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Praxissoftware: Die falsche Rechnungsadresse

Dtsch Arztebl 2017; 114(7): A-287 / B-255 / C-251

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Die Kostenfrage war bereits bei der Einführung des Medikationsplans ein Ärgernis für die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte. Denn einige Unternehmen ließen sich das notwendige Update der Praxisverwaltungssoftware (PVS), das eigentlich Bestandteil des Softwarevertrags sein sollte, von den Vertragsärzten gut bezahlen. Ein gesetzlicher Auftrag könne nicht zulasten der niedergelassenen Ärzte finanziert werden, kritisierte zudem die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV).

Jetzt ist der nächste Ärger programmiert: Die Einführung eines Arztinformationssystems, mit dem bei der Verordnung von Arzneimitteln über die Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses informiert werden soll. Wieder ein Auftrag des Gesetzgebers und wieder befürchtet der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Gassen Mehrkosten für die Niedergelassenen. Die Ärzte zahlen zu lassen, ist aus Sicht der Hersteller ein einfacher Weg. Aber die Ärzte sind die falsche Rechnungsadresse. Hier sind der Gesetzgeber und die Krankenkassen gefragt. Man muss sich fragen, warum in einem ansonsten oft überregulierten Gesundheitswesen die Politik für einen gesetzlichen Auftrag keine Linie für die Finanzierung vorgegeben hat. Diese analog der Regelung zur Kostenübernahme durch die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung im Rahmen der Tele­ma­tik­infra­struk­tur umzusetzen, wie es Gassen vorschlägt, wäre eine sinnvolle Lösung gewesen.

Neben der Finanzierung ist die Schnittstellenproblematik ein großes Manko der PVS, das Ärzte Zeit und Geld kostet. Dass es immer noch keine gesetzliche Anforderung gibt, eine einheitliche Schnittstelle zwischen den Systemen zu schaffen, lässt den Ärzten keine Möglichkeit, drohenden Mehrkosten durch einen Anbieterwechsel zu entgehen. Wettbewerb? Fehlanzeige.

So ist es nur folgerichtig, dass Gassen in einem Brief an Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) fordert, dass die KBV selbst Softwaremodule entwickeln darf. Deren Schnittstellen müssten Vorgabe für die anderen Hersteller sein, wie Gassen erläuterte. Logische Folge: Mangelnde Kompatibilität und Interoperabilität würden abgebaut. Wie sehr diese die Informationstechnologie im Gesundheitswesen belasten, kann man seit mehr als einem Jahrzehnt im Rahmen der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte beobachten. Der KBV-Chef sieht hier die KBV als Dienstleister, denn die jeweiligen Software-Module will die KBV den Vertragsärzten kostenfrei zur Verfügung stellen. Der Streit um Mehrkosten wäre damit obsolet, einfachere Organisation inklusive.

Denkt man dieses Dienstleistungsprinzip der KBV langfristig weiter, so kann es für die Vertragsärzte Erleichterungen bedeuten. Nicht nur die Praxissoftware, auch die Hygiene- und Qualitätsanforderungen sorgen für große Aufwände in einer Arztpraxis. Vielleicht auch ein Grund, warum junge Ärztinnen und Ärzte vor einer Niederlassung zurückschrecken. Denn im Krankenhaus sind sie es gewohnt, dass ihnen diese Aufgaben von Krankenhausverwaltungen abgenommen werden.

Daher wäre die Unterstützung der KBV, indem sie selbst Praxissoftware entwickelt und damit Schnittstellen vorgibt, ein erster Schritt, um Vertragsärzten nicht nur Kosten zu sparen, sondern auch die Niederlassung indirekt etwas attraktiver zu machen.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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    Alexander Wilms
    am Samstag, 18. Februar 2017, 12:48

    Software von der KBV?

    Sehr geehrter Herr Schmedt,

    dass Herr Gassen sich die Befugnis, eigene Software zu entwickeln, wünscht, ist nachvollziehbar, schließlich ist dies ein langgehegter Wunsch der KBV. Dass er die Eigenentwicklung als einzigste Lösung sieht, die Ärzteschaft von zusätzlichen Kosten zu entlasten, ist deswegen verständlich. Ausgeblendet werden andere Optionen, wie etwa die Förderung der Anschaffung zusätzlicher Software, so wie es bei der Umstellung der Kartenlesegeräte für die eGK ja auch praktiziert wurde. Die KBV könnte auch auf Regelungen hinwirken, die die Hersteller von Praxissoftware verpflichten würden, gesetzliche Anforderungen im Rahmen ihrer Softwarepflege für die Ärzteschaft kostenlos zur Verfügung zu stellen. Ob die Praxis einiger Hersteller, für das Update zum Medikationsplan zusätzliche Gebühren zu verlangen, überhaupt mit den bestehenden Verträgen vereinbar war, hat die KBV auch nicht geprüft.

    Bei der geforderten Schnittstellenlösung wird überhaupt nicht dargelegt, welche Systeme durch die Schnittstelle verbunden werden sollen. Sie schreiben, es gebe für die Ärztinnen und Ärzte keine Möglichkeit, den Anbieter zu wechseln, da es keine einheitliche Schnittstelle zwischen den Systemen gebe. Mit Verlaub, aber dies ist einfach falsch. Es gibt schon seit vielen Jahren den einheitlichen BDT-Standard, der es erlaubt, Daten aus Praxissystemen zu exportieren und in andere System zu importieren. Dieser wird geschätzt von mehreren tausend Praxen im Jahr auch verwendet, um ihr System zu wechseln. Das Verfahren ist bewährt und wird auch von allen Anbietern unterstützt, denn jeder ist natürlich daran interessiert, dass Praxen auf sein System wechseln.

    Zwar ist es richtig, dass Schnittstellen erlauben, verschiedene Systeme miteinander zu koppeln und auch leichter auszutauschen. IT-Fachleute wissen aber auch um die Probleme, die Schnittstellen so mit sich bringen - eingeschränkter Bedienkomfort, Inkompatibilitäten und Performance-Einbußen. Und es steht zu befürchten, dass sich manche Software-Hersteller zukünftig dann eben nicht die neuen Funktionen extra bezahlen lassen, sondern die Schnittstellen-Anbindung zur KBV-Software.

    Wenn Sie sich die öffentlich zugänglichen Statistiken der KBV ansehen, dann erkennen Sie aus den Bewegungen, dass es im Markt für Praxissoftware sehr wohl Wettbewerb gibt. Das beste Zeichen für funktionierenden Wettbewerb ist, dass es eine Reihe neuer Hersteller mit innovativen Konzepten und Technologien gibt, zu denen die Praxen hinwechseln. Würde die KBV hier selbst Software entwickeln, würde aus diesem Markt ein Monopol werden, und niemand hätte einen Anreiz, den Fortschritt voranzutreiben.

    Es scheint mir, als werde hier Wettbewerb mit Systemintegration verwechselt. Dass die verschiedenen Systeme der Gesundheitswirtschaft heute noch nicht ausreichend integriert sind, liegt nicht an der Unfähigkeit der Industrie, sondern am desolaten Zustand der von der öffentlichen Hand, darunter der KBV, getriebenen Integrationsprojekte wie der Telematik-Infrastruktur. So wurde das Interoperabilitätsverzeichnis, dass einheitliche klinische Datenstrukturen für den Austausch zwischen verschiedenen Systemen definiert, seit Jahren vernachlässigt, obwohl dieses die Grundvoraussetzung für einen verbesserten Datenaustausch zwischen den Systemen darstellt.

    Lieber Herr Schmedt, ich habe nicht das Gefühl, dass Sie die Argumentation der KBV wirklich kritisch hinterfragt haben. Natürlich ist es einfach, im Wahlkampf plakativ gegen die Softwarehersteller vorzugehen, von denen sich einige in der Tat nicht besonders fair ihren Kunden gegenüber verhalten. Nach der Wahl stellt man dann aber plötzlich fest, dass das alles doch nicht ganz so einfach ist.


    Disclaimer: Alexander Wilms ist Geschäftsführer der RED Medical Systems GmbH, dem Anbieter der webbasierten Arztsoftware RED Medical, die ihren Kunden alle gesetzlichen Änderungen ohne Aufpreis zur Verfügung stellt.

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