ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2017Ambulante Versorgung: Politik muss investieren

POLITIK: Kommentar

Ambulante Versorgung: Politik muss investieren

PP 16, Ausgabe März 2017, Seite 108

von Stillfried, Dominik

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2014 war zwar ein erfogreiches Jahr für die Praxen. Dennoch reicht dies nicht aus, um junge Ärztinnen und Ärzte zur Niederlassung zu bewegen.

Wer sich über die Attraktivität der vertragsärztlichen Tätigkeit Gedanken macht, muss sich fragen, wie er selbst wählen würde: a) eine Anstellung, bei der der Arbeitgeber bis hin zur Haftpflichtversicherung alle Betriebskosten übernimmt und bei der das Gehalt per Tarifvertrag mit Ansage steigt. Oder b) eine selbstständige Tätigkeit, bei der ständig unternehmerische Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen und laufende Ausgaben, momentane Sonderbelastungen oder Investitionen im Zweifel zulasten des eigenen Einkommens vorfinanziert werden müssen, bei der auch das Ergebnis erst am Jahresende feststeht und dessen Entwicklung im Vergleich zum Vorjahr auch mal negativ verlaufen kann. Vermutlich werden Sie sagen: Es kommt auf die Arbeitsbedingungen und Verdienstchancen an.

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Genau mit dieser Überlegung hat der Bewertungsausschuss im Jahr 2007 entschieden, dass die Praxisinhaber im Durchschnitt durch die von den Krankenkassen zu entrichtende Vergütung im Vergleich zu einer gleich qualifizierten Tätigkeit im Krankenhaus finanziell nicht schlechter gestellt werden sollen. Da sind auch Arbeitszeit und Arbeitseinsatz zu berücksichtigen. Selbstständige Ärzte arbeiten im Schnitt 51 Wochenstunden und damit deutlich mehr als Angestellte. Sie sind seltener krank, haben eine höhere Produktivität je Arbeitsstunde und tragen das unternehmerische Risiko der Praxis. Rechnet man das tarifliche Oberarztgehalt auf 51 Wochenstunden hoch und die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung hinzu, die der Selbstständige aus seinem Überschuss entrichten muss, resultiert der betriebswirtschaftliche Referenzwert, der bei einer Vollzeit-Tätigkeit in der Praxis mit dem GKV-Honorar mindestens erreicht werden soll, damit die Niederlassung ökonomisch gleichwertig vergütet wird. Wie das ZiPP zeigt, wurde dieser Referenzwert seit 2007 trotz stetiger Verbesserung nie erreicht. Das ZiPP liefert damit die ökonomische Erklärung, warum viele Praxisinhaber offenbar das für Investitionen notwendige Vertrauen in die finanziellen Rahmenbedingungen verloren haben und jüngere Ärzte mehrheitlich eine Anstellung vorziehen.

Wer die ambulante Versorgung stärken will, muss niedergelassenen Ärzten einen finanziellen „Unternehmerbonus“ ermöglichen. Dafür muss das GKV-Honorar spürbar verbessert werden. Politik und Krankenkassen sollten diese Forderung nicht vorschnell zurückweisen. Sie sind vielmehr klug beraten, in der nächsten Legislaturperiode ein Investitionsprogramm aufzulegen. Denn nur die konsequente Umsetzung des Prinzips „ambulant vor stationär“ schafft mittelfristig Einsparpotenziale. Notwendig ist ein Strukturwandel, durch den medizinisch längst mögliche Leistungsverlagerungen in die ambulante Versorgung erreicht werden. Davon können die Krankenkassen trotz höherer Ausgaben für ambulante Versorgung eine Dividende in Form geringerer Leistungsausgaben erwarten. Mit Blick auf die kommenden Belastungen der Sozialversicherung durch die Ruhestandswelle der Baby-Boomer 2020 bis 2030 müssen jetzt die Weichen für eine Investition in die vertragsärztliche Versorgung gestellt werden.

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