ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/1999Lungenkrebsrisiko durch Zigarren-, Zigarillo- und Pfeifenrauchen

MEDIZIN: Referiert

Lungenkrebsrisiko durch Zigarren-, Zigarillo- und Pfeifenrauchen

Dtsch Arztebl 1999; 96(34-35): A-2161 / B-1754 / C-1610

jek

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LNSLNS Das Rauchen von Pfeifen, Zigarren und Zigarillos wurde in der Vergangenheit im Vergleich zum Zigarettenrauchen als weniger gefährlich eingestuft, wenngleich die krebserzeugende Wirkung dieser Tabakrauchprodukte außer Zweifel stand. Eine gerade veröffentlichte Studie mit 5 621 Männern mit Lungenkrebs und 7 255 Männern ohne diese Erkrankung legt nunmehr für das Rauchen von Zigarren, Zigarillos und Pfeifentabak ein krebserzeugendes Risiko in der gleichen Größenordnung nahe wie für das von Zigaretten (1).
An dieser Studie beteiligten sich Forschungsgruppen aus Deutschland, Italien und Schweden sowie die internationale Krebsagentur in Lyon. 61 Prozent der Lungenkrebspatienten und etwa 50 Prozent der Kontrollen kamen dabei aus Deutschland. Die Studienregionen waren Bremen, Frankfurt und Umgebung (Germany 1) und Teile von Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Bayern sowie das Saarland, Thüringen und Sachsen (Germany 2 und 3). Weitere Studienregionen waren in Schweden die Region Stockholm und in Italien Turin, Venedig und Rom.
Nur 117 der Lungenkrebspatienten waren lebenslange Nichtraucher, demgegenüber 1 750 der Kontrollpersonen. Während Zigarettenraucher ein 15fach höheres Lungenkrebsrisiko als Nichtraucher aufwiesen, war das Risiko bei Zigarren- und Zigarillorauchern neunfach, bei Pfeifenrauchern etwa achtfach erhöht. Alle diese Ergebnisse waren statistisch hoch signifikant.
Mit der Dauer des Rauchens von Zigarren und Zigarillos, aber auch mit der Menge des gerauchten Tabaks, steigt das Lungenkrebsrisiko deutlich an. Personen, die früh mit dem Rauchen begonnen haben, stehen dabei unter einem besonders hohen Risiko. Das Risiko hängt ebenfalls stark davon ab, ob Zigarren- und Zigarilloraucher inhalieren oder nicht: Während nicht inhalierende Zigarillo- und Zigarrenraucher ein etwa fünffach höheres Risiko als Nichtraucher hatten, war dieses bei inhalierenden mehr als 28fach erhöht.
Die meisten der Zigarren- und Zigarilloraucher (27 der 43 Lungenkrebspatienten und 47 der 77 Kontrollpersonen) kamen aus Deutschland.
Im Gegensatz hierzu kamen die meisten der ausschließlich Pfeife rauchenden Personen (51 Fallpatienten und 103 Kontrollen) aus Schweden. Auch bei den Pfeifenrauchern zeigte sich ein eindeutiger Effekt der Dauer des Rauchens und der lebenslang konsumierten Tabakmenge. Da für die Pfeifenraucher aus Schweden keine Information zum Inhalationsverhalten vorlag, bleibt die Frage nach der Bedeutung dieses Faktors für das Lungenkrebsrisiko bei Pfeifenrauchern durch diese Studie unbeantwortet. Allerdings zeigte sich eine deutliche Reduzierung des Risikos, wenn mit dem Rauchen aufgehört worden war: Bei Exrauchern war nach mehr als 15 Jahren Rauchabstinenz das Risiko nur noch um den Faktor 1,4 gegenüber Nichtrauchern erhöht. Dieser günstige Effekt des Nicht-mehr-Rauchens fiel bei Zigarrenrauchern geringer aus.
Wenn man die verschiedenen Rauchgewohnheiten auf einer einheitlichen Skala, wie der durchschnittlichen Menge Tabak pro Tag oder der lebenslang gerauchten Tabakmenge vergleicht, so stellt sich heraus, daß diese so ermittelten Risiken für Rauchgewohnheiten bezüglich aller drei Tabakprodukte nahezu identisch ausfallen.
Zusammenfassend ist somit, folgt man den Ergebnissen dieser Studie, davon auszugehen, daß das Rauchen von Zigarren, Zigarillos und Pfeifen ein vergleichbares lungenkrebserzeugendes Potential wie Zigarettenrauchen aufweist. Auf die mögliche grundsätzliche Bedeutung dieser Ergebnisse weist K. H. Koh in seinem begleitenden Editorial (2) hin.
Allerdings darf auch nicht übersehen werden, daß trotz der recht hohen Gesamtzahl von Personen in der Studie die Zahl der reinen Pfeifen-, Zigarillo- und Zigarrenraucher unter den an Lungenkrebs Erkrankten nur 104 beträgt. Damit bleiben die Aussagemöglichkeiten zu detaillierten Fragen, etwa der Rolle des Inhalationsverhaltens, beschränkt. jek


1. Bofetta P, Pershagen G, Jöckel K-H et al.: Cigar and pipe smoking and lung cancer risk: a multicenter study from Europe. J Natl Cancer Inst 1999; 91: 697-701.
2. Koh, H K: The end of the "tobacco and cancer" century. J Natl Cancer Inst 1999; 91: 660-661.


Prof. Dr. Karl-Heinz Jöckel, Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie, Universitätsklinikum Essen, Hufelandstraße 55, 45122 Essen
Dr. Ingeborg Jahn, Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS), Grünenstraße 120, 28199 Bremen

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