MEDIZINREPORT

Engpässe bei Antibiotika (2): Alternativen für die 1. Wahl

Dtsch Arztebl 2017; 114(9): A-416 / B-360 / C-351

Abele-Horn, Marianne; Kern, Winfried; Liese, Johannes

Der Lieferengpass von Piperacillin-Tazobactam zwingt die Ärzteschaft, andere antiinfektive Wirkstoffe einzusetzen. Doch welche sind in welcher klinischen Situation sinnvoll? Eine Liste von konsentierten Empfehlungen.

Foto: picture alliance [m]
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Auf dem deutschen und internationalen Arzneimittelmarkt kommt es immer wieder zu Lieferengpässen bei Antibiotika. In den letzten Monaten betrifft es unter anderem den Wirkstoff Piperacillin-Tazobactam. Eine Explosion in einer Produktionsstätte in China, in der ein großer Teil des weltweit verfügbaren antiinfektiven Wirkstoffs verarbeitet wird, hat zu dieser Siutation geführt. Es ist unbekannt, wie groß der Bestand im Apothekengroßhandel oder in Krankenhausapotheken ist, da der Vorrat nicht zentral erfasst wird. Eine solche Erfassung würde die Planungssicherheit bezüglich der Versorgung von Hochrisikopatienten deutlich verbessern. Es ist aber bereits in verschiedenen Krankenhäusern zu einem Versorgungsengpass gekommen. Im Bundesanzeiger vom 20. Dezember 2016 hat das Bundesministerium für Gesundheit bekannt gegeben, dass ein Versorgungsmangel für diese zur Behandlung lebensbedrohlicher Erkrankungen notwendigen Arzneimittel vorliegt.

Im Bedarfsfall können daher die zuständigen Behörden der Länder ein befristetes Abweichen von den Vorgaben des Arzneimittelgesetzes (AMG) gestatten, um erforderlichenfalls auch eine Behandlung mit Arzneimitteln zu ermöglichen, die nicht im Geltungsbereich des AMG zugelassen sind.

Piperacillin-Tazobactam, ein Acylureidopenicillin in Kombination mit dem β-Lactamase-Inhibitor Tazobactam, ist ein Breitspektrum-Antibiotikum, das zur initialen Therapie von schweren Infektionskrankheiten und von nosokomialen Infektionen, ferner zur Behandlung von Infektionen bei Risikopatienten und immunsuppressiven Patienten aller Altersgruppen eingesetzt wird.

Das penicillinbasierte Antibiotikum ist hinsichtlich Wirkungsspektrum, Verträglichkeit und Selektionsdruck nicht eins zu eins mit Antibiotika anderer Substanzklassen ersetzbar. Als Alternativen kommen Breitspektrum-Cephalosporine, Fluorchinolone und Antibiotikaklassen mit sehr breitem Wirkungsspektrum, zum Beispiel Carbapeneme, infrage. Letztere sollten aufgrund der zunehmenden Resistenzentwicklung jedoch sehr zurückhaltend eingesetzt werden.

In diesem Artikel werden entsprechend den Empfehlungen in den Leitlinien die Alternativen genannt, die statt Piperacillin-Tazobactam bei der initialen (kalkulierten oder empirischen) Therapie von Pneumonie und Sepsis von Erwachsenen (Tabelle 1) und Kindern (Tabelle 2) eingesetzt werden können.

Alternativen zum kalkulierten Einsatz von Piperacillin-Tazobactam nach Indikationen für das Erwachsenenalter
Tabelle 1
Alternativen zum kalkulierten Einsatz von Piperacillin-Tazobactam nach Indikationen für das Erwachsenenalter
Alternativen zum kalkulierten Einsatz von Piperacillin-Tazobactam nach Indikationen für das Kindes- und Jugendalter
Tabelle 2
Alternativen zum kalkulierten Einsatz von Piperacillin-Tazobactam nach Indikationen für das Kindes- und Jugendalter

Besonders im Bereich der nosokomialen Infektionen und bei immunsupprimierten Patienten ist die lokale Epidemiologie und Resistenzsituation von großer Bedeutung für die Auswahl der Alternativsubstanzen zu Piperacillin/Tazobactam. Bei der Auswahl der Alternativantibiotika soll daher die lokale Resistenzsituation berücksichtigt werden.

Darüber hinaus soll nach Erhalt der mikrobiologischen Ergebnisse die kalkulierte Initialtherapie durch eine erregerspezifische gezielte Behandlung ersetzt werden (Deeskalation).

Nur bei der empirischen Therapie – wenn kein Antibiogramm zur Verfügung steht – sollen die angegebenen Alternativen verwendet werden.

Auch bei anderen Antiinfektiva kommt es regelmäßig zu Lieferschwierigkeiten, zuletzt unter anderem bei Präparaten mit dem Wirkstoff Daptomycin oder Ampicillin/Sulbactam. Eine Übersicht zu aktuellen Lieferengpässen für Humanarzneimittel in Deutschland auf der Basis freiwilliger Informationen der Zulassungsinhaber und der geschätzten Dauer des Engpasses findet sich auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM, Fußnote). In rund 70 % der Fälle sind Probleme bei der Herstellung der Grund für Ausfälle, bei 25 % werden laut Bundesinstitut nicht ausreichende Produktionskapazitäten angeführt.

Prof. Dr. med. Marianne Abele-Horn
Komission ART des RKI

Prof. Dr. med. Winfried Kern (DGI)

Prof. Dr. med. Johannes Liese (DGPI)

als Koordinatoren für
beteiligten Fachgesellschaften
(siehe http://d.aerzteblatt.de/TG17)

Lieferengpässe von Humanarzneimitteln
http://d.aerzteblatt.de/ML52

1.
Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA),
2.
Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM),
3.
Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI),
4.
Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH),
5.
Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektologie (DGPI),
6.
Kommission Antiinfektiva, Resistenz und Therapie (ART)
7.
Paul-Ehrlich-Gesellschaft (PEG)
Alternativen zum kalkulierten Einsatz von Piperacillin-Tazobactam nach Indikationen für das Erwachsenenalter
Tabelle 1
Alternativen zum kalkulierten Einsatz von Piperacillin-Tazobactam nach Indikationen für das Erwachsenenalter
Alternativen zum kalkulierten Einsatz von Piperacillin-Tazobactam nach Indikationen für das Kindes- und Jugendalter
Tabelle 2
Alternativen zum kalkulierten Einsatz von Piperacillin-Tazobactam nach Indikationen für das Kindes- und Jugendalter
1.Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA),
2.Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM),
3.Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI),
4.Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH),
5.Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektologie (DGPI),
6.Kommission Antiinfektiva, Resistenz und Therapie (ART)
7. Paul-Ehrlich-Gesellschaft (PEG)

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