SEITE EINS

Fortpflanzungsmedizin: Wer zu spät kommt

Dtsch Arztebl 2017; 114(11): A-499

Lenzen-Schulte, Martina

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte, Ressort Medizinreport
Dr. med. Martina Lenzen-Schulte, Ressort Medizinreport

Die Eizellspende boomt, vor allem in den USA. Schon jetzt ist dort bei mehr als 75 Prozent aller im Labor gezeugten Kinder von Frauen über 40 außer dem Paar noch ein Dritter beteiligt, meist eine Eizellspenderin. Die erste Kinderwunsch-Messe in Berlin (s. S. 527) ließ keinen Zweifel daran, dass selbst die ausgetüftelte Reproduktionstechnologie mit ihrem Latein am Ende ist, sobald sich die Ovarreserve erschöpft hat.

Die Debatte um die Legalisierung der Eizellspende in Deutschland und die gesellschaftlichen Folgen des Reproduktionsgewerbes kommt daher zur rechten Zeit (s. S. 524). Es ist ein Armutszeugnis moderner Gesellschaften, dass inzwischen nicht eine echte Infertilität das Gros der Frauen zur Kinderwunschtherapie nötigt, sondern der verlorene Wettlauf gegen das Alter. Die besten Zeiten für Qualifikation und Reproduktion liegen derzeit parallel. Beides zu stemmen empfinden viele Frauen nun einmal als ein Ding der Unmöglichkeit, also ziehen sie es nacheinander durch.

Anzeige

Dafür gibt es im Moment nur die eine Reihenfolge – erst berufliche Ziele erreichen, danach auf Nachwuchs hoffen. Dass immer mehr Frauen es nur wagen, an Kinder zu denken, wenn sie sich beruflich abgesichert wähnen, sollte endlich als das genommen werden, was es ist: eine Abstimmung mit den Füßen, eine Absage an die viel beschworene Vereinbarkeit von Kind und Karriere. Da keineswegs nur deutsche Frauen den Kinderwunsch aufschieben, liegt es wohl nicht nur an dem hierzulande so oft beklagten Mangel an Krippen und Kitas. Berufsausbildungen, die ambitionierten und akademischen zumal, dauern länger und länger, weshalb auch die Besten und Schnellsten immer öfter zu spät kommen – wer kann schon einen Marathon im Sprinttempo laufen? Für dieses Dilemma bietet sich den Frauen derzeit nur eine einzige Lösung an, eine Reproduktionsmedizin, die ihr Armamentarium zusehends perfektioniert. Doch die Therapien haben ihren Preis.

Höhere gesundheitliche Risiken für die in-vitro-gezeugten Kinder werden je nach Studie unterschiedlich beziffert, aber nicht mehr geleugnet. Gleiches gilt für die späten Schwangerschaften und die perinatalen Komplikationen. Das „social freezing“ ist daher allenfalls second best, setzt es doch ebenfalls eine künstliche Befruchtung voraus. All dies bürdet man Frauen (und ihren Kindern) auf, die eigentlich auf natürliche Weise hätten schwanger werden können, hätten sie es nur früh genug versucht. Frauen sollten daran denken – ein gut gemeinter Rat. Früher Kinder zu bekommen, erst reproduzieren, dann qualifizieren, das ist indes unter den herrschenden Bedingungen nur nachteilig.

Zeit dafür hätten wir. Aber die politische Fantasie reicht nicht aus, den Zuwachs an Lebenserwartung in eine Entlastung der reproduktiven Phase umzumünzen. Wir verlängern statt dessen die Lebensarbeitszeit. Zwar ist die Berufswelt bereit, Arbeitsjahre zu stunden, aber dann bitte als kreatives Sabbatical, als erholsame Reha nach dem Burn-out oder als Rente mit 63. Wer noch bei Professoren studierte, die nach Jahren in Krieg und Gefangenschaft nobelpreisverdächtige Labore aufbauten, kann sich über das fehlende Zutrauen in jene, die später im Berufsleben durchstarten möchten, nur wundern. Die Eizellreserve ist mit 40 so gut wie aufgebraucht, von zentralen Neuronen wurde ein solches Phänomen für die Lebensmitte bisher nicht beschrieben.

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte
Ressort Medizinreport

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    quovadis
    am Samstag, 18. März 2017, 12:01

    Kinder auf Bestellung! Was für ein bekl..... Titel


    Man kann Kinder nicht bestellen (immer noch nicht), man kann nur die Bedigungen dafür, daß eine Befruchtung stattfindet optimieren. Bei einigen Paaren reicht dazu eine optimierte Zeitwahl, bei anderen braucht es die assistierte Reproduktion. Ob sich der Embryo einnistet und ob es zu einer Lebendgeburt kommt ist immer noch allein Sache der Natur. Das zeigt deutlich ein Blick auf die Erfolgschancen, zum Beispiel im IVF-Register, aber auch die in ihrem Artikel zur Eizellspende erwähnten kaum glaubhaften maximalen Erfolgsraten von etwas über 60%. Bestellen sieht anders aus!

    Ein Blick ins IVF Register zeigt auch deutlich, daß die Hauptursache für die Inanspruchnnahme eine assistierten Reproduktion nicht ein zu hohes Alter der Frau ist, sondern daß meist handfeste organische Gründe dafür gibt (Männliche Infertilität, die übrigens auch eine gewisse Altersabhängigkeit hat, kommt in ihren Artikeln gar nicht vor. Ein eingeschränktes Spermiogramm ist aber die häfugste Indikation für eine "künstliche Befruchtung"). Das mittlere Alter der Frau bei Inanspruchnnahme lag 2015 bei 35 Jahren. Wenn man überlegt, daß es im Mittel zwei Jahre braucht, bis Frauen an ein Kinderwunschzentrum überwiesen werden, kümmern sich sehr viele Frauen durchaus "rechtzeitig" um ihren Kinderwunsch.

    Es ist grundsätzlich löblich, daß Sie die Frage, ob die Eizellspende in Deutschland legalisiert werden soll thematisieren. Man hätte das jedoch auch in angemessener Form tun können, indem man sachlich den Stellenwert dargestellt hätte, den die Inanspruchnahme von Eizellspenden tatsächlich hat. Und ein Titel, der unsere infertilen Patienten und ihre aus assistierter Reproduktion enstehenden Kinder nicht diskriminiert (Eizellspende auch in Deutscland? o.ä.) hätte es auch getan.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige