ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2017Häusliche Gewalt gegen Frauen: Schweigen brechen

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Häusliche Gewalt gegen Frauen: Schweigen brechen

PP 16, Ausgabe März 2017, Seite 119

Kahl, Kristin

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Gewalt gegen Frauen ist ungebrochen hoch. Ein neues bundesweites Hilfetelefon bietet Beratung und Hilfe.

Es war ein beispielloser Akt von Gewalt, der sich Mitte November in Hameln ereignete. Ein Mann sticht seine ehemalige Partnerin nieder, legt ihr ein Seil um den Hals und bindet es an die Anhängerkupplung seines Autos. Dann fährt er in hohem Tempo mehrere Hundert Meter durch die Straßen der Innenstadt. Hätte sich das Seil nicht von selbst gelöst, wäre die Frau wohl gestorben.

Während sich Polizei und Justiz darüber streiten, ob gegen Menschen wie den zuvor bereits auffällig gewordenen Expartner der Frau zu lasch ermittelt werde, zeigt die Tat vor allem eines: Gewalt gegen Frauen, auch in dieser extremen Form, ist nach wie vor ein trauriger Teil des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland. Jede dritte Frau ist hierzulande von sexueller und/oder körperlicher Gewalt betroffen – das hat eine Umfrage der Europäischen Grundrechteagentur aus dem Jahr 2014 ergeben. Neben physischem, psychischem und sexuellem Missbrauch zählen dazu auch Stalking, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz oder im öffentlichen Raum, Zwangsheirat, Genitalverstümmelung oder Gewalt im Namen der „Ehre“. Der überwiegende Teil der Betroffenen scheut sich davor, Hilfe zu suchen – aus Angst vor den Konsequenzen oder davor, dass ihnen nicht geglaubt wird. Oder weil sie sich schämen. Gerade einmal 20 Prozent der Opfer vertrauen sich jemandem an.

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Hilfetelefon: 08000 116 016

Das bundesweite Hilfetelefon setzt genau da an. Neben der barrierefreien Webseite www.hilfetelefon.de bietet es von Gewalt betroffenen Frauen eine kostenlose Beratung per Telefon, Chat oder E-Mail und vermittelt auf Wunsch an Einrichtungen, die Frauen in Not unterstützen. Das Angebot ist losgelöst von sozialer oder ethnischer Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung und richtet sich auch an Angehörige, Menschen aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen sowie Fachkräfte. Das Hilfetelefon ist unter der Nummer 08000 116 016 rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr erreichbar. Sicherheit bietet zum einen die Anonymisierung von Chat und E-Mail-Austausch, zum anderen können Anrufe nicht zurückverfolgt werden. Dank der Hilfe von Dolmetscherinnen können die Beratungsgespräche in 15 Sprachen abgehalten werden.

Mit der Aktion „Wir brechen das Schweigen“ haben die Initiative Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ und die Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Manuela Schwesig dazu aufgerufen, Position zu beziehen und das Thema Gewalt gegen Frauen in die öffentliche Diskussion zu bringen. „Für mich persönlich heißt Schweigen brechen vor allem: betroffenen Frauen und auch Männern Mut zu machen, sich Hilfe zu suchen“, betont Schwesig.

Mit einer Wimpelaktion werden auch die sozialen Netzwerke in die Initiative „Wir brechen das Schweigen“ einbezogen. Unterstützer können sich von der Webseite des Hilfetelefons einen Wimpel herunterladen, diesen mit einer persönlichen Botschaft versehen und sich anschließend mit ihrem Wimpel ablichten oder filmen lassen. Die Fotos und Filme können dann unter dem Hashtag #schweigenbrechen via Facebook, Twitter oder Instagram geteilt werden. Neben zahlreichen Organisation und Privatpersonen beteiligten sich auch Prominente an der Aktion. Damit das Thema Gewalt gegen Frauen nicht länger totgeschwiegen wird und sich solche Fälle wie in Hameln nicht wiederholen.

Kristin Kahl

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