ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2017Von schräg unten: Schöne neue Wörter

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Schöne neue Wörter

Böhmeke, Thomas

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Neuigkeiten aus der transatlantischen Neuen Welt werden aktuell misstrauisch beäugt. Aber diese eine schöne neue Wortschöpfung hat mehr Begeisterung hervorgerufen als die Einführung der PDE-5-Hemmer: alternative Fakten! Auch wir, liebe Kolleginnen und Kollegen, fühlten uns von der amerikanischen Präsidentenberaterin Kellyanne Conway zutiefst verstanden, da sie in diesem Ausdruck unsere jahrzehntelange Erfahrung in ein zeitloses Statut goss: dass es faktisch keine Tatsache als solche gibt, sondern dass jeder Fakt nach adjektivistischer Präzision verlangt. Wobei: Alternative Fakten sind ja nur eine Option von vielen. Nein, wir Ärzte kennen auch perspektivistische Fakten, fluktuierende Fakten, euphemistische Fakten; und wir sind überglücklich, dass es endlich jemand an höchst offizieller Stelle mit der Wahrheit, der Tatsache, der Wirklichkeit genau nimmt.

Dass insbesondere im medizinischen Bereich das Fakt nicht ohne messerscharfes Adjektiv auskommt wie der Chirurg nicht ohne Skalpell, habe ich bereits als Jugendlicher erfahren dürfen, als mein Zahnarzt seinen Bohrer mit der aus seiner Sicht völlig zutreffenden Bemerkung ‚Stell‘ dich nicht so an, das tut kein bisschen weh!‘ in meinem maroden Zahn versenkte. Wirklich ein wunderschönes Beispiel eines perspektivistischen Fakts. Die fluktuierende Faktenlage kennen wir Mediziner aus dem Reich der pharmakologischen Studien: Mit jeder neuen Metaanalyse und jedem frisch auf den Markt gekommenen Blutfettsenker sinkt der LDL-Grenzwert, ab dem wir unsere Patienten behandeln müssen. Ich kenne nicht wenige Hausärzte, die mich nach derartigen Verlautbarungen anrufen und fragen: Na, wie tief seid ihr denn jetzt gesunken? Und meinen mit Sicherheit die mäandernden, die fluktuierenden Fakten der hohen Kunst der Gefäßrettung.

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Nur ein Schelm mag Spott darin vermuten, faktisch haben aber unsere Hausärzte täglich damit zu tun, dass viele ihrer Patienten über schwere Störwirkungen besagter Fettsenker berichten, dessen Ausmaß sich in keiner einzigen Studie widerspiegelt. Ich nehme mal an, dass sie sich damit trösten, dass die durch besagte Studien ausgewiesene vortreffliche Verträglichkeit der hochgelobten Substanzen als euphemistische Fakten dargestellt werden. In der Tat kommen Zweifel an der Wahrhaftigkeit des ärztlichen Handelns auf, wenn jeder zehnte Patient über Störwirkungen klagt, auf der anderen Seite Hunderte behandelt werden müssen, um ein Ereignis zu verhindern. Angesichts dieses faktischen Widerspruchs war es höchste Zeit, dass Frau Conway mutig und entschlossen für eine tatsächliche Neudefinition der Wahrheit eingetreten ist, wofür ich ihr aus vollstem Herzen meinen zutiefst empfundenen Dank schulde.

Meine Liebste guckt mir über die Schulter. „Was schreibst du da nur, das kannst du unmöglich machen!“ Wieso? Ich schreibe doch nur was über Tatsachen, und die lassen sich nun mal nicht leugnen. „Fakt ist, dass die amerikanischen Sicherheitsbehörden alles penibelst notieren; solltest du demnächst in die USA fliegen, bekommst du massive Schwierigkeiten bei der Einreise!“ Ach nee, das ist doch wirklich kein Problem. „Das sagst du so einfach!“ Ja, in der Tat. „Wieso bist du dir so sicher?“ Wenn ich mir so angucke, was alles in den USA passiert, habe ich mir vorsorglich de facto eine Einreisewarnung erteilt.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck

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