ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2017Religiosität: Unbehagen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Erfreut und erstaunt war ich über diesen Artikel. Erfreut, weil, wie die Autorin ja auch bedauerte, dieses Thema zu den weniger beachteten in der Psychotherapieforschung gehört. Erstaunt aber war ich über die wenig ernst zu nehmende Art und Weise, mit der Frau Sonnenmoser dieses Thema aufgriff, obwohl ihr vier Seiten im Ärzteblatt zugestanden wurden.

In ihrem Artikel wird zwischen den Begriffen Sinnfrage, Spiritualität, Religion und Religiosität ziemlich herumgesprungen. Sie werden nicht voneinander abgegrenzt und mitunter synonym verwendet, sodass nicht deutlich wird, was die Verfasserin ausdrücken möchte. Unklar blieb mir auch, was die Autorin unter dem Einhalten von Abstinenzregeln versteht. Auch der Glaube der Klienten ist eine psychologische Kategorie, die zweifellos angesprochen werden kann und unter Umständen auch sollte. Vor allem, wenn es um Verlusterfahrungen von Klienten geht, kann deren Religiosität eine unterstützende Ressource für die psychische Stabilisierung sein. Die Krönung des Artikels aber sind die zehn Punkte, die die Autorin den Lesern als lose Mischung von Empfehlungen („der Therapeut sollte“) bzw. Regeln („der Therapeut muss“) mit auf den Weg gibt. Um mein Unbehagen zu erläutern möchte ich beispielhaft nur die fünfte Regel kommentieren. Dort heißt es, der Therapeut müsse mit dem Patienten absprechen, welche religiösen Praktiken (Gebet, Meditation) angewendet werden sollen. Diese Regel jedoch übersteigt mein therapeutisches Selbstverständnis. Ich selbst bin Theologe und Psychotherapeut. Mir ist es noch nie in den Sinn gekommen, mit meinen Klienten zu beten. Das wäre auch kein psychotherapeutisches Arbeiten mehr, weil wir damit das therapeutische Setting verlassen würden. Außerdem werden wir doch nicht für das Beten bezahlt. Das gehört für mich genauso wenig in die therapeutische Beziehung wie ein gemeinsames Kaffeetrinken oder Kegeln mit dem Patienten. Auch die anderen Regeln sind teilweise sehr fragwürdig …

Die Lektüre dieses Artikels hinterlässt bei mir den Eindruck, als hätte sich die Autorin mit dem Thema ein wenig überhoben. Die Notwendigkeit, Religiosität als eine Ressource für psychische Stabilisierung in der therapeutischen Diskussion anzusprechen, ist zweifellos gegeben. Dieser Artikel aber ruft bei mir nur ein Kopfschütteln hervor. Schade. Gut gemeint ist eben nicht gut.

Anzeige

Hartmut Spring, 06667 Weißenfels

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige