ArchivDeutsches Ärzteblatt24/1996Biotechnologie: Ein Quäntchen Nachdenken

SPEKTRUM: Leserbriefe

Biotechnologie: Ein Quäntchen Nachdenken

Kühn, Joachim

Zu dem "Seite eins"-Beitrag "Mulmiges Gefühl" in Heft 16/1996
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LNSLNS Nach dem ersten Durchlesen des Kommentars hatte ich es auch, dieses merkwürdige Gefühl. Geht es hier doch um schlimme Sachen wie Malariamücken, Giftschlangen, Pockenviren, Arten- und Patentschutz, Gentechnik-Tomaten, Rinderwahnsinn, und natürlich um die dahinter steckenden Grundübel, Biotechnologie und Gentechnik. Wie der Verfasser des Kommentars bemerkt, hätte früher Otto Normalverbraucher diese Auswüchse unserer Zeit nicht hingenommen. Er hätte mindestens versucht, sie auszurotten, so wie man das mit Anophelesmücken vergeblich und recht erfolgreich mit Giftschlangen, dem abendländischen Symbol für das Böse und Satanische schlechthin, auch machte. Heutzutage verhindert der unsinnige Artenschutz das und erlaubt es vielen dieser nutzlosen Kreaturen ebenso wie den wesensverwandten Variola vera-Viren in den Tiefkühltruhen einiger Rüstungslabors, auf bessere Zeiten zu warten. Wie aber kommt man aus dem Dilemma Biotechnologie und Gentechnik heraus? Drakonische Richtlinien werden hier nach der Meinung des Kommentators notwendig sein, keine weichen Empfehlungen, kein Pardon für Gentechnik! Es ist zu hoffen, daß diese Richtlinien ebenso erfolgreich sein werden, wie es unsere heutigen Bemühungen zur Reduktion der zahllosen vermeidbaren Todesfälle durch den Straßenverkehr, durch die Volksdrogen Nikotin und Alkohol und durch Übergewicht bereits sind. Unverbesserliche Anhänger der Gentechnik, wie der Verfasser dieser Zeilen, mögen müde einwenden, daß erst die Gentechnik die Herstellung von sicherem, weil Prionen-freiem Wachstumshormon sowie HIV-freiem Faktor VIII ermöglicht hat, und daß bei der für unseren Berufsstand nicht ganz unwichtigen Hepatitis B-Impfung rekombinantes Antigen eingesetzt wird. Und natürlich, daß man Tomaten nach ihrem Geschmack kaufen sollte, so daß die gentechnologischen Surrogate aus dem Treibhaus sowieso das Nachsehen haben werden. Schließlich wird dunkel im Kommentar angedeutet, daß die Biotechnologie sicher auch Patentlösungen für die Verhinderung der Übertragbarkeit des Rinderwahnsinns parat hätte. Dies fordert natürlich die Phantasie der Leser heraus. Mein Vorschlag wäre es, Knock-Out Kuhmutanten zu erzeugen, denen das Prion (PrPc)-Gen fehlt. An solche Kühe könnte man ungestraft Tierkadavermehl verfüttern (falls diese Zeilen von einem Patentanwalt einer Biotechnologie-Firma gelesen werden, der die Idee für patentwürdig hält, bitte ich um Rücksprache). Und was ist mein persönliches Fazit? Bio- und Gentechnologie sind nicht an allen Übeln dieser Welt schuld. Eine positive Einstellung zum Artenschutz würde einem Vertreter der Ärzteschaft auch nicht schlecht anstehen. Gegen mulmige Gefühle hinsichtlich der Gen- und Biotechnologie gibt es leider kein Allheilmittel – in leichteren Fällen soll aber schon ein Quentchen an Nachdenken und Fachwissen helfen.
PD Dr. med. habil. Joachim Kühn, Institut für Virologie der Universität zu Köln, Fürst-Pückler-Straße 56, 50935 Köln
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