POLITIK

Notfallversorgung: „Dagegen haben wir keine Chance“

Dtsch Arztebl 2017; 114(11): A-510 / B-445 / C-435

Beerheide, Rebecca

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Die Notfallversorgung ist zum Streitthema geworden: Über die Finanzierung und über den Zugang für und das Verhalten von Patienten wird heftig diskutiert. Auch unter Ärztinnen und Ärzten ist die Debatte in vollem Gange. Ein Auszug.

Foto. dpa
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Die aktuelle Situation in der Notfallversorgung erhitzt die Gemüter – bei Funktionären von Ärzten und Krankenhäusern sowie bei politisch Verantwortlichen. Die Debatte findet aber auch unter denen statt, die täglich die Lage in der Notfallaufnahme erleben: Das Deutsche Ärzteblatt hat vor einigen Wochen Ärztinnen und Ärzte aufgerufen, ihre Erfahrungen und Eindrücke zu schildern. Ein Auszug:

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Prof. Dr. med. Michael Christ, Leiter des Notfallzentrums in Nürnberg, berichtet: „Jeder Sektor der Versorgung versucht, sich selbst zu optimieren. Die Dinge, die nicht gelöst werden wollen, werden dann an die letzte Instanz, die Notaufnahme, verwiesen.“ Während das Aufgabenspektrum der Notaufnahmen in den vergangenen zehn Jahren „erheblich ausgedehnt“ wurde, gebe es in vielen Häusern keine eigene „formale Struktur“ wie einen Fachabteilungsschlüssel, den es für andere stationäre Fächer gibt. Aus seiner Sicht dürfen die Notaufnahmen „nicht mit dem Etat/Budget betrieben werden, die von der KV aufgewendet wird. Vorhaltekosten werden aber in der ambulanten Notfallversorgung nicht vergütet.“

Einen Appell richtet Christ an zuweisende Ärzte: „Häufig werden Patienten, die vom Hausarzt schon gesehen wurden, mit Fragestellungen eingewiesen, die eigentlich auch ambulant geklärt werden können. Ob es sich hier um ein Zeitproblem oder um ein fachliches Problem handelt, ist mir verschlossen.“

Kritik an den einweisenden Kollegen haben auch andere Ärztinnen und Ärzte: „In zunehmenden Maße hat sich bei den niedergelassenen Kollegen die Benutzung der Notfallambulanz zur Abklärung von Bagatellen etabliert“, schreiben Dr. med. Klaus v. Varendorff und Dagmar Paysen aus Flensburg. Auch für pflegebedürftige Patienten gebe es immer öfter eine „Einweisung auf Zuruf“: „Die Pflegeeinrichtungen rufen beim Hausarzt an und informieren über den Zustand eines Patienten. Ohne vorherigen Arztkontakt wird dieser Patient zu den normalen Praxisöffnungszeiten mit einer Einweisung zur stationären Behandlung vorstellig.“

Wird eine hochwertige Behandlung suggeriert?

Das Verhalten der Patienten thematisieren viele Leser: „Durch technische und laborchemische Untersuchungen wird eine gründlichere und hochwertigere Behandlung suggeriert, was sie letztendlich jedoch nicht ist. Man wird schnell bedient, muss nicht nach Tagen beim Hausarzt Laborergebnisse abfragen“, schreibt Brigitte Reuther, Fachärztin für Allgemeinmedizin. „Dagegen haben wir in der Peripherie und in den Notfallpraxen einfach keine Chance“, so Hausärztin Stefanie Bergmann, aus Königsbronn im Kreis Heidenheim.

Verständnis für die Sorgen der Patienten fordert Prof. Dr. med. Harald Dormann: „Die zukünftige Notfallversorgung sollte sich nicht mit der Frage beschäftigen, wie kann ich die ambulanten Patienten in die richtige Versorgungsstruktur lenken, sondern: Wie kann garantiert werden, dass alle zeitkritisch und schwer Erkrankten sofort Zugang zu einer Akut-/Notfallversorgung erhalten“, schreibt der Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am Klinikum Fürth. Er ist dafür, „Patienten mit ihren Ängsten und Bedürfnissen ernst zu nehmen und ihnen auf keinen Fall den freien Zugang zur qualifizierten Aktut-/Notfallversorgung zu verwehren.“

Viele Leser plädieren dafür, dass es eine ärztliche Entscheidung sein muss, ob ein Patient eine Notfallversorgung benötigt. „Ich sehe hier auch die Kassen in der Pflicht, sie müssten die Menschen besser informieren, Krankenhäuser müssten mutiger sein und die Patienten wieder zurück zum hausärztlichen Notdienst schicken“, so Grit Schneider, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Notfallmedizin, Dinkelsbühl in Mittelfranken.

Rebecca Beerheide

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