ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2017Myopie bei Kindern mit neurologischen Störungen: Intraokularlinse kann Vorteile gegenüber Brille haben

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Myopie bei Kindern mit neurologischen Störungen: Intraokularlinse kann Vorteile gegenüber Brille haben

Dtsch Arztebl 2017; 114(12): A-590 / B-510 / C-496

Gerste, Ronald D.

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Die Korrektur einer hohen Fehlsichtigkeit kann bei Kindern mit neurologischen Entwicklungsstörungen, Verhaltensanomalien und mentaler Retardierung schwierig sein. Manche haben starke Aversionen gegen eine Brille und nehmen sie sofort ab. Kontaktlinsen scheitern oft an der Neigung zum Augenreiben und nicht ausreichender Hygiene. Dennoch ist ein optischer Ausgleich der Sehschwäche notwendig, vor allem bei Unterschieden in den Brechkraftdefiziten, um eine Amblyopie des schwächeren Auges zu verhindern und die Entwicklung eines Binokularsehens zu ermöglichen. Die Laserbehandlung einer Kurzsichtigkeit stößt bei Kindern an ihre Grenzen, da nach der Behandlung altersgemäß eine weitere Myopisierung stattfinden kann.

Eine Alternative ist die Implantation einer Intraokularlinse (IOL) zusätzlich zur eigenen Linse. Diese Methode der „phaken IOL“ ist bei älteren Myopen etabliert. In den USA ist eine solche Kollamer-Kunstlinse (Vision ICL) in 40 Augen von 23 Kindern implantiert worden; die phake IOL wird in der Vorderkammer vor der Iris positioniert, während bei der typischen IOL-Implantation eines älteren Patienten aufgrund einer Katarakt die Kunstlinse nach Entfernung der natürlichen meist in den Kapselsack hinter der Iris implantiert wird.

Die Kinder waren im Durchschnitt 10 Jahre alt. Es lagen Kurzsichtigkeiten zwischen –3 und –14,5 (Mittel: –9,2) Dioptrien vor. Nach einer durchschnittlichen Nachbeobachtung von 15 Monaten hatte sich die unkorrigierte Sehschärfe beträchtlich von durchschnittlich 20/1050 (Visus 0,02) auf 20/42 (Visus 0,48) erhöht. Bei den meisten Patienten wurden von Eltern und Betreuern eine Besserung der Aufmerksamkeit und sozialer Interaktionen beobachtet, zum Teil auch nachlassende Ängstlichkeit. Komplikationen waren intraokulare Druckanstiege bei den beiden ersten operierten Kindern. Um dies zu vermeiden, erfolgte bei den weiteren Patienten eine Iridektomie.

Fazit: „Diese Studie belegt, dass chirurgische Verfahren aus der sogenannten Lifestyle-Medizin unter bestimmten Umständen ihren Platz im therapeutischen Spektrum finden können“, kommentiert Prof. Dr. med. Jens Bühren aus Hanau. „Die weitere Nachbeobachtung muss zeigen, ob auch längerfristig eine Refraktionsstabilität und Komplikationsfreiheit besteht, bevor eine breitere Empfehlung gegeben werden kann.“
Dr. med. Ronald D. Gerste

Tychsen L, Faron N, Hoekel J: Phakic intraocular collamer lens (Visian ICL) implantation for correction of myopia in spectacle-aversive special needs children. Am J Ophthalmol 2017; 175: 77–86.

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