ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2017Lieferengpässe bei Arzneimitteln: Regierung führt Meldepflicht ein

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Lieferengpässe bei Arzneimitteln: Regierung führt Meldepflicht ein

Dtsch Arztebl 2017; 114(11): A-508 / B-444 / C-434

Osterloh, Falk

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Krankenhausapotheker warnen: Lieferengpässe gefährden die Patientensicherheit. Die Bundesregierung hat nun die Hersteller verpflichtet, Lieferengpässe zu melden. Um das Problem zu lösen, sind jedoch weitere Maßnahmen erforderlich.

In Krankenhausapotheken ist der Umgang mit Lieferengpässen zum Alltag geworden. Foto: dpa
In Krankenhausapotheken ist der Umgang mit Lieferengpässen zum Alltag geworden. Foto: dpa

Die Bundesregierung hat sich im Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz (AMVSG) auch den Lieferengpässen bei Arzneimitteln angenommen. So wurden die Hersteller unter anderem dazu verpflichtet, Lieferengpässe an die Krankenhäuser zu melden (siehe vorherigen Artikel). Wie dringend notwendig Maßnahmen gegen Lieferengpässe sind, erklärten Experten Anfang März auf zwei Veranstaltungen in Berlin.

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Kein Kavaliersdelikt

Der Leiter der Krankenhausapotheke am Universitätsklinikum Heidelberg, Dr. pharm. Torsten Hoppe-Tichy, betonte auf der Frühjahrstagung der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO), dass das Thema Lieferengpässe eskaliere. „Es ist ein Tagesgeschäft geworden“, sagte er. In seiner Apotheke müsse sich ein Mitarbeiter ausschließlich darum kümmern, die Folgen von Lieferengpässen abzumildern. Dabei gehe es um Kontingentierung. „Manche Patienten bekommen dann das Medikament noch, andere nicht mehr“, erklärte er. Eine Folge der Lieferengpässe sei ganz klar eine Verschlechterung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit. „Lieferengpässe sind kein Kavaliersdelikt“, stellte er klar. „Wir beeinflussen damit die Patientensicherheit und auch das Patientenoutcome.“

Zurzeit können Pharmafirmen Lieferengpässe an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) melden – müssen es aber nicht. Ein solches freiwilliges Melderegister sei keine Arbeitshilfe, betonte der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Krankenhausapotheker, Rudolf Bernard, auf einer Pressekonferenz der AOK Baden-Württemberg. „Im Februar 2017 waren 30 versorgungskritische Arzneimittel nicht verfügbar, von denen nur acht in dem Register gelistet waren“, so Bernard. Eine Informationspflicht sei also ausdrücklich zu begrüßen.

In einer Broschüre (http://d.aerzteblatt.de/QE86) hat die DGHO die Ursachen von Lieferengpässen zusammengefasst und beschrieben, welche Onkologika zuletzt betroffen waren. Ursächlich sind demnach vor allem Herstellungsprobleme. Das BfArM gehe davon aus, heißt es, dass 90 Prozent der Lieferengpässe durch Qualitätsmängel in der Produktion bedingt seien. Obwohl die relevanten Standards international gälten, würden zunehmend Verstöße aus Ländern wie Indien oder China bekannt. Weitere Ursachen seien eine Bedarfssteigerung und Marktrücknahmen.

Zurück nach Europa

Um Lieferengpässe vor allem bei alten, verorgungsrelevanten Arzneimitteln zu vermeiden, fordert die Ärzteschaft seit Jahren eine Liste unverzichtbarer Arzneimittel. Eine solche Liste erstelle das BfArM zurzeit, sagte dessen Präsident Prof. Dr. med. Karl Broich auf der DGHO-Tagung. Die Liste sei kontinuierlich verkleinert worden. „Zuerst enthielt sie 600 Medikamente. Das waren zu viele, das ist nicht zu managen“, meinte Broich. Zum Beispiel durch den Abgleich mit der WHO-Liste der essenziellen Arzneimittel sei die Liste nun aber deutlich reduziert worden. „Wir sind jetzt in der Diskussion mit den Beteiligten, ob es hier verschärfte Bevorratungsregelungen braucht“, sagte Broich.

Zwei weitere Maßnahmen zur Reduzierung von Lieferengpässen nannte der Medizinische Leiter der DGHO, Prof. Dr. med. Bernhard Wörmann: Die Preise von Arzneimitteln, die zum Standard einer Behandlung gehörten, müssten so akzeptabel sein, dass die Hersteller mit ihnen Geld verdienen könnten. Und es müssten Anreize gesetzt werden, um die Produktion dieser Arzneimittel wieder nach Europa zu holen.

Falk Osterloh

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