ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2017Künstliche Intelligenz: Reduktion auf die Messbarkeit

POLITIK: Kommentar

Künstliche Intelligenz: Reduktion auf die Messbarkeit

Dtsch Arztebl 2017; 114(9): A-408 / B-354 / C-345

Hector, Robert

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Dr. med. Robert Hector, Internist
Dr. med. Robert Hector, Internist

Die Künstliche Intelligenz hält nach und nach Einzug in den ärztlichen Alltag. Sie verspricht schnellere Diagnosen und maßgeschneiderte Therapien. Den Faktor Mensch jedoch lässt sie unberücksichtigt.

Die Stärke der Künstlichen Intelligenz (KI) liegt darin, Muster in komplexen, unüberschaubaren Datenmengen zu entdecken. Der IBM-Computer „Watson“ verfügt zum Beispiel über die Fähigkeit, Diagnosen und Therapien anhand einer erdrückenden Vielzahl medizinischer Informationen vorzuschlagen, die in Lehrbüchern, wissenschaftlichen Magazinen, klinischen Studien oder Krankenakten gesammelt sind. Kein Arzt könnte mit Watsons Fähigkeiten mithalten. Bereits seit einigen Jahren unterstützt diese klinische Datenintelligenz menschliche Entscheidungen: So half Watson im Jahr 2013 in großen medizinischen Einrichtungen wie der Cleveland Clinic, Beschwerden zu diagnostizieren und Behandlungspläne zu optimieren.

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Die digitale Transformation des Gesundheitswesens ist in vollem Gange. IT-Konzerne, Versicherungen und Pharmakonzerne gieren nach Gesundheitsdaten. Im Gegenzug versprechen sie eine bessere Medizin: neue Medikamente, bessere Diagnosen, maßgeschneiderte Behandlungen. Zugleich benutzen immer mehr Patienten Wearables und Gesundheits-Apps, um sich selbst zu vermessen. Wir gehen einer Zeit entgegen, in der jedes Individuum seine eigenen medizinischen Daten managen wird, um Krankheiten vorzubeugen. Mobil und digital, die Megatrends der Zeit werden das Gesundheitswesen voll erfassen.

Speziell in den Bereichen der Medizin, die kein direktes Interagieren mit Patienten erfordern, dürften in Zukunft KI-Systeme zunehmend zum Einsatz kommen: in der Radiologie, in der Pathologie, in der Dermatologie. In dem Bestreben, die Medizin auf eine mathematisch-physikalische Grundlage zu stellen, wird die ärztliche Erfahrung entwertet. Die evidenzbasierte Medizin (EbM) ist statistischer Natur und sagt deswegen wenig über den individuellen Menschen aus. Aber der Arzt steht einem konkreten, leidenden Patienten mit seinen Ängsten, Sorgen und Nöten gegenüber und nicht einem normierten „Durchschnittsmenschen“.

Die eigentliche Kraft dahinter ist die Öko­nomi­sierung, nicht das Patientenwohl. Um die vorhandenen finanziellen Ressourcen effizient einzusetzen, werden dem Medizinbetrieb moderne ökonomische Managementkonzepte übergestülpt. Medizinische Maßnahmen werden zu standardisierten Prozeduren, die checklistenartig abgearbeitet werden. Dazu passt die Honorierung nach DRG: Denn Zahlenkombinationen eignen sich hervorragend für die maschinelle Datenverarbeitung.

Die Medizin unterliegt einem Prozess der Digitalisierung, Algorithmisierung, Öko­nomi­sierung und zunehmend der Juristifizierung. Die Behandlung von Patienten mutiert zu einem fließbandartigen industriellen Prozess, bei dem die Dokumentation von Handlungen wichtiger ist als die Zuwendung zum Patienten. Um eine solche Medizin zu betreiben, sind keine Ärzte mehr notwendig. Eine solche Arbeit kann auch durch intelligente Maschinen erledigt werden.

Im Jahr 1966 hat der schwedische Nobelpreisträger Johannes Alvén eine Satire über das Gesundheitssystem der Zukunft geschrieben. Darin kontrollieren Minicomputer am Handgelenk menschliche Vitaldaten, die Computer in den Gesundheitsämtern analysieren. So können Krankheiten frühzeitig erkannt und in sogenannten Gesundheitsfabriken therapiert werden. Statt von Ärzten und Pflegern werden sie dort von Maschinen behandelt, in denen das gesamte medizinische Wissen der Menschheit gespeichert ist. Chirurgische Eingriffe werden von Robotern durchgeführt, Medikamente von vollautomatischen Apotheken zur Verfügung gestellt. Diese Satire könnte bald zur bösen Realität werden, wenn wir nicht gegensteuern. Die Einengung der Humanmedizin auf eine angeblich exakt vermessbare Wissenschaft, ökonomische Konzepte zur Profitmaximierung, die Möglichkeiten der Datenverarbeitung durch die Fortschritte der Informationstechnologie und institutionell determinierte Entscheidungsverfahren führen vordergründig zu „vernünftigen“ Versorgungsstrukturen, die aber den Faktor Mensch mit seinen Bedürfnissen nicht mehr berücksichtigen. Wer hier die Ethik ins Spiel bringt, sollte berücksichtigen, dass ethische Grundsätze sehr schnell fallen gelassen werden, wenn es ums Geld geht. Schon heute erleben wir: Werden menschliche Arbeitskräfte zu teuer oder zu knapp, werden sie durch digitale Systeme ersetzt.

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