ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2017Diabetischer Fuss: Lakmus-Test für autonome Nerven

PHARMA

Diabetischer Fuss: Lakmus-Test für autonome Nerven

Lenzen-Schulte, Martina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Früherkennung einer autonomen diabetischen Neuropathie ist wichtig, um letztendlich Amputationen zu verhindern. Ein Anhidrose-Test, der die Schweißsekretion prüft, soll die Frühdiagnose erleichtern und objektivieren helfen.

Die Hautfunktion in Farbe: Ein kompletter Farbumschlag hin zu rosa heißt, die Haut ist intakt. Bleibt das Pflaster blau, ist die Haut zu trocken und mechanisch nicht mehr genügend belastbar. Eine Teilverfärbung weist auf eine bereits gestörte Schweißsekretion hin. Fotos: Sanofi / miro Verbandstoffe GmbH
Die Hautfunktion in Farbe: Ein kompletter Farbumschlag hin zu rosa heißt, die Haut ist intakt. Bleibt das Pflaster blau, ist die Haut zu trocken und mechanisch nicht mehr genügend belastbar. Eine Teilverfärbung weist auf eine bereits gestörte Schweißsekretion hin. Fotos: Sanofi / miro Verbandstoffe GmbH

Der erste Trigger auf dem Weg zu einem diabetischen Fuß ist die Neuropathie. Um die Amputation als dessen schwerwiegendste Komplikation zu verhindern, sollte man idealerweise bei der möglichst frühen Entdeckung einer diabetischen Neuropathie (DPN) ansetzen, erläuterte Dr. med. Stephan Kress anlässlich einer Pressekonferenz von Sanofi in Höchst. Allerdings sind Inspektion und neurologische Testung aufwendig. Außerdem nimmt die Zahl der kognitiv-beeinträchtigten und dementen Patienten unter den Diabetikern zu, was die Diagnose erschwert. Einer der entscheidenden Vorteile des neuen „neuropad®“-Testverfahrens sei daher, dass es von der subjektiven Mitarbeit und der kognitiven Leistungsfähigkeit des Kranken unabhängig ist, hob der Leiter des Diabeteszentrums am Vinzentius-Krankenhaus in Landau/Pfalz hervor.

Anzeige

Neuropad® basiert auf der Funktion der Schweißdrüsen. Die Sudomotorik ist von der Innervation der postganglionären sympathischen dünnen Nervenfasern („small fibers“) abhängig. Sie gibt somit Auskunft darüber, ob das autonome Nervensystem noch intakt ist. Das Pflaster auf der Fußsohle reagiert auf Feuchtigkeit und ändert bei einem gesunden Fuß die Farbe von blau zu rosa – und dies innerhalb von Minuten. Bleibt das Pflaster komplett oder teilweise blau, deutet das auf zu trockene Haut, eine gestörte Schweißsekretion und damit auf erste Schäden der autonomen Nerven hin. Der Farbumschlag ist dabei klar erkennbar und gut reproduzierbar. Es handelt sich um das bisher einzige Verfahren, dass auf diese Weise die Hautfeuchtigkeit darstellt.

Einfache Anwendung

In mehreren Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass mittels neuropad® sowohl eine ausreichend gute Vorhersage des diabetischen Fußsyndroms als auch von diabetischen Fußulzera möglich ist (1, 2). Die Sensitivität wird auf 85 bis 86 % beziffert. Die Spezifität liege bei 56 bis 65 %, erläuterte Kress in Frankfurt (3, 4). Die vergleichsweise niedrige Spezifität bedeute, dass einschlägige Hinweise weiter abgeklärt werden müssten.

Das Anbringen und Ablesen des Pflasters ist so simpel, dass es sich auch zur Selbsttestung eignet. Als Test, der nicht zwingend auf die Mitarbeit des Patienten angewiesen ist, hat er ein Alleinstellungsmerkmal: Er kann als einziger auch bei Patienten mit neurokognitiven Einschränkungen und Demenz Verwendung finden. Kress erklärte, dass es bereits etliche Anläufe gab, möglichst objektive Marker auf die Nervenschäden bei Menschen mit Diabetes zu finden. Aber bei diesen Kranken eignen sich Entzündungsparameter denkbar schlecht. Denn selbst dann, wenn schon Ulzera vorliegen, ist oft weder ein erhöhtes CRP noch eine Leukozytose vorhanden, so Kress.

Hinweis auf Herzschäden

Der Hinweis auf eine Schädigung der autonomen Nerven am Fuß könne ebenfalls ein Fingerzeig darauf sein, dass auch das kardiale autonome Nervensystem betroffen ist, erläuterte der Diabetologe.

Er empfiehlt, den Test jährlich zu wiederholen. Offenbar gibt es schon Krankenkassen, die die Kosten dafür übernehmen. Kress hält einen pathologischen Testbefund auch für hilfreich, um damit bei eine Krankenkasse zum Beispiel die Finanzierung für eine spezielle Schuhversorgung zu übernehmen.

Sanofi vertreibt das Pflaster in Deutschland und seit Ende 2016 auch in Australien. In den USA ist es bislang nicht auf dem Markt, in Europa gibt es zudem weitere Anbieter in anderen Ländern.

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

1.
Tentolouris N, Voulgar C, Liatis S, et al.: Diabetes Care 2010; 33: 302–5 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.
Papanas N, Papatheodorou K, Papazoglou D, et al.: Exp Clin Endocronol Diabetes 2011; 119 (2): 122–25 CrossRef MEDLINE
3.
Manes C, Papanas N, Exiara T, et al.: Exp Clin Endocrinol Diabetes 2014; 122 (3): 195–9 CrossRef MEDLINE
4.
Tsapas A, Liakos A, Paschos P, et al.: Metabolism 2014; 63 (4): 584–92 CrossRef MEDLINE
1.Tentolouris N, Voulgar C, Liatis S, et al.: Diabetes Care 2010; 33: 302–5 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.Papanas N, Papatheodorou K, Papazoglou D, et al.: Exp Clin Endocronol Diabetes 2011; 119 (2): 122–25 CrossRef MEDLINE
3.Manes C, Papanas N, Exiara T, et al.: Exp Clin Endocrinol Diabetes 2014; 122 (3): 195–9 CrossRef MEDLINE
4.Tsapas A, Liakos A, Paschos P, et al.: Metabolism 2014; 63 (4): 584–92 CrossRef MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Themen:

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote