ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2017Pakistan: Impfaktionen laufen oft ins Leere

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Pakistan: Impfaktionen laufen oft ins Leere

Dtsch Arztebl 2017; 114(8): A-364 / B-314 / C-308

Merten, Martina

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Impfungen schützen vor Erkrankungen. Davon könnten vor allem Kinder profitieren, die unterernährt sind und in Armut und unter schlechten hygienischen Verhältnissen aufwachsen. Doch das Bewusstsein dafür ist wenig ausgeprägt.

Karachi – die Millionenstadt im Südwesten Pakistans leidet unter ihrer mangelnden Infrastruktur.
Karachi – die Millionenstadt im Südwesten Pakistans leidet unter ihrer mangelnden Infrastruktur.

Dr. Tahir Aziz Shaikh sitzt in einem abgedunkelten Raum. Während er spricht, spielt er mit einem Kugelschreiber, den er in den Händen hält. Er wirkt grimmig. Shaikh leitet ein staatliches Gesundheitszentrum in Kemari, einem Stadtteil im Süden von Karachi. Gesundheitszentren wie dieses gibt es viele in der Millionenmetropole in der Provinz Sindh im Südwesten Pakistans. Woran es allerdings mangelt, bringt Shaikh zügig auf den Punkt: an allem. Patienten, die hier ärztliche Hilfe suchten, müssten zwar nichts bezahlen. Geboten werden könne ihnen allerdings auch nicht viel. Außer Plakaten an der Wand in einem kleinen Raum, in dem Medikamente an Patienten ausgegeben werden und einem lediglich mit einem Tisch ausgestatteten Untersuchungsraum findet man hier nichts. Auch deshalb, erklärt Shaikh, sei das Einzige, was die Ärzte hier anbieten könnten, Impfungen.

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Viele leben von weniger als zwei Dollar am Tag

Impfungen spielen in einem Land wie Pakistan, in dem 60 Prozent der 180 Millionen Einwohner von weniger als zwei Dollar am Tag leben müssen, eine große Rolle. Sie kosten den Einzelnen nichts, gleichzeitig bilden sie den Grundschutz gegen eine Vielzahl von Erkrankungen, gerade im Kindesalter. Doch der Bevölkerung ein Bewusstsein für die Bedeutung von Impfungen zu vermitteln, sei in einem Land wie Pakistan nicht einfach, erklärt Dr. Muhammad Shahid Hussain, Leiter der Abteilung für Kinderheilkunde am Darul Sehat Krankenhaus in Karachi. Sieben Millionen Kinder würden Jahr für Jahr in Pakistan geboren. Viele Eltern wüssten jedoch nicht, wie wichtig eine Grundimmunisierung gleich nach der Geburt und in den ersten Lebensjahren für die Kinder sei. Dabei sei ein wirksamer Impfschutz gerade bei unterernährten und kranken Kindern lebenswichtig, ergänzt Prof. Iqbal A. Memon, ehemaliger Präsident der Pakistanischen Vereinigung für Kinderheilkunde. Memon zufolge sind 40 Prozent der Schwangeren in Pakistan fehl- oder unterernährt. Ihre Kinder kämen mit einem Geburtsgewicht von weniger als 2,5 Kilogramm auf die Welt. Auch in den Folgejahren erhielten Kinder nicht ausreichend zu Essen. In der Provinz Sindh seien 40 bis 50 Prozent der Kinder unterernährt. Weitere 20 bis 40 Prozent könnten sich eine ausgewogene Ernährung nicht leisten.

Die Regierung Pakistans weiß um die Bedeutung von Impfungen in ihrem Land. Sie will einen noch stärkeren Fokus auf Routineimpfungen und auf Mutter-Kind-Gesundheit legen. Allerdings sei insbesondere in den Provinzen des Landes, in denen besonders viele arme Menschen lebten und der Bildungsstand entsprechend niedrig sei, das Bewusstsein für die Bedeutung von Impfungen nicht sehr ausgeprägt, räumt Muhammad Ayub Shaikh, Staatssekretär im pakistanischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium, im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt in Islamabad ein. In Sindh zum Beispiel sei nur etwa die Hälfte der Kinder geimpft.

Nicht geimpft: Der Hälfte der Kinder in der Provinz Sindh fehlt ein wirksamer Impfschutz. Fotos: Bahzad Khan
Nicht geimpft: Der Hälfte der Kinder in der Provinz Sindh fehlt ein wirksamer Impfschutz. Fotos: Bahzad Khan

Die Impfhelfer gehen von Tür zu Tür

Routineimpfungen gegen die wichtigsten Kinderkrankheiten, wie die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) sie empfiehlt, gibt es in Pakistan seit 1978. Dazu zählt auch die Impfung gegen Poliomyelitis. Pakistan gilt neben Afghanistan und Nigeria als eines der weltweit letzten Länder, in denen die Viruserkrankung noch nicht ausgerottet werden konnte. 2016 waren dort nach Angaben der Globalen Initiative zur Eradikation der Kinderlähmung (GPEI) 19 Kinder von Polio betroffen. Zu Beginn der Kampagne in Pakistan im Jahr 1994 traten jährlich 20 000 Fälle auf.

Die Impfkampagnen der GPEI finden in Ergänzung zu den Routineimpfungen das ganze Jahr über statt. Einmal im Monat gehen Impfhelfer von Tür zu Tür und führen Impfungen durch. Zusätzlich gibt es an kleinen Gesundheitszentren wie dem in Kemari oder an Krankenhäusern feste Stützpunkte, an denen Familien ihre Kinder gegen Polio impfen lassen können, erklärt Emma Sykes, die bei der WHO in Islamabad für die Öffentlichkeitsarbeit im Polioprogramm zuständig ist.

Die an der Impfkampagne beteiligten Akteure – allen voran Mitarbeiter der WHO, von Unicef, Rotary International und der pakistanischen Regierung – mussten jedoch immer wieder feststellen, dass Kinder trotz Impfung an Polio erkrankten. Der Hauptgrund hierfür ist ihr schlechter Gesundheitszustand. Zu den neuen Schwerpunkten von GPEI zählt deshalb seit 2015 die gleichzeitige Gabe von inaktiviertem Polioimpfstoff und Lebendimpfstoff. „Inzwischen erhalten vier Millionen Kinder in Pakistan eine Kombination beider Impfstoffe“, erklärt Dr. Rana Safdar, Leiter des Emergency Operation Center, das das Programm von Islamabad aus koordiniert.

Häufige Stromausfälle unterbrechen die Kühlkette

Für Impfprobleme macht Dr. Nadir Siddiqui, stellvertretender Leiter des nationalen Impfprogramms in Sindh, aber auch die fehlende Infrastruktur verantwortlich. Die häufigen Stromausfälle in Pakistan führten dazu, dass die Kühlkette der Impfstoffe unterbrochen werde, mangels Benzin erreichten die Impfhelfer ihre Patienten oft nicht. Außerdem fehle es an finanziellen Anreizen, um genügend Impfhelfer zu rekrutieren. Siddiqui: „Manchmal haben sie für das wenige Geld, das sie von der Regierung bekommen, einfach keine Lust mehr.“

Martina Merten

Die Globale Initiative zur Polioeradikation

1985 rief Rotary International mit PolioPlus die erste Initiative ins Leben, die sich das Ziel setzte, Polio weltweit auszurotten. Die Global Polio Eradication Initiative entstand 1988 und ist eine öffentlich-private Partnerschaft, der neben Rotary die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO), die US-Gesundheitsbehörden, Unicef, die Bill & Melinda Gates Foundation sowie verschiedene Regierungen angehören. Damals erkrankten noch jährlich 350 000 Kinder an der Viruserkrankung oder erlitten Lähmungen. Zu Beginn der Initiative traten in Pakistan rund 20 000 Fälle pro Jahr auf. Zuletzt, 2016, wurden dort 19 Fälle registriert. Ziel der Weltgemeinschaft ist es, Polio bis 2019 auszurotten.

Zur Finanzierung der globalen Kampagne trugen zwischen 1985 und 2015 folgende Geldgeber bei: Deutschland: 529 Millionen US-Dollar; EU: 251 Millionen US-Dollar; Frankreich: 39 Millionen US-Dollar; Norwegen: 305 Millionen US-Dollar; USA: 2,6 Milliarden US-Dollar; Bill und Melinda Gates-Stiftung: 2,8 Milliarden US-Dollar; Rotary International: 1,6 Milliarden US-Dollar und GAVI: 182 Millionen US-Dollar. 1,5 Milliarden US-Dollar fehlen noch im Kampf gegen Polio.

2016 hat Deutschland Pakistan zehn Millionen Euro für den Kampf gegen Polio zugesagt. Davon soll die erste Tranche in Höhe von 7,5 Millionen Euro im zweiten Quartal 2017 ausgezahlt werden (fünf Millionen Euro an die WHO, 2,5 Millionen Euro an Unicef). Die zweite Tranche in Höhe von 2,5 Millionen Euro geht vollständig an die WHO und wird zu einem noch nicht festgelegten Zeitpunkt ausgezahlt.

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