MEDIZINREPORT

Influenzaimpfstoff 2016/2017: Vakzine wirkt nur „suboptimal“

Dtsch Arztebl 2017; 114(9): A-418 / B-362 / C-353

Zylka-Menhorn, Vera

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Die saisonale Wirksamkeit von Influenza-Impfstoffen ist von vielen Faktoren abhängig. Obwohl sie nicht immer die Infektion verhindern, so bieten sie dennoch einen gewissen Schutz vor Komplikationen.

Nur 46,9 % der Menschen zwischen 15 und 64 Jahren, die sich diesen Winter gegen Grippe haben impfen lassen, sind wirklich vor der aktuell zirkulierenden Influenza geschützt; in der Hochrisikogruppe ab 65 Jahren ist der Impfstoff sogar nur bei 23,4 % effektiv, wie das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) jetzt auf Basis einer europaweiten Fall-Kontroll-Studie berichtet (http://bit.ly/2lXX1aW). Die Autoren kommen daher zu dem Schluss, dass die Wirksamkeit des Impfstoffs der Saison 2016/2017 – wie in vorherigen Wintern – „suboptimal“ ist.

Wie sind diese aktuellen Daten zu werten? „Die saisonale Wirksamkeit von Influenza-Impfstoffen hängt von mehreren Komponenten ab, unter anderem von der Übereinstimmung der Impfstoffe mit den zirkulierenden Viren, der Epidemiologie der zirkulierenden Stämme und deren genetischen Variabilität. Deswegen ist die Wirksamkeit von Influenza-Impfstoffen oft schwer vorhersehbar“, meint Prof. Dr. Eberhard Hildt, Leiter der Abteilung Virologie am Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen.

Virusstamm verändert seine antigenen Eigenschaften

Die hohe Zahl schwerer Grippeerkrankungen in diesem Winter erklärt sich aus der Dominanz von A(H3N2)-Viren. Diese Viren neigen zu schweren Verläufen, was sich zuletzt in der Saison 2014/15 gezeigt hat. Entgegen den damaligen Vorhersagen veränderte der zirkulierende Stamm seine antigenen Eigenschaften und stimmte nicht mehr mit der im Impfstoff enthaltenen H3N2-Komponente überein. Die Folgen war in Kananda besonders eklatant; die Wirksamkeit der Vakzine lag unter zehn Prozent (http://bit.ly/2liYhba).

Nach Angaben von Hildt zirkulieren in diesem Jahr neben Viren der genetischem Subclade 3C.2.a (dazu gehört der im Impfstoff enthaltene Stamm A/Hong Kong/ 4801/2014) auch die neue Subclade 3C.2.a1. Doch warum wirkt der diesjährige Impfstoff gerade bei Hochrisikogruppen wie Kinder und ältere Menschen weniger gut als im Durchschnitt? Die Immunantwort auf Impfungen und Infektionen entsteht durch eine komplexe Interaktion zwischen angeborener und erworbener Immunität, spezifischer Antikörperbildung und zellbasierter Immunantwort. Das Immunsystem von sehr jungen Kindern und alten Menschen weist Eigenschaften auf, die die Immunantwort limitieren. „Das kindliche Immunsystem ist von Geburt an vollständig angelegt, aber noch unreif. Im Alter kommt es dann wieder zu einer sowohl qualitativen, als auch quantitativen Abnahme der Immunantwort, also der Immunoseneszenz“, so Hildt.

 „Die Immunantwort wird allerdings nicht nur durch das Alter, sondern auch durch zugrundeliegende Erkrankungen oder durch Einnahme immunsupprimierender Medikamente beeinflusst. Aufgrund der Immunschwäche kann es dann zu einer eingeschränkten oder fehlenden Immunantwort nach der Impfung kommen. Eine Schwäche des Immunsystems bedeutet aber auch, dass im Fall einer Infektion (mit Influenzaviren) das Risiko eines schweren, unter Umständen tödlichen Krankheitsverlaufs zunimmt. Daher wird die Impfung gegen Influenza trotz des eingeschränkten Schutzes empfohlen.“

Diese Ansicht vertritt auch Dr. med. Hedwig Roggendorf, Leiterin der Impfsprechstunde am Klinikum rechts der Isar in München: „Eine Impfung ist sinnvoll, obwohl sie manchmal zwar nicht die Infektion, aber die Komplikationen einer Influenza verhindert. Auch, wenn die Impfeffektivität nur 41 % für alle Altersgruppen zusammen beträgt, wie vorläufige Ergebnisse zur Wirksamkeit der saisonalen Influenza-Impfung bei ambulant behandelten Patienten in der Saison 2016/2017 in Deutschland (http://bit.ly/2lhO5Qd) zeigen, sind das bessere Voraussetzungen als ganz ohne Impfschutz zu sein.

Fehlende Signifikanz ist nichts Außergewöhnliches

Die Ergebnisse der ECDC-Publikation müssen allerdings differenziert betrachtet werden, wie Hildt bemerkt. Die ungenügende Wirksamkeit bei Personen über 65 müsse wegen der geringen Anzahl an geimpften Personen vorsichtig interpretiert werden: „Die fehlende Signifikanz in Subgruppen ist aufgrund der geringeren Fallzahlen nichts Außergewöhnliches. Eine statistische Signifikanz hängt im Wesentlichen von zwei Größen ab: dem vorhandenen Effekt und der Fallzahl.

Um einen bestimmten Effekt mit hinreichender Sicherheit ‚finden‘ zu können, benötige man eine Mindestzahl an Beobachtungen. In der Regel werde diese Zahl im Rahmen von Fallzahlbetrachtungen vor Beginn einer Studie berechnet. Mehrheitlich erfolge diese Fallzahlbetrachtung für das Gesamtkollektiv, nicht für die einzelnen Subpopulationen. „Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, wenn Effekte in der Gesamtpopulation ‚signifikant‘, in Subpopulationen aber ‚nicht signifikant‘ sind“, so Hildt.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

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