Tod 1893 eingestand. In seinem Nachruf sagte Freud über den charismatischen Mediziner: „Er war kein Grübler, kein Denker, sondern eine künstlerisch begabte Natur, beziehungsweise wie er es selbst nannte, ein Visuel, ein Seher.“

Sabine Schuchart

Charcot-Trias und Charcot-Krankheit

1868 verfasste der Neurologe Jean-Martin Charcot eine umfassende Beschreibung der Multiplen Sklerose, die bis dato noch nicht als eigenständige Krankheit angesehen wurde – ein Jahrzehnt später ging der für derartige Schädigungen im Kleinhirn typische Symptomkomplex aus Nystagmus, Intentionstremor und skandierender Sprache als „Charcot-Trias“ in die Medizingeschichte ein. Doch dies ist nur eines von vielen Krankheitsbildern, die nach dem Pionier der Neurowissenschaften benannt sind. Unter anderem erforschte Charcot als Erster die „Amyotrophe Lateralsklerose“ oder „Charcot-Krankheit“, eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems, an der heute etwa der britische Physiker Stephen Hawking leidet. Weitere Beispiele sind das „Charcot-Syndrom“ (die sogenannte Schaufensterkrankheit oder Claudicatio intermittens), das „Charcot-Zeichen“ für den Steppergang beziehungsweise die „Predigerhand“ bei bestimmten Muskellähmungen und der „Charcot-Fuß“, eine Sonderform der durch Diabetes bedingten Nervenschädigung des Fußes.

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige