ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2017Palliativmedizin: Übertherapie am Lebensende

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Palliativmedizin: Übertherapie am Lebensende

Dtsch Arztebl 2017; 114(12): A-592 / B-511 / C-497

Röhr, Bianca

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Das vorliegende Buch von Matthias Thöns, der als niedergelassener Palliativarzt vielfältige Erfahrungen mit der Übertherapie am Lebensende gemacht hat, bricht ein lange gehegtes Schweigen unter Ärzten. Viele wissen es, keiner sagt es: Die Welt vieler Kliniken wird von Ertrag und Gewinn regiert. Da das Abrechnungssystem nach DRG im Besonderen auf schwere Diagnosen und ihnen folgende große Eingriffe fußt, sind Sterbenskranke hier besonders „leichte Beute“. Das vorliegende Buch ist ein wichtiger Beitrag dagegen. Mit großer Detailkenntnis schreibt Matthias Thöns vom „Geschäft mit dem Lebensende“, das mit „Patient(en) ohne Verfügung“ in den deutschen Kliniken gemacht wird. Da geht es in verschiedenen Kapiteln in einem ersten Teil um die häufigsten Fälle, in denen Leben sinnlos oder willensfern verlängert und das Leiden der Menschen nicht gelindert, sondern vermehrt wird:

  • Lungenversagen
  • Chemotherapie ohne Wenn und Aber
  • Unnötige große Operationen
  • Wehrlos im Wachkoma
  • Dialyse bei Multimorbidität am Lebensende
  • Strahlentherapie
  • Künstliche Ernährung

Den Kapiteln sind jeweils aus der Perspektive eines Arztes an der Basis Fallbeschreibungen vorangestellt, die einem teils den Atem stocken lassen. In der Folge wird die Problematik diskutiert und anhand der verfügbaren Literatur belegt.

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In einem zweiten Teil geht es um Alternativen bei Schmerzen, beim Notarztdienst, und dem Rat zur frühzeitigen Palliativversorgung. Es geht um den mündigen Patienten. Zu dieser Mündigkeit will das Buch ermutigen. Deshalb hat Thöns auch im Anhang eine Patientenverfügung abgedruckt, die auf dem neuesten rechtlichen Stand ist. Bereits im Vorwort wird einem klar, was nicht geht: Der Oberarzt steht mit einem Assistenzarzt am Bett eines greisen Mannes. Seine Atmung rasselt, der Puls ist schwach, der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Ganz offensichtlich liegt er im Sterben. Ohne den Sterbenden anzusprechen, wendet sich der Oberarzt an seinen Assistenten und sagt: „Hätten wir den doch gestern an die Beatmungsmaschine gehängt, wir hätten den Fall viel besser abrechnen können.“ Lachend verlassen sie das Krankenzimmer.

Es ist ein wichtiges Buch, das keinen unberührt lassen kann, der sein eigenes Sterben und seinen Tod nicht immer noch mit Macht verdrängt. Ein Buch für Menschen, die für sich selbst und dann vielleicht auch im Gespräch mit denen, die ihnen lieb und wert sind, lernen wollen, sich in dieser Tabuzone freier zu bewegen und sich vor Unheil zu schützen. Der Erfolg des Buches mit mehrmonatiger Bestsellerplatzierung und vielfältiger Diskussion in Funk und Presse belegt die Relevanz des Themas.

Letztlich richtet es sich aber auch an uns Ärzte – haben wir nicht hier und da die Verpflichtung aus unserer Berufsordnung auf „Menschlichkeit“ zu ungunsten des uns von Verwaltungsleitern aufgedrängten wirtschaftlichen Druckes geopfert? Dem Buch ist eine weite Verbreitung, eine innerärztliche Diskussion und ihr folgende Veränderungen zu wünschen. Bianca Röhr

Matthias Thöns: Patient ohne Verfügung. Das Geschäft mit dem Lebensende. Piper Verlag. München 2016, 320 Seiten, kartoniert, 22,00 Euro

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