ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2017Notfallpsychologische Versorgung: „Terror richtet sich immer gegen die ganze Gesellschaft“

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Notfallpsychologische Versorgung: „Terror richtet sich immer gegen die ganze Gesellschaft“

Bühring, Petra

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Die Psychotherapeutenkammer Berlin hat eine Expertin eingeladen: Die Norwegerin Renate Grønvold-Bugge hat 2011 die notfallpsychologische Versorgung für die Betroffenen des Terroranschlags auf der Insel Utøya geleitet.

Am 22. Juli 2011 ermordete der Rechtsextremist Anders Behring Breivik 69 Menschen in einem Jugendcamp auf der norwegischen Insel Utøya. Der Amoklauf mit einer Handwaffe dauerte 90 Minuten – 66 Menschen wurden verletzt, zum Teil sehr schwer, knapp 500 Menschen überlebten den grausamen Terroranschlag. Zwei Stunden zuvor hatte der Täter vor dem Bürogebäude des norwegischen Ministerpräsidenten im Zentrum von Oslo eine Autobombe gezündet. „Der Täter zeigte keine Gnade – es war ein Anschlag auf die ganze Nation und hat sie bis ins Mark erschüttert“, sagt die klinische Psychologin Renate Grønvold-Bugge, die damals die notfallpsychologische Versorgung für die Überlebenden und Angehörigen der Opfer geleitet hat. Außerdem hat sie die sozialdemokratische Arbeiterpartei, die das Jugendcamp veranstaltet hatte, und die Regierung bei ihrem Umgang mit dem Anschlag beraten.

Die Psychotherapeutenkammer (PTK) Berlin hat Grønvold-Bugge Mitte Februar eingeladen, ihre Erfahrungen vor Psychotherapeuten vorzutragen. Der Hörsaal in der Freien Universität war gefüllt. „Wir haben die Veranstaltung im Herbst vergangenen Jahres nach den Anschlägen von Paris, Nizza und München geplant“, berichtete der Präsident der PTK, Michael Krenz. „Dass uns der Terror mit dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt auch in Berlin einholen würde, davon wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nichts.“ Die Kammer will nun notfallpsychologische Strukturen entwickeln. „Dabei geht es nicht mehr um eine primär psychotherapeutische Tätigkeit, sondern um psychosoziale Unterstützung von Betroffenen“, betonte Krenz.

Die Strukturen in Norwegen lassen sich nicht auf Deutschland übertragen – das wurde in dem Vortrag von Grønvold-Bugge sehr schnell deutlich, denn die Entscheidungswege sind in dem kleinen Land sehr viel unkomplizierter und auch persönlicher. Aber man kann aus dem Vorgehen nach Anschlägen dort auch für andere Länder lernen. „Die sozialdemokratische Arbeiterpartei wurde von einer Alltagsorganisation zu einer Notfallorganisation“, berichtete die Psychologin. Die Gesundheitsbehörde war von Anfang an eingeschaltet. Es wurden Strukturen geschaffen, um die Überlebenden und die Angehörigen in dieser Krisensituation und in ihrer Trauer zu unterstützen. „Wir haben beispielsweise entschieden, alle persönlichen Gegenstände und Kleidungsstücke, die man identifizieren konnte, aufzuheben und den Betroffenen zugänglich zu machen“, berichtete Grønvold-Bugge. Auch wurden etwa einen Monat nach der Tat Fotos von den Orten auf Utøya gemacht und ausgestellt, „um Normalität herzustellen“. „Das war für die Überlebenden sehr wichtig, die Hinterbliebenen dagegen wollten die Fotos nicht sehen“, sagte sie. Die betroffenen Familien erhielten die gewünschte Unterstützung, die notfallpsychologischen Teams nahmen darüber hinaus in dem Jahr nach der Tat immer wieder proaktiv Kontakt zu ihnen auf. Bei den verschiedenen Gedenkveranstaltungen wurden immer wieder die gleichen Symbole aufgestellt: 69 weiße Rosen für jeden Toten und eine Kerze. „Trauer und Gedenkveranstaltungen im öffentlichen Raum sind sehr entscheidend – eine wichtige Voraussetzung für einen gesunden Verlauf der privaten Trauer“, betonte Grønvold-Bugge. Dabei sollten auch Entscheidungsträger anwesend sein, denn „Verlust bei Terroranschlägen ist eine gesellschaftliche Angelegenheit, weil sich Terror immer gegen die ganze Gesellschaft richtet“.

„Die gesamtgesellschaftliche Perspektive ist in Deutschland nicht so gut entwickelt“, sagte Gerhard Pauli vom Berliner Krisendienst bei der anschließenden Diskussion. Pauli war in die psychosoziale Notfallversorgung der Betroffenen des Anschlags auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz am 19. Dezember eingebunden. In Deutschland seien „die Entscheidungswege viel zerfaserter und die Schnittstellen nicht immer optimal“. Die Frage eines Psychotherapeuten, ob seine Hilfe unmittelbar nach dem Anschlag auf dem Tatort hilfreich gewesen wäre, verneinte der Experte eindeutig. Die Rahmenvereinbarung Psychosoziale Notfallversorgung für die Notfallseelsorge und die Krisenintervention der Hilfsorganisationen regele nach Großschadensereignissen eindeutig die Abläufe. In Berlin würden Betroffene zunächst an die Krisendienste weitervermittelt und danach erst nach Bedarf an niedergelassene Psychotherapeuten.

Petra Bühring

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