ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2017Generationenwechsel: Gelungenes interdisziplinäres Werk

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Generationenwechsel: Gelungenes interdisziplinäres Werk

PP 16, Ausgabe März 2017, Seite 136

Moser, Tilmann

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Generationen bestimmen, vor allem im Wechsel, unser Leben, in der Familie, in der Wirtschaft, in der Politik und in vielen Institutionen, wo es zu Veränderungen in der Atmosphäre, in der Machtverteilung, in der Ausrichtung der Ziele wie bei unvermeidlichen, oft auch hinausgeschobenen Veränderungen der Struktur geht. Eine erfahrene Psychotherapeutin und ein psychoanalytisch orientierter, weltweit tätiger Institutionsberater haben sich zusammengetan, um das Phänomen gründlich zu untersuchen: historisch, politisch, soziologisch und tiefenpsychologisch. Die Fülle der Gedanken und Fallbeispiele wirkt fast erdrückend und bleibt doch spannend. Sie werden zusammengehalten von einem durchgehenden Motiv der Sorge, ausgehend vom, wie die Autoren fürchten, der Schwächung der über Jahrhunderte tragenden Dreigenerationen- oder Großfamilie. Es geht um die verschiedensten Abhängigkeiten, Verpflichtungen, Liebes- und Hassformen und Traditionen der Übergabe von Werten, Traditionen und Beistand. Bei den Konzernen, soweit sie nicht Familienbetrieb sind, kommt noch der rasche Austausch des Managements hinzu, mit dem beschleunigten Tempo der Herrschaftsformen und Idiokrasien der Macht- und Zielverteilung.

Die soziale Mobilität und die noch immer spürbare Vaterlosigkeit (Kriege, Trennungen, Scheidungen, Stellenwechsel) fördern die Vereinzelung, Verlust von Halt und zunehmende Außenorientierung, Dominanz von Peergroups versus dem anwachsenden Elend und Armut der alleinerziehenden Mütter. Zwischen den Generationen in allen Bereichen herrscht oft Ratlosigkeit, ja emotionale Inkompetenz und Sprachverwirrung. In der Wirtschaft wird rasche Anpassung und Umorientierung verlangt, Stabilität wird oft nur noch in Gruppenaktivitäten und Konsum erreicht, aber auch da wechseln Moden und Bräuche in zunehmendem Tempo. Die Firmen halten sich an einflussreiche Berater, für die Kinder wird der Trainer wichtiger als die Eltern oder gemeinsame traditionelle Betätigungen in der Familien, es sei denn, das vielfältig wachsende Großelternglück dank der späteren Alterung kommt ins Spiel, mit der dankbar angenommenen Unterstützung und den üblichen Streitereien über den Erziehungsstil. Die Bindungen an Gruppen und Vereine werden stärker als die an die Dreigenerationenfamilie, die den Autoren gelegentlich als Allheilmittel erscheint. Manchmal stört ein gewisser Jammerton in den durchaus plausiblen Analysen. Ob die allgemeine und universelle Verunsicherung auch zu tun hat mit dem wachsenden Nationalismus in der Welt, der wachsenden Zahl von antidemokratischen Herrschaftformen mit dem zunehmenden Verlust von Mündigkeit und Autonomie der „Bürger“ im Weltmaßstab, bleibt undiskutiert. Aber das reich dokumentierte und durchreflektierte Buch zwingt zum Mitdenken, zur eigenen Selbstdeutung und Orientierung im Getriebe der galoppierenden Veränderungen auf allen Ebenen. Tilmann Moser

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Astrid von Friesen, Gerhard Wilke: Generationen-Wechsel. Normalität, Chance oder Konflikt? LIT Verlag, Münster 2016, 258 Seiten, kartoniert, 34,90 Euro

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