SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Stolz

Dtsch Arztebl 2017; 114(8): [68]

Böhmeke, Thomas

Der Wecker klingelt. Ich springe aus dem Bett, voller Energie, denn ich will heute die Speerspitze sein gegen marodierende ventrikuläre Tachykardien, furchterregende Myokardischämie, die Katastrophen kritischer Klappenfehler. Derart Ungemach in Schach zu halten erfüllt mich mit so viel Stolz wie der Ender-Nagel im frakturierten Humerus, der Clip auf dem Gefäßstumpf des blutenden Magenulcus. Leben verlängern und Leiden lindern! Ich werde keine Sekunde zögern, vom Versagen bedrohte Herzen zur Transplantation anzumelden, infarktverursachende Koronarstenosen zu dilatieren, embolisierende Thrombosen in Schach zu halten. Und ich bin froh und glücklich, dass ich in einem Gesundheitssystem tätig sein darf, wo ich all dies in die Wege leiten kann, jedem hilfebedürftigen Menschen, gleich ob er privat oder gesetzlich versichert ist, jegliche Hilfestellung der modernen Medizin umfassend zur Verfügung zu stellen.

Schon meine erste Patientin an diesem Morgen stellt mich vor schier unlösbare Herausforderungen, die mein gesamtes Können auf den Prüfstand stellen. „Herr Doktor, ich fühle mich soooo schwach morgens, das können Sie gar nicht glauben!“ Natürlich glaube ich ihr! Was könnte das sein? Welche Erkrankung setzt ihr nachts derart zu, dass sie am Morgen gar nicht mehr auf die Beine kommt? Kritische Koronar-ischämien in den Morgenstunden mit drohender linkskardialer Dekompensation, also vom Herzwasser erwürgte Lungenbläschen? „Ach nein, ich war doch vor Kurzem in der Herzklinik, die haben dort alles gemacht, sogar Herzkatheter, da ist alles in Ordnung!“ Aha.

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Vielleicht sind grässliche Blutdruckkrisen, die marternd in den Morgenstunden das Gehirn malträtieren, die Ursache? „Nee, da liegen Sie falsch, mein Hausarzt hat schon viele Langzeit-Blutdruckmessungen gemacht, die Werte sind wie bei einem jungen Mädchen!“ Oh, das wird schwierig. Aber ich bin stolz, froh und glücklich, dass mir unser Gesundheitssystem die Gelegenheit bietet, sämtliche Differenzialdiagnosen in aller gebotenen Tiefe ausloten zu dürfen. Also, könnten es asthmatische Anfälle sein, weil nachts die Bronchien viel enger sind? Gar exogen-allergisch getriggert? „Nee, ich war doch in der Lungenklinik, die haben mich auf dem Kopf gestellt, da ist nichts!“ Könnte es sich um eine Depression handeln, die sie nachts unendlich grübeln lässt, am kommenden Morgen kann sie sich kaum aufraffen, die ersten wärmenden Sonnenstrahlen erreichen gar nicht ihr Herz und ihre Seele?

„Ach, was. Ich war wochenlang in so einer Klinik, aber die meinten, alles sei völlig in Ordnung! Hören Sie mal, dass ich morgens so schwach bin, das liegt nur daran, dass ich keine Lust habe, aufzustehen! Weil, mein Mann ist so ein früher Vogel, und der meint, ich müsste ihm dabei helfen, seine Unterschenkelkompressionsstrümpfe morgens anzuziehen, obwohl der das auch alleine könnte. Nee, wissen Sie, das ist zu viel verlangt, mein Morgenschlaf ist mir heilig! Und daher muss der Pflegedienst ran, und die Kasse weigert sich, aber das lasse ich mir nicht gefallen! Ich gehe bis zum Äußersten, bis vor‘s Gericht!“

Ich bin stolz, froh und glücklich, dass wir eine Gesundheitsversorgung haben, die es ermöglicht, den ungestörten Morgenschlummer vor Gericht zu verteidigen.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck

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