THEMEN DER ZEIT

Schwangerschaftsabbrüche bei Minderjährigen: Erfolge durch ärztliche Prävention

Dtsch Arztebl 2017; 114(12): A-581 / B-503 / C-489

Gille, Gisela

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Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei Minderjährigen war auch 2016 weiter rückläufig: Es ist auch das Ergebnis kontinuierlicher Aufklärung durch Ärzte.

In Deutschland bieten Tausende von Frauenarztpraxen eine spezielle Mädchensprechstunde an, auch als Prävention gegen ungewollte Schwangerschaften. Foto: picture alliance
In Deutschland bieten Tausende von Frauenarztpraxen eine spezielle Mädchensprechstunde an, auch als Prävention gegen ungewollte Schwangerschaften. Foto: picture alliance

Der Rückgang der Schwangerschaftsabbrüche (siehe Grafik 1), wie sie das Statistische Bundesamt jetzt für 2016 veröffentlicht hat (1), lässt sich nicht nur in absoluten Zahlen feststellen, sondern auch, wenn man die Zahl auf die Quote von 10 000 Mädchen dieser Alterskohorte bezieht.

Schwangerschaftsabbrüche bei Mädchen unter 18 Jahren
Grafik 1
Schwangerschaftsabbrüche bei Mädchen unter 18 Jahren

An der in den letzten Jahren positiven Entwicklung sind viele Akteure beteiligt, darunter die Sexualaufklärung durch Schulen und Sozialarbeit, aber auch seitens der Politik und politiknaher Institutionen sowie durch die Thematisierung in seriösen Jugendmedien.

Seriöse Aufklärung wirkt

Es ist aber nicht zuletzt das Ergebnis ärztlicher Prävention in den Praxen von Haus-, Kinder- und Jugendärzten und vor allem von Gynäkologen. Diese haben ab dem Jahr 2004 aufgrund der anhaltend gestiegenen Abbruchzahlen bei Minderjährigen in mittlerweile Tausenden von Frauenarztpraxen eine spezielle Mädchensprechstunde mit vorwiegend präventivem Ansatz etabliert.

Mädchen wird weibliches Körperwissen vermittelt, damit sie ihren Körper kennen- und schätzen lernen. Sie sind dann auf dieser Basis in der Lage, sich vor einer ungewollten Schwangerschaft zu schützen. Das, was Jugendliche an sich beobachten, soll erklärbar und vorhersehbar sein, und das, was sie an „Aufklärung“ aus den Medien entnehmen, geordnet und in einen Auftrag verwandelt werden.

Bei dieser weltweit einmaligen Entwicklung hätten, so wertete es die ehemalige Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA), Prof. Dr. med. Elisabeth Pott, gerade „auch Frauenärzte und Frauenärztinnen eine große Rolle“ gespielt.

Inwieweit flankierende Maßnahmen wie die seit März 2015 mögliche rezeptfreie Abgabe der „Pille danach“ auch an Jugendliche ab 14 Jahren zu dieser positiven Entwicklung beigetragen haben, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt statistisch nicht belegen (2). Die Einführung der „Vertraulichen Geburt“ auch für junge Schwangere ab 14 Jahren dürfte von der Inanspruchnahme her eher eine marginale Rolle spielen. Eindeutig belegt ist hingegen der anhaltende Rückgang des Alters beim „1. Mal“ im Zehn-Jahres-Vergleich (siehe Grafik 2).

Koituserfahrung Mädchen im Zehn-Jahres-Vergleich
Grafik 2
Koituserfahrung Mädchen im Zehn-Jahres-Vergleich

Jugendliche verhüten prinzipiell verantwortlich (3). Haupteinflussgröße für den früh aufgenommenen Sexualverkehr ist der Bildungsfaktor: Es sind eher die Mädchen mit geringem Bildungsniveau, die spontan Sex haben und weniger konsequent verhüten (4).

Problematisches Halbwissen

Für Mädchen mit wenig Aussicht auf beruflichen Erfolg und gesellschaftliche Anerkennung lassen sich alle Überforderungsängste auf das machbare Glück reduzieren, ein Kinde zu haben. Je ambivalenter aber der Kinderwunsch, desto ambivalenter das entsprechende Verhütungsverhalten (5).

Die Hälfte der Mädchen vergisst die Pilleneinnahme ein- bis mehrmals pro Quartal (6). Das zeigt auf, dass die Regelmäßigkeit der Pilleneinnahme viele Mädchen in einem Alter, in dem man ihnen eine derartige Verantwortung auf keiner sonstigen Ebene zutrauen würde, überfordert.

Für Jungen ist das Kondom zunächst das präferierte Verhütungsmittel beim „1. Mal“. Sobald Mädchen aber mit der Pille verhüten, unterbleibt der Kondomgebrauch wieder. („Meine Freundin nimmt doch die Pille, ich brauche kein Kondom.“) Die geschützte Sexualität wird weniger lustvoll erlebt, die Angst vor Aids ist für Jugendliche offensichtlich nicht ausreichend handlungsleitend.

Und das Bewusstsein für die eigene Fruchtbarkeit und damit der Möglichkeit einer ungewollten Vaterschaft bleibt Jungen in aller Regel noch lange verborgen mit der Konsequenz, dass das Kondom nach wie vor nicht wirklich populär ist (7). Auch deshalb bieten viele Urologen mit dem gleichen präventiven Ansatz seit einigen Jahren eine Jungensprechstunde an.

Umgang mit Freiheiten lernen

Der prinzipiell positive Rückgang der Schwangerschaftsabbrüche bei Minderjährigen darf aber kein Grund sein, mit der ärztlichen Prävention nachzulassen. Im Gegenteil: Mit jeder heranwachsenden Generation stellen sich die alten Fragen hinsichtlich Sexualität und Partnerschaft wieder neu. Immer wieder wachsen Mädchen heran, für die aus Missverständnissen, Halbwissen, Neugier und Beziehungssehnsucht Mutterschaft wird oder die die Abtreibung als einzige mögliche Lösung sehen. Jedes einzelne dieser Mädchen ist aber eines zu viel.

Eine hundertprozentig erfolgreiche Verhütung wird es nie geben, Spontaneität und Emotionalität von Sexualität stehen häufig genug im Widerspruch zu einer absolut rationalen Risikovermeidung. Aber eine gelingende Pubertät setzt angesichts der aktuellen grenzenlosen Liberalisierung ihrer Lebenswelt in jeder Hinsicht sexuell gebildete junge Menschen voraus, die mit den gewachsenen Freiheiten kompetent und verantwortlich umzugehen gelernt haben.

Um Mädchen mit diesen Gesprächen wirklich zu erreichen, sollten Sexualität und Fruchtbarkeit wieder mehr zusammengedacht und der Kinderwunsch emanzipiert und biografisch stabilisiert werden (5). Hier gilt der Arzt/die Ärztin nach der Mutter als präferierte Person für Themen sexuellen Inhalts (3).

Dr. med. Gisela Gille

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit1217
oder über QR-Code.

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1.
Statistisches Bundesamt Wiesbaden. Schwangerschaftsabbrüche 2016 https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Gesundheit/Schwangerschaftsabbrueche/Tabellen/Alter.html.
2.
„Pille danach“ wird nach Wegfall der Rezeptpflicht häufiger verkauft. Dtsch Arztebl Int 17. November 2015. www.aerzteblatt.de/n64837 .
3.
BZgA (2015) Jugendsexualität: Repräsentative Wiederholungsbefragung von 14–17-Jähriger und ihrer Eltern. www.bzga.de/infomaterialien/studien/jugendsexualitaet-2014 ).
4.
Weller, Konrad: Deutschland – eine unaufgeklärte Nation. BzgA FORUM 2003; 4: 39–44.
5.
BzgA ( Hrsg.): Frauen leben. Eine Studie zu Lebensläufen und Familienplanung. Band 19 der Reihe Forschung und Praxis der Sexualaufklärung und Familienplanung. Köln 2001.
6.
Kantar Health Studie – Verhütungssituation Deutschland (73.05.139838) Bayer Health Care 2014.
7.
Dannecker M: HIV-Infektion und Sexualität-Überlegungen zu einem Paradigmenwechsel. In: SPI Forschung (Hrsg.). Sexuell übertragbare Krankheiten. Ein Lesebuch für die Beratungspraxis. Heidelberg, Kröning: Asanger 2004.
Schwangerschaftsabbrüche bei Mädchen unter 18 Jahren
Grafik 1
Schwangerschaftsabbrüche bei Mädchen unter 18 Jahren
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Grafik 2
Koituserfahrung Mädchen im Zehn-Jahres-Vergleich
1.Statistisches Bundesamt Wiesbaden. Schwangerschaftsabbrüche 2016 https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Gesundheit/Schwangerschaftsabbrueche/Tabellen/Alter.html.
2.„Pille danach“ wird nach Wegfall der Rezeptpflicht häufiger verkauft. Dtsch Arztebl Int 17. November 2015. www.aerzteblatt.de/n64837 .
3.BZgA (2015) Jugendsexualität: Repräsentative Wiederholungsbefragung von 14–17-Jähriger und ihrer Eltern. www.bzga.de/infomaterialien/studien/jugendsexualitaet-2014 ).
4.Weller, Konrad: Deutschland – eine unaufgeklärte Nation. BzgA FORUM 2003; 4: 39–44.
5.BzgA ( Hrsg.): Frauen leben. Eine Studie zu Lebensläufen und Familienplanung. Band 19 der Reihe Forschung und Praxis der Sexualaufklärung und Familienplanung. Köln 2001.
6.Kantar Health Studie – Verhütungssituation Deutschland (73.05.139838) Bayer Health Care 2014.
7.Dannecker M: HIV-Infektion und Sexualität-Überlegungen zu einem Paradigmenwechsel. In: SPI Forschung (Hrsg.). Sexuell übertragbare Krankheiten. Ein Lesebuch für die Beratungspraxis. Heidelberg, Kröning: Asanger 2004.

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