Supplement: Perspektiven der Pneumologie & Allergologie

COPD: Was vor und auf Reisen zu beachten ist

Dtsch Arztebl 2017; 114(9): [22]; DOI: 10.3238/PersPneumo.2017.03.03.04

Gillissen, Adrian

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Auch Patienten mit einer chronischen Atemwegserkrankung können Urlaub machen. Das individuelle körperliche Leistungsvermögen und der Schweregrad der Erkrankung spielen eine entscheidende Rolle, was für Reisen möglich sind.

Foto: 123 RF Sebastien Decoret
Foto: 123 RF Sebastien Decoret

Da die COPD zu den häufigsten Erkrankungen weltweit gehört, die Prävalenz mit zunehmendem Alter zunimmt, wird der Arzt zwangsläufig häufiger mit der Patientenfrage konfrontiert werden:

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  • Ob, und wenn ja, unter welchen Bedingungen ein COPD-Patient verreisen kann,
  • welche Risiken bestehen,
  • welchen für seine Erkrankung besten Urlaubsort er auswählen soll und
  • welche Transportform geeignet ist.

Vor einer Reise müssen sich die COPD-Patienten einer Risikobewertung unterziehen:

  • Patienten mit einem erhöhten Exazerbationsrisiko sind auf Reisen besonders gefährdet. Die COPD-Exazerbation ist definiert als eine akute Verschlechterung mit Zunahme respiratorischer Symptome, die über die normalen Tag-für-Tag-Variationen hinausgehen und die eine Eskalation der COPD-Medikamente erfordern. Die Exazerbationsrate und -schwere variieren von Patient zu Patient.
  • Viele Studien wurden zur Risikoabschätzung eines erhöhten Exazerbationsrisikos durchgeführt (1, 2). Mit zunehmender Lungenfunktionsverschlechterung – definiert über die Einschränkung der FEV1 (Ein-Sekunden-Kapazität) – erhöht sich das Exazerbationsrisiko, wegen einer respiratorischen, Insuffizienz hospitalisiert werden zu müssen und auch das Letalitätsrisiko (Tabelle) (24).
  • Der beste Prädiktor für die nächste Exazerbation sind frühere ähnliche Ereignisse, wobei ≥ 2 Exazerbationen/Jahr als hierfür besonderes gefährdet angesehen werden (5).
Risikoabschätzung
Risikoabschätzung
Tabelle
Risikoabschätzung

In praxi ist neben den bei COPD-Patienten häufig bestehenden Komorbiditäten besonderes Augenmerk auf Patienten mit einem erhöhten COPD-Exazerbationsrisiko zu richten. Dies besteht bei:

  • schlechter Lungenfunktion – definiert ab einer FEV1 < 50 % vom Sollwert,
  • Patienten mit einer vermehrten Dyspnoesymptomatik und einer dadurch bedingten Einschränkung der physischen Mobilität. Diese ist mittels Fragebögen quantifizierbar, wobei GOLD* (Global Initiative for Chronic Obstructive Pulmonary Disease) für zum Beispiel dem CAT- („COPD assessment test“-)Fragebogen einen cut-off von ≥ 10 Punkten annimmt.
  • ab einer jährlichen Exazerbationsrate von ≥ 2 oder ≥ 1 Kranken­haus­auf­enthalt wegen einer COPD-Verschlechterung.

Abschätzung der respiratorischen Grenzen für Flugreisen

Insbesondere Langstreckenflüge (Distanz mehr als 3 500 km) können ein Problem für Atemwegs- und Lungenerkrankte darstellen, da die Flugzeuge sich bei ihrer Reiseflughöhe in 9–11 km Höhe befinden. Dies bedeutet, dass der Kabineninnendruck einem Aufenthalt in etwa 2 400 m Höhe entspricht. Somit ist der arterielle Sauerstoffpartialdruck um etwa 25 % vermindert.

Der folgende Diagnostik-Algorithmus ergab eine Sensitivität von 100 % und eine Spezifität von 80 % für eine im Flugzeug notwendige O2-Versorgung (6):

  • Patienten mit eine Ruhe-SaO2 von > 95 % (oder einem pO2 > 70 mmHg) und einer 6MWT (6-Minuten-Gehtest) SaO2 von > 84 % brauchen kein zusätzlichen Sauerstoff. Es ist dessen ungeachtet aber nicht grundsätzlich ausgeschlossen, dass auch solche Patienten im Flug oder bei einer wenn auch leichten Belastung (Gehen im Flugzeuggang) nicht doch O2-pflichtig werden bzw. sich akut verschlechtern können (5).
  • Patienten mit einem Ruhe-SaO2 von < 95–92 % (oder einem pO2 <70 mmHg) kombiniert mit einem 6MWT SaO2 von < 84 % benötigen hingegen auf dem Flug zusätzlichen Sauerstoff, auch wenn dieser in Ruhe leitliniengerecht noch nicht nötig ist. Im Zweifelsfall ist ein Hypoxietest empfohlen (7, 8). Alternativ zum 6MWT kann auch eine Ergospirometrie durchgeführt werden, wobei der SaO2 unter einer Belastung von bis zu 60 Watt nach 5 Minuten nicht unter 92 % abfallen sollte.

Generelle Tipps für Vorbereitung und Durchführung

  • Versicherungsschutz – beim Abschluss darauf achten, dass auch die chronische Vorerkrankung versichert ist:
  • Abschluss einer Reiseversicherung, sofern nicht über die eigene Kran­ken­ver­siche­rung abgedeckt.
  • Abschluss einer Reiserücktrittsversicherung
  • Abschluss einer Reiserückholversicherung
  • Vorabinformation an den Reiseveranstalter, die Fluggesellschaft und/oder die Transportgesellschaft über spezielle Bedürfnisse, wie zum Beispiel die Notwendigkeit eines Rollstuhls, Abholservice, Besonderheiten bzgl. servierter Speisen (z. B. bei Allergien), Stromanschluss für Sauerstoffgerät, Sitzplatzreservierung in der Bahn.
  • Mitnahme eines oder mehrerer Arztbriefe oder Bescheinigungen, aus denen jüngere wichtige diagnostische Maßnahmen (zum Beispiel Koronar-angiographie, Operationen), die wichtigsten Erkrankungen und die aktuelle medikamentöse Therapien hervorgehen. Je nachdem, welches Land besucht wird, sollten diese Unterlagen in der Landes- oder zumindest in englischer Sprache verfasst sein.
  • Mitnahme wichtiger Bescheinigungen und weiterer medizinischer Unterlagen zum Beispiel internationaler Impfpass, Herzschrittmacherausweis, Diabetikerausweis, Patientenverfügung, Röntgen- oder CT-(Computertomographie-)Aufnahmen auf CD und Angaben, wer im Notfall (per Telefon/Fax/E-Mail) seitens des Reiseveranstalters und von der eigenen Familie zu informieren ist. Dies gegebenenfalls auch in englischer Sprache.
  • Im Europäischen Notfall-Ausweis (ENA) können chronische Erkrankungen, schwere Operationen, Überempfindlichkeiten gegenüber Medikamenten, Impfungen, lebensnotwendige Medikamente sowie die Blutgruppe eingetragen werden. So wissen Notärzte und Rettungsdienste bei Unfällen oder medizinischen Notfällen alles über die medizinischen Risikofaktoren. Der Ausweis ist in neun Sprachen verfasst. Gegen eine geringe Schutzgebühr ist der Ausweis erhältlich über die Arztpraxis, die Apotheke oder direkt vom Verlag (Deutscher Bundesverlag, Postfach 1320, 53030 Bonn).
  • Mitnahme einer ausreichenden Menge der vom Hausarzt verschriebenen Medikamente inklusive der für deren Applikation notwendigen Hilfsmittel (Nadeln, Spritzen). Dies erspart ihre unter Umständen mühsame und teure Beschaffung am Urlaubsort. Spezielle Medikamente sind in manchen Ländern vielleicht auch gar nicht verfügbar.
  • Mitnahme eines Notfallsets/einer Reiseapotheke zum Beispiel zur Therapie eines allergischen oder eines Asthmaanfalls oder einer Infektion inklusive einer akuten Gastroenteritis.
  • Sollten Geräte (mobile Sauerstoffkonzentratoren, nächtliche Beatmungsgeräte) mitgenommen werden, muss bei Auslandsreisen auch der passende Stromadapter mitgenommen werden und das Gerät muss bei der dort vorhandenen Stromspannung problemlos betrieben werden können.
  • Erkundigung zum Beispiel über den Veranstalter oder dem Internet, wo man sich im Fall eines medizinischen Notfalls am Urlaubsort hinwenden kann und wie man dort für einen solchen bezahlt (zum Beispiel: Kreditkarte). Eine medizinische Behandlung kann im Ausland unter Umständen sehr teuer werden respektive muss vorab bezahlt werden.
  • Beachtung von Transportbestimmungen inklusive Handgepäckregelungen bei Flugreisen und Einreisebestimmungen.
  • Bei langen Bus- und Flugreisen achten auf: ausreichende Hydradation, Embolieprophylaxe (Sitzgymnastik, Bewegung, Thrombosestrümpfe, niedermolekulares Heparin), Vorsicht mit Alkohol/Sedativa.

Respiratorische Insuffizienz

Die mobile Versorgung mit Sauerstoff bedarf einer gewissen Vorausplanung. Zudem muss der Patient für sich entscheiden, ob er mit einem mobilen, mittels einer Batterie oder eines Stromanschlusses (auch 12 Volt z. B. im Auto/Bahn/Bus) betriebenen Sauerstoffkonzentrator, mit einem transportablen Flüssigsauerstoffgerät oder einer Gasdruckflasche verreisen möchte, deren Sauersoffflussraten, Gewicht und Betriebsart sehr unterschiedlich sind.

Auch Flugreisen mit dem eigenen transportablen Sauerstoffvorrat ist möglich. Ein Sauerstoffgerät kann unter Umständen von der Fluglinie gegen eine Gebühr gemietet werden.

Der Patient sollte vor der Buchung einer Reise seinen Sauerstoff- oder Sauerstoffgerätehändler ansprechen, ob seine Geräte an Bord eines Flugzeugs genommen werden dürfen, wie lange der Sauerstofffluss gewährleistet ist (reichen Akkuleistung/Sauerstoffvorrat für die Reisezeit aus) und welche Möglichkeiten seitens seiner Firma inklusive deren Partner hinsichtlich der Absicherung der Sauerstoffversorgung am Urlaubsort bestehen.

Zudem sollte man wegen der Sauerstoffversorgung den Reiseveranstalter beziehungsweise die Fluglinie rechtzeitig ansprechen.

Eventuell müssen spezielle Formulare (z. B. MEDIF, „Medical fitness for air travel form“, http://www.iata.org/) ausgefüllt und Sicherheitsdatenblätter der mitzunehmenden mobilen Geräte vorgezeigt werden. Flüssigkeitssauerstoff ist an Bord nicht erlaubt.

Einen Überblick bietet die European Lung Foundation: http://www.europeanlung.org/de/lungenkrankheiten-and-information/flugreisen/datenbank-zu-flugreisen.

Reiseziel: Auswahl ist begrenzt

Für einen COPD-Patienten ergeben sich bei der Auswahl des Reiseziels und den am Urlaubsort geplanten Aktivitäten natürliche Grenzen. So sollten chronisch Kranke Reisen in weit entferne Gegenden ohne ärztliche Versorgung genauso vermeiden, wie zum Beispiel auch ein Patient nach durchgemachtem Pneumothorax nicht tauchen sollte.

Mit zunehmender Höhe sinkt der Sauerstoffpartialdruck der Umgebungsluft, was eine schon vorbestehende Dyspnoesymptomatik infolge einer respiratorischen Insuffizienz verstärkt. Patienten mit einem SaO2 von 90–92 % können ab einer Höhe von 1 000 Metern sauerstoffpflichtig werden.

Bekannt sind bei COPD-Patienten wetter- und klimaabhängige Beschwerden. So belastet diese Patienten häufig ein feuchtes und heißes Klima oft mehr als ein trockenes. Auch starke Temperaturunterschiede werden oft nicht gut vertragen.

Information für Patienten

Auch Patientenselbsthilfegruppen und medizinische Fachgesellschaften haben sich der Reisesicherheit von COPD-Patienten angenommen. So informiert die Deutsche Atemwegsliga über den Flyer „Tipps für Flugreisen“; die COPD-Deutschland e. V. sowie die Patientenorganisation Lungenemphysem-COPD Deutschland haben das Patienteninformationsheft „COPD und Reisen“ publiziert, das kostenfrei aus dem Internet heruntergeladen werden kann (www.lungenemphysem-copd.de).

DOI: 10.3238/PersPneumo.2017.03.03.04

Prof. Dr. med. Adrian Gillissen

Kreiskliniken am Steinenberg/Ermstalklinik Reutlingen-Bad Urach

Interessenkonflikt: Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.

Literatur im internet:
www.aerzteblatt.de/lit0917

*Jedes Jahr gibt GOLD einen Bericht mit dem Titel „Globale Strategie für Diagnose, Management und Prävention der chronisch obstruktiven Lungenkrankheit“ heraus, der weltweit als „Strategie“-Dokument für Fachkräfte im Gesundheitswesen gilt, um basierend auf der lokalen Gesundheitsversorgung effektive Behandlungsprogramme zu implementieren.

1.
Agusti A, Edwards LD, Celli B, et al.: Characteristics, stability and outcomes of the 2011 GOLD COPD groups in the ECLIPSE cohort. Eur Respir J 2013; 42: 636–46 CrossRef MEDLINE
2.
Hurst JR, Vestbo J, Anzueto A, et al.: Susceptibility to exacerbation in chronic obstructive pulmonary disease. N Engl J Med 2010; 363: 1128–38 CrossRef MEDLINE
3.
Tashkin DP, Celli BR, Kesten S, et al.: Long-term efficacy of tiotropium in relation to smoking status in the UPLIFT trial. Eur Respir J 2010; 35: 287–94 CrossRef MEDLINE
4.
Celli BR, Thomas NE, Anderson JA, et al.: Effect of pharmacotherapy on rate of decline of lung function in COPD: results from the TORCH study. Am J Respir Crit Care Med 2008; 178: 332–8 CrossRef MEDLINE
5.
Global initiative for chronic obstructive lung disease (GOLD): Gobal strategy for the diagnosis, management, and prevention of chronic obstructive pulmonary disease. 2017 Report. http://www.sppneumologia.pt/uploads/files/comissoestrabalho/Fisiopatologia%20e%20DPOC/wms-GOLD-2017-FINAL.pdf und http://www.goldcopd.org (last accessed on 13 December 2016).
6.
Edvardsen A, Akero A, Christensen CC, et al.: Air travel and chronic obstructive pulmonary disease: a new algorithm for pre-flight evaluation. Thorax 2012; 67: 964–9 CrossRef MEDLINE
7.
Nicholson TT, Sznajder JI: Fitness to fly in patients with lung disease. Ann Am Thorac Soc 2014; 11: 1614–22 CrossRef MEDLINE
8.
Ahmedzai S, Balfour-Lynn IM, Bewick T, et al.: Managing passengers with stable respiratory disease planning air travel: British Thoracic Society recommendations. Thorax 2011; 66 (Suppl 1): i1–30 CrossRef MEDLINE
Risikoabschätzung
Risikoabschätzung
Tabelle
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1.Agusti A, Edwards LD, Celli B, et al.: Characteristics, stability and outcomes of the 2011 GOLD COPD groups in the ECLIPSE cohort. Eur Respir J 2013; 42: 636–46 CrossRef MEDLINE
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5.Global initiative for chronic obstructive lung disease (GOLD): Gobal strategy for the diagnosis, management, and prevention of chronic obstructive pulmonary disease. 2017 Report. http://www.sppneumologia.pt/uploads/files/comissoestrabalho/Fisiopatologia%20e%20DPOC/wms-GOLD-2017-FINAL.pdf und http://www.goldcopd.org (last accessed on 13 December 2016).
6.Edvardsen A, Akero A, Christensen CC, et al.: Air travel and chronic obstructive pulmonary disease: a new algorithm for pre-flight evaluation. Thorax 2012; 67: 964–9 CrossRef MEDLINE
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8.Ahmedzai S, Balfour-Lynn IM, Bewick T, et al.: Managing passengers with stable respiratory disease planning air travel: British Thoracic Society recommendations. Thorax 2011; 66 (Suppl 1): i1–30 CrossRef MEDLINE

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