ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2017Analkarzinom: Geduld vermeidet unnötige Operationen

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Analkarzinom: Geduld vermeidet unnötige Operationen

Dtsch Arztebl 2017; 114(10): A-476 / B-412 / C-402

Meyer, Rüdiger

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Der Erfolg einer Radiochemotherapie – Standard in der Therapie des Analkarzinoms – stellt sich häufig erst Wochen oder Monate nach Abschluss der Behandlung ein. Die Analyse einer Phase-3-Studie kommt jetzt zu dem Schluss, dass die Entscheidung zu einer Salvage-Operation, die das Risiko einer erneuten Tumorausbreitung gering halten soll, frühestens ein halbes Jahr nach der Radiochemotherapie fallen sollte. In der britischen ACT- II-Studie, an der von 2001 bis 2008 940 Patienten mit nicht metastasiertem Analkarzinom teilnahmen, wurde die Entscheidung zur Operation auf die Woche 26 nach Beginn der Radiochemotherapie verschoben, da die Patienten noch eine Erhaltungschemotherapie erhielten (die sich nicht bewährt hat, wie frühere Auswertungen gezeigt haben). Die Patienten waren in der Studie an drei Zeitpunkten digital untersucht worden. Die erste Untersuchung fand nach 11 Wochen statt, um die Wirkung der initialen Radiochemotherapie zu beurteilen. Eine zweite Untersuchung fand nach 18 Wochen statt, um die Wirkung der Erhaltungschemotherapie zu bewerten. Erst nach einer dritten Untersuchung, 26 Wochen nach Beginn der Radiochemotherapie, fiel die Entscheidung zu einer etwaigen „Salvage“-Operation.

Dieser späte Termin hat, wie Robert Glynne-Jones vom Mount Vernon Hospital in Northwood bei London und Mitarbeiter ermittelt haben, viele Patienten vor einer unnötigen Operation bewahrt. Nach 11 Wochen hatten nämlich erst 64 % der Patienten eine komplette Remission erreicht. Der Anteil stieg bis zur Woche 18 auf 80 % und nach 26 Wochen auf 85 % an. Die 5-Jahres-Überlebensraten waren für die Patienten, die an den drei Untersuchungsterminen eine komplette Remission erreicht hatten, mit 85 %, 86 % und 87 % gleich. Bei den Patienten, bei keine komplette Remission erzielt hatten, betrugen die 5-Jahres-Überlebensraten 75 %, 61 % und 48 %. Glynne-Jones rät aufgrund der Ergebnisse, die Entscheidung zur Operation frühestens nach 26 Wochen zu treffen.

Fazit: Angelita Habr-Gama von der Universität São Paulo hält die Ergebnisse für einen wichtigen Meilenstein in der Therapie des Analkarzinoms, die in naher Zukunft in der klinischen Praxis implementiert werden sollten. Sie stellt die Frage in den Raum, ob dieses zeitliche Vorgehen auch bei bestimmten Formen des rektalen Adenokarzinoms angewendet werden könnte.

Rüdiger Meyer

Lancet Oncology (2017; doi: 10.1016/S1470–2045(17)30071–2)

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