SCHLUSSPUNKT

Medizingeschichte: Robert Koch und die Geschichte der Tuberkulose

Dtsch Arztebl 2017; 114(11): [76]

Schuchart, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Für seine Erforschung des Tuberkelbakteriums erhielt Robert Koch 1905 den Medizin-Nobelpreis. Anders als er gehofft hatte, gelang ihm allerdings nicht die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs gegen die gefährliche Infektionskrankheit.

Sein Leben hätte auch völlig anders verlaufen können, wäre er wie einige seiner Brüder nach Nordamerika emigriert oder hätte er nicht sein Lehramtsstudium der Philologie an der Universität Göttingen 1862 zugunsten der Medizin aufgegeben. Dort hörte Robert Koch, der 1843 als drittes von 13 Kindern eines Bergrats in Clausthal-Zellerfeld geboren wurde, Vorlesungen in Anatomie bei Prof. Jacob Henle. Dieser vertrat die damals noch als völlig abwegig geltende These, dass lebende parasitäre Organismen verantwortlich seien für Infektionskrankheiten, er konnte aber keinen Beweis für seine Theorie liefern. Doch die Neugierde seines begabten Schülers war geweckt.

Dass Koch zum Begründer der modernen Bakteriologie werden wird, ist zu dieser Zeit noch nicht absehbar: Nach Examen und Promotion 1866 heiratet er die Pastorentochter Emmy Fratz, seine Jugendfreundin, sammelt erste berufliche Erfahrungen und wirkt 1870/71 als Feldarzt im Deutsch-Französischen Krieg. Sesshaft wird er erst als Kreisphysikus von 1872 bis 1880 in Wollstein/Posen. Obwohl vielbeschäftigter Landarzt, wendet er sich dort wieder seiner alten Liebe, der Forschung, zu, die er unter einfachsten Bedingungen betreibt: Nur abgetrennt durch einen Vorhang, richtet er in seinem Sprechzimmer ein behelfsmäßiges Laboratorium ein: Käfige mit Versuchstieren, einen Brutschrank, ein Mikroskop, in das er viel Geld investiert hat, und ein Mikrotom für feinste anatomische Schnitte. Sein erstes Forschungsobjekt ist der Milzbrand, der jedes Jahr die Viehherden in Europa dezimierte und über den auch die Bauern in Wollstein ständig klagten. Auf sich gestellt, beginnt Koch die tödliche Seuche zu erforschen und kann schließlich zeigen, dass der Bazillus anthracis als Spore im Boden überleben und danach in Tieren, aber auch im Menschen wieder aktiv werden kann. Mit seinem neuen Wissen arbeitet er am Problem der Wundinfektion, das ihn schon im Kriegslazarett beschäftigt hatte.

Die Erkenntnisse des bis dato völlig unbekannten Provinzarztes stoßen in wissenschaftlichen Kreisen auf Anerkennung. 1880 wird er zum Leiter der bakteriologischen Abteilung des neu gegründeten Kaiserlichen Gesundheitsamts in Berlin berufen. Hier kann Koch erstmals mit Assistenten arbeiten, und so stürzt er sich in ein komplexes Projekt, das ihm Weltruhm bescheren wird: die Erforschung der Tuberkulose, einer gefürchteten Krankheit, an der oft Menschen im besten Lebensalter dahinsiechten und die bis dahin völlig rätselhaft war. Koch gelingt es, den Erreger anzufärben, im erkrankten Gewebe nachzuweisen, zu isolieren und – besonders schwierig – in Reinkultur zu züchten. Er kann nachweisen, dass ein Versuchstier, das mit dem Erreger infiziert wird, an Tuberkulose erkrankt. Koch ist auf dem Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Karriere: Er erhält 1885 eine Professur an der Berliner Universität, wird Direktor des neu gegründeten Instituts für Hygiene und reist nach Ägypten und Indien, um Tropenkrankheiten wie Cholera oder Pest zu bekämpfen.

Aber seine Suche nach einem Heilmittel gegen die Tuberkulose lässt ihn nicht los. 1890 präsentiert er bei einem Medizinkongress das Tuberkulin, ein Extrakt aus Tuberkelbazillen, mit dem er bei Meerschweinchen Heilerfolge erzielt hatte. Doch beim Menschen erweist sich das von Ärzten und Patienten begeistert begrüßte „Wundermittel“ als extrem problematisch, da es den Krankheitsverlauf oft dramatisch verschlechtert. Kochs Ruf leidet schwer und wird erst Jahre später rehabilitiert, als der diagnostische Wert des Tuberkulins erkannt wird. 1910, drei Tage nach einem Seminarvortrag über Tuberkulose, erleidet er einen Herzanfall und verstirbt kurze Zeit später an den Folgen. Sabine Schuchart

1882 entdeckte Robert Koch das Mykobakterium tuberkulosis – ein Meilenstein in der Medizingeschichte und der Beginn seiner lebenslangen Beschäftigung mit dem Erreger, der nach ihm auch Koch’scher Bazillus heißt. Erst nach vielen vergeblichen Versuchen konnte Koch das extrem winzige, durch eine Wachshülle geschützte Stäbchenbakterium erstmals nachweisen. In der am häufigsten auftretenden Form der Lungentuberkulose zerstört es Struktur und Funktion der Lunge. Die auch Morbus Koch genannte Krankheit nimmt seit den 1990er-Jahren in Ländern wie Indien, China, Indonesien sowie Teilen Afrikas und Osteuropas wieder zu. 1996 erklärte die WHO den 24. März zum Welttuberkulosetag. Das Datum soll an den 24. März 1882 erinnern, als Robert Koch seine Identifizierung des Tuberkelbakteriums in der Berliner Physiologischen Gesellschaft bekannt gab.

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige