ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2017Sigmund Freud: Wunderliche und überraschende Aspekte

BÜCHER

Sigmund Freud: Wunderliche und überraschende Aspekte

PP 16, Ausgabe März 2017, Seite 137

Koch, Joachim

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Umfassend schildert der Autor in dieser neuen großartigen Biografie auf fast 900 Textseiten den Lebensweg Freuds und die Entwicklung der Psychoanalyse. Freud hat eine große kulturhistorische Leistung vollbracht und war einer der Menschen, die tiefgreifende Veränderungen eingeleitet haben: Nach Freud träumen und lieben, denken und fantasieren wir anders (wie auf dem Buchumschlag steht). Besonders für diejenigen, die mit Freuds Denken nicht sehr vertraut sind, lohnt sich diese Lektüre, denn die Entwicklung seines Denkens wird minutiös rekonstruiert und gut lesbar dargestellt. Wer andere Biografien – besonders die von Peter Gay – gelesen hat, erfährt nicht sehr viel Neues. Es ist wohl unstrittig, dass Freuds Lehre heute in vielen Punkten überholt ist. Es gibt einige wunderliche und überraschende Aspekte in dieser Biografie. Ein Punkt betrifft die Sexualität. Freuds Interesse an Sexualität soll nur im Zusammenhang mit dem Kinderzeugen gestanden haben und im Alter von 40 Jahren völlig erloschen sein. Wenn der Autor behauptet, dass Freuds Sexualtheorie oder sogar sein ganzes Werk das Ergebnis der Sublimierung seines eigenen Trieblebens ist, dann bleibt das eine Hypothese. Dennoch steht Freuds Hyperthematisierung der Sexualität in einem deutlichen Gegensatz zu seinem sexuellen Asketismus.

Der Autor zeigt nicht nur den Helden Sigmund Freud, sondern auch den Menschen Sigmund Freud in seinem Privatleben mit seinen Gewohnheiten und Marotten und gibt Einblicke in seine innersten Gedanken, Ängste und Faszinationen. So eindrucksvoll wie leidvoll ist die Darstellung von Freud als Patient und erinnert an Eisslers große Darstellungen von Goethe und Leonardo da Vinci. In einer gesundheitspsychologischen Perspektive kann Freud als besonders abschreckendes Beispiel gesehen werden. Er hat seit seinem 24. Lebensjahr Zigarren geraucht, bis zu 25 Havannas am Tag. Nach einer Krebsdiagnose musste er sich im Jahr 1923 einem großen chirurgischen Eingriff unterziehen, bei dem Teile des Oberkiefers entfernt wurden. Eine Prothese, die das Sprechen und Kauen ermöglichen sollte, wurde für Freud zur alltäglichen Foltermaschine, weil es nicht gelang, eine passende Befestigung im Mundraum anzubringen. Nur seine Tochter Anna durfte ihm das Gerät in teilweise anderthalbstündigen Prozeduren einsetzen. Langes Sprechen und Essen in der Öffentlichkeit waren ihm unmöglich und er erlitt unsagbare Schmerzen. Mehr als 50 kleinere und größere Eingriffe waren in seinen verbleibenden 16 Lebensjahren bis zu seinem Suizid erforderlich, um die Prothese besser einzupassen und neu wucherndes Gewebe herauszuschneiden. Joachim Koch

Anzeige

Peter-André Alt: Sigmund Freud. Der Arzt der Moderne. Eine Biographie. Beck Verlag, München 2016, 1036 Seiten, gebunden, 34,95 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema