ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2017Künstliche Befruchtung: Fertilität bei männlichen ICSI-Nachkommen vermindert

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Künstliche Befruchtung: Fertilität bei männlichen ICSI-Nachkommen vermindert

Dtsch Arztebl 2017; 114(11): A-534 / B-461 / C-451

Leinmüller, Renate

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Seit Einführung der Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) zur Therapie bei schweren Fertilitätsstörungen des Mannes steht die Frage nach einem erhöhten Infertilitätsrisiko für männliche Nachkommen im Raum. Außer diagnostizierbaren genetischen Ursachen wie Mikrodeletionen des Y-Chromosoms wurde früh auf weitere potenziell vererbbare Faktoren hingewiesen, auch bei Fertilitätsstörungen unklarer Genese (1).

Nun sind die Ergebnisse aus der weltweit ältesten Kohorte von ICSI-Nachkommen in Belgien publiziert worden (2). In Brüssel wird das Verfahren seit 1991 praktiziert. Zu Beginn wurden ausschließlich Spermatozoen aus dem Ejakulat von Männern mit schweren Fertilitätsstörungen zur Befruchtung verwendet, inzwischen sind es auch epididymale und testikuläre Spermatozoen, und leichte männliche Subfertilität ist als Indikation hinzugekommen. Weltweit sind Schätzungen zufolge mehr als 2,5 Mio. Kinder mit ICSI gezeugt worden.

In der Brüsseler Kohorte war die Samenqualität der jungen Männer im Alter von 18 bis 22 Jahren signifikant schlechter als die von spontan gezeugten Gleichaltrigen. Bei 54 ICSI-Männern lag die Spermienkonzentration bei median 17,7 Mio./ml, die Gesamtzahl der Spermien bei median 31,9 Mio. und die Anzahl progressiv motiler Spermien bei 12,7 Mio. Diese Werte waren deutlich niedriger als die der Kontrollgruppe (37,0 Mio./ml, 86,8 Mio. und 38,6 Mio.; n = 57). Auch nach Adjustierung auf bekannte Einflussfaktoren wie Alter, BMI, genitale Malformationen, Zeit zwischen Ejakulation und Analyse und das Karenzintervall blieb der Unterschied bei den Spermienqualitätsparametern statistisch signifikant.

Fazit: Bei 54 jungen, mit ICSI gezeugten Männern war die Samenqualität deutlich schlechter als bei 57 Männern, die spontan gezeugt worden waren. Die per ICSI konzipierten Männer hatten ein 3-fach erhöhtes Risiko, dass ihre Spermienkonzentration unter dem WHO-Referenzwert von 15 Mio./ml lag, und ein 4-fach höheres Risiko für eine Spermiengesamtzahl unter 39 Mio.

In jüngeren Jahren hätten die durch ICSI gezeugten männlichen Nachkommen eine altersgerechte Entwicklung der endokrinen Hodenfunktion, wie Untersuchungen auf Inhibin B als Sertoli-Zellprodukt und Marker für eine Induktion der Spermatogenese und Testosteron als Marker der Leydig-Zellfunktion ergeben, kommentiert Prof. Dr. med. Hans-Christian Schuppe, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin mit Hinweis auf eine frühere Studie (3). Es habe in diesen Parametern keine signifikanten Unterschiede zu spontan konzipierten Kontrollen gegeben und keine Korrelation mit der paternalen Ejakulatqualität.

Die neue Arbeit liefere erste direkte Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Fertilitätsstörungen männlicher ICSI-Nachkommen im Erwachsenenalter. „Dieser Aspekt sollte Bestandteil der Aufklärung betroffener Paare vor Durchführung einer assistierten Fertilisation mittels ICSI sein“, meint Schuppe. Allerdings habe die Studie auch Schwächen: Die Fallzahl sei relativ niedrig und jeweils nur eine Ejakulatprobe ausgewertet worden. Die Ergebnisse könnten nicht verallgemeinert werden, da die Indikation für ICSI inzwischen ausgeweitet wurde und die Methode nicht mehr nur bei Paaren mit schwerwiegendem männlichem Faktor eingesetzt werde. Dr. rer. nat. Renate Leinmüller

  1. Meschede D, Lemcke B, et al.: Clustering of male infertility in families of couples treated with intracytoplasmic sperm injection. Hum Reprod 2000; 15: 1604–8.
  2. Belva F, Bonduelle M, Roelants M, et al.: Semen quality of young adult ICSI offspring: the first results. Hum Reprod 2016; 31: 2811–20.
  3. Belva F, Roelants M, De Schepper J, et al.: Pubertal development of ICSI children. Hum Reprod 2012; 27: 1156–61.

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