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Weltfrauentag: Mehr Aufgeschlossenheit

Dtsch Arztebl 2017; 114(10): A-441 / B-385 / C-375

Beerheide, Rebecca

Rebecca Beerheide, Ressortleiterin Politische Redaktion
Rebecca Beerheide, Ressortleiterin Politische Redaktion

Ein Klagelied, dass auch zum 106. Weltfrauentag einen unveränderten Text hat: Zu wenige Führungsetagen in Deutschland werden von Frauen geleitet – ganz gleich, ob in der Verwaltung, bei Konzernen, in Universitätskliniken oder großen Forschungsinstituten. Dabei ist die Medizin ein Berufsfeld, in dem es am wenigsten zu verstehen ist, warum es nicht schon heute in vielen Kliniken, großen Praxen oder auch in berufspolitischen Spitzengremien üblich ist, dass eine Ärztin an der Spitze steht. Seit den 1990er-Jahren sind über die Hälfte der Erstsemester Frauen, im Studienjahr 2016 wurden die 11 000 Studienplätze mit 65 Prozent belegt. Doch die Ärztinnen, die in den 1990er-Jahren studierten, sind bis heute kaum in Führungspositionen angekommen: In Deutschland gibt es an den Unikliniken nach einer Erhebung des Deutschen Ärztinnenbundes zehn Prozent bei den Chefärztinnen, 31 Prozent bei Oberärztinnen.

„Verbale Aufgeschlossenheit, bei weitgehender Verhaltensstarre“ – so bezeichnete schon 1986 der inzwischen verstorbene Soziologe Prof. Dr. Ulrich Beck die deutschen Gesellschaftsdebatten zum Rollenbild von Männern und Frauen. Aufgeschlossen sind bereits viele – Männer wie Frauen, allerdings oft nur in ihren Sonntagsreden. Kommt es zum Schwur – „Willst Du den Job?“ „Willst Du das berufspolitische Amt?“ – schrecken viele (Frauen) zurück oder das Angebot (von Männern) für einen Posten wird gar nicht erst ausgesprochen.

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Die Verhaltensstarre kann nur von den Ärztinnen und Berufspolitikerinnen aber auch ihren männlichen Kollegen selbst aktiv beendet werden – wenn es denn einen gesellschaftlichen Wandel geben soll. Vor einigen Monaten wurden die KV-Vertreterversammlungen landauf, landab neu gewählt – aus frauenpolitischer Sicht hat sich nur wenig geändert: Eine neue KV-Chefin dort, andernorts eine weniger. Zwei Frauen stehen künftig der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) vor – im KBV-Vorstand ist keine Ärztin mehr. Im Vorstand der Bundes­ärzte­kammer sind es fünf Ärztinnen (und 14 Ärzte). Frauen, die jetzt in den (Spitzen-)Gremien sind, sollten sich die Zeit und Kraft nehmen, in den kommenden Jahren mehr Kolleginnen für die Berufspolitik zu gewinnen. Nur so kann die „Verhaltensstarre“ aufgebrochen werden. Zur Veränderung der ärztlichen Arbeitswelt – von der natürlich auch Männer profitieren – müssen die jungen, neuen, aber auch weiblichen Stimmen in den Gremien integriert werden.

Denn das Gesundheitswesen in Deutschland darf es sich gar nicht leisten, so viele gut ausgebildete Ärztinnen speziell während der Weiterbildungszeit zu verlieren. Auch für die Leitung von Kliniken oder großen Instituten werden die hoch qualifizierten Frauen benötigt. Für den Traumberuf Ärztin – mit eigener Familie – braucht es mehr innovative Arbeitsmodelle, Klinikleitungen oder Praxischefs. Einige Häuser in privater Trägerschaft oder auch in ländlichen Gebieten scheinen sich inzwischen zu bewegen: mobiler Pflegedienst für kranke Kinder, damit die Chirurgin operieren kann. Flexible Arbeitszeitmodelle, von denen Ärztinnen, aber auch Ärzte an Unikliniken oft nur träumen können. Ist das die neue Familienfreundlichkeit? Nein – diese Klinikgeschäftsführer denken wirtschaftlich: Es ist viel zu teuer, wenn Operationen ausfallen oder immer wieder neues ärztliches Personal gesucht werden muss.

Rebecca Beerheide
Ressortleiterin Politische Redaktion

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