ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2017Psychisch kranke Kinder: Kontinuierliche Therapie im Verbund

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Psychisch kranke Kinder: Kontinuierliche Therapie im Verbund

PP 16, Ausgabe März 2017, Seite 105

Korzilius, Heike

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Durch die Vernetzung von Therapieangeboten und aufsuchende Hilfen wollen Ärzte und Psychotherapeuten psychisch kranke Heranwachsende besser erreichen.

Depressionen? Zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind psychisch krank. Besonders häufig treten emotionale Störungen auf. Foto: picture alliance
Depressionen? Zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind psychisch krank. Besonders häufig treten emotionale Störungen auf. Foto: picture alliance

Ein fünfjähriger Junge ist motorisch unruhig, kann sich nicht an Regeln halten und fällt im Kindergarten durch aggressives Verhalten auf. Eine Siebenjährige klagt jeden Morgen über Übelkeit und fürchtet sich, in die Schule zu gehen. Eine untergewichtige 14-Jährige kann von ihren Eltern zu Hause nicht zu angemessenem Essverhalten angehalten werden. In Deutschland leiden nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen an psychischen Erkrankungen. Besonders häufig treten danach emotionale Störungen wie Angststörungen oder Depressionen auf, ebenso Aufmerksamkeits-, Verhaltens- und Essstörungen.

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An junge Patienten, die unter komplexen psychischen Erkrankungen leiden, richtet sich deshalb ein neues Versorgungskonzept, das die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), der Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (bkjpp) und die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung (DPtV) am 22. Februar in Berlin vorgestellt haben. Ziel ist es, durch den Aufbau von Kompetenzverbünden eine vernetzte und kontinuierliche Therapie von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, die auch deren Familie und Lebenswelten wie Kindergarten, Kita und Schule einbezieht.

Jetzt die Kassen überzeugen

Das Konzept ist aus der KBV-Vertragswerkstatt hervorgegangen und soll Teil des Bundesmantelvertrags werden, der die ambulante ärztliche und psychotherapeutische Versorgung regelt. Darüber muss die KBV jetzt mit den gesetzlichen Krankenkassen verhandeln. Man wolle keine selektivvertragliche Lösung, betonte Dr. P. H. Susanne Armbruster, Leiterin der Abteilung „Flexible Versorgungsformen und Patientenorientierung“ der KBV. Das neue Angebot solle allen psychisch kranken Kindern und Jugendlichen offenstehen, unabhängig davon, bei welcher Krankenkasse sie versichert seien.

Kinder- und Jugendpsychiater sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sollen nach dem KBV-Konzept die Behandlung steuern. Damit die Abstimmung mit anderen Gesundheitsberufen wie Haus- und Kinderärzten, Ergotherapeuten und Logopäden, aber auch mit stationären Einrichtungen reibungslos funktioniert, sollen verbindliche Kooperationsvereinbarungen geschlossen werden. Auch Selbsthilfegruppen und die Jugendhilfe sind in das Behandlungskonzept eingebunden. „Wir wollen die ambulanten Behandlungsmöglichkeiten für psychisch kranke Kinder und Jugendliche erweitern“, sagte die Vorstandsbeauftragte des bkjpp, Dr. med. Christa Schaff. So soll beispielsweise eine Lücke in der gruppentherapeutischen Versorgung geschlossen werden. Derzeit scheitere eine Gruppentherapie häufig an der geringen Zahl von Patienten mit ähnlichen Störungen, die in einer Praxis behandelt würden. Künftig sollen solche Therapien praxisübergreifend angeboten werden können und vor allem einen psychoedukativen Charakter haben, das heißt, Jugendliche, aber auch deren Umfeld sollen im Umgang mit der Erkrankung geschult werden.

Vertrauensaufbau zu Hause

„Neu ist auch die aufsuchende Betreuung“, erläuterte Schaff. Sie richte sich beispielsweise an Jugendliche, die nicht in der Lage seien, selbst in die Praxis zu gehen, weil sie an einer Angst- oder Zwangsstörung litten. „Der Vertrauensaufbau zu Hause ist ein wichtiger Baustein, der im Moment fehlt“, sagte Schaff. Geplant ist darüber hinaus eine Therapieassistenz durch eine „WiGKI“, eine qualifizierte Begleitperson für psychisch kranke Kinder und ihre Familien, die diese in ihrem Lebensumfeld im Umgang mit der Erkrankung unterstützt.

Einen steigenden Behandlungsbedarf bei psychisch kranken Kindern und Jugendlichen sagte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Gassen voraus. „Wir werden deshalb nicht darum herumkommen, Geld in die Hand zu nehmen, um die Versorgung im Sinne des Verbundkonzepts wirksam zu verbessern“, so Gassen. Ganz konkret gelte diese Aufforderung den Kassen, die man jetzt als Vertragspartner gewinnen müsse.

Heike Korzilius

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