ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2017Das Gespräch mit Prof. Dr. Şebnem Fincancı, Gerichtsmedizinerin und Präsidentin der Türkischen Menschenrechtsstiftung: „Wir brauchen die internationale Unterstützung“

POLITIK: Das Gespräch

Das Gespräch mit Prof. Dr. Şebnem Fincancı, Gerichtsmedizinerin und Präsidentin der Türkischen Menschenrechtsstiftung: „Wir brauchen die internationale Unterstützung“

Dtsch Arztebl 2017; 114(12): A-570 / B-492 / C-481

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Forensikerin der Universität von Istanbul über den wachsenden Druck auf Regierungskritiker in ihrem Land, die Verfolgung von Ärztinnen und Ärzten in Ausübung ihres Berufs und ihr jahrelanges Engagement für Folterüberlebende

Protest: Aktivisten verlangen im Juni 2016 in Istanbul die Freilassung von Şebnem Fincancı (M.), des Schriftstellers Ahmet Nesin (l.) und des Journalisten Erol Önderoglu. Foto: picture alliance
Protest: Aktivisten verlangen im Juni 2016 in Istanbul die Freilassung von Şebnem Fincancı (M.), des Schriftstellers Ahmet Nesin (l.) und des Journalisten Erol Önderoglu. Foto: picture alliance

Prof. Dr. Şebnem Fincancı (57) sitzt am Schreibtisch in ihrem Büro an der Universität von Istanbul. Es ist noch früh am Morgen. Die Verbindung über Skype steht. Trotz ihres engen Zeitplans wirkt die Gerichtsmedizinerin frisch und gelöst. Angesichts der äußeren Umstände spricht das für eine starke Persönlichkeit. Denn dass Fincancı noch immer an diesem Schreibtisch sitzt, ist keine Selbstverständlichkeit.

Anzeige

Mehr als 4 000 Akademikerinnen und Akademiker haben seit dem Putschversuch durch das Militär im Juli vergangenen Jahres in der Türkei ihren Job verloren. Fincancı, die sich seit ihrer Studienzeit aktiv für Demokratie und Menschenrechte einsetzt, muss sich selbst vor Gericht verantworten. Sie wurde im Juni 2016 zusammen mit zwei Journalisten verhaftet, weil sie sich an einer Solidaritätsaktion für die als kurdenfreundlich und regierungskritisch geltende Zeitung „Özgur Gündem“ beteiligt hatte. Fincancı betrachtet es als glücklichen Umstand, dass sie vor dem Putschversuch verhaftet wurde, denn seither habe sich die Menschenrechtslage in der Türkei weiter verschlechtert. „Ich bin dank internationalen Drucks bereits nach zehn Tagen aus dem Gefängnis freigelassen worden. Aber selbst internationale Unterstützung hilft heutzutage nicht mehr in jedem Fall sofort.“ Viele Menschen, die im Verdacht stünden, an dem Putschversuch beteiligt gewesen zu sein, seien seit Monaten inhaftiert, ohne dass eine Anklageschrift vorliege.

Dafür, dass die Anklage gegen die Rechtsmedizinerin fallengelassen wird, haben sich internationale Ärzteorganisationen wie Physicians for Human Rights und der Weltärztebund eingesetzt. Bereits im November 2016 forderten sie den türkischen Präsidenten Reccep Tayyip Erdoğan auf, die Einschüchterung von Angehörigen der Gesundheitsberufe zu beenden, die vom Recht der freien Meinungsäußerung Gebrauch machten. Die Organisationen gehen in dem Brief an den türkischen Regierungschef auch auf den Fall von Dr. Serdar Küni ein, der im Oktober 2016 in Cizre festgenommen wurde, weil er angeblich kurdische Kämpfer medizinisch behandelt hatte. Die türkischen Sicherheitsbehörden hatten in der kurdischen Stadt eine 79-tägige Ausgangssperre verhängt. Ermittlungen gab es auch gegen sechs weitere Ärzte, weil sie versucht hatten, den dort eingeschlossenen Menschen medizinische Hilfe zu leisten. Ärzte dürften nicht dafür bestraft werden, dass sie ethisch korrekt handelten und Hilfebedürftige ohne Ansehen der Person medizinisch versorgten, argumentierten die Organisationen in ihrem Brief.

Bei Fincancı weckt die derzeitige Situation in der Türkei Erinnerungen an die 1980er-Jahre. Damals hatte sich das Militär erfolgreich an die Macht geputscht. Es kam zu willkürlichen Verhaftungen und zu Folter in den Gefängnissen. Die angehende Rechtsmedizinerin wurde damals Zeugin, wie ihre Lehrer einen Fall von Folter vertuschten und die untersuchten Verletzungen als „selbst zugefügt“ diagnostizierten. „Ich hatte zu dem Zeitpunkt nicht die Möglichkeit, dieses Verhalten zu kritisieren“, sagt Fincancı heute. „Aber damals habe ich mir geschworen, mich mit den Spuren und den Folgen von Folter zu beschäftigen, sodass ich sie medizinisch nachweisen kann.“ Diese Haltung prägt ihre Arbeit bis heute.

Seit 2009 ist Fincancı Vorsitzende der Türkischen Menschenrechtsstiftung. Die unabhängige und international renommierte Institution dokumentiert seit ihrer Gründung im Jahr 1990 Menschenrechtsverletzungen in der Türkei und behandelt Folterüberlebende. Nach Angaben der Stiftung, zu deren Gründungsmitgliedern auch die Türkische Ärztekammer gehört, wurden infolge des Militärputsches von 1980 und des eskalierenden Kurdenkonflikts in den 1990er-Jahren rund eine Million Menschen in der Haft gefoltert. Und obwohl sich seither positive Entwicklungen abzeichneten, habe es durch die jüngsten Anti-Terror-Gesetze Rückschläge im Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen gegeben.

Furchtlos: Şebnem Fincancı setzt sich seit ihrer Studienzeit aktiv für Demokratie und Menschenrechte ein. Seit 2009 ist sie Vorsitzende der Türkischen Menschenrechtsstiftung, die Folterüberlebende behandelt. Foto: IPPNW
Furchtlos: Şebnem Fincancı setzt sich seit ihrer Studienzeit aktiv für Demokratie und Menschenrechte ein. Seit 2009 ist sie Vorsitzende der Türkischen Menschenrechtsstiftung, die Folterüberlebende behandelt. Foto: IPPNW

Fincancı sieht es als positives Signal, dass noch immer viele junge Ärztinnen und Ärzte die Arbeit der Türkischen Menschenrechtsstiftung aktiv unterstützen. Denn auch auf diese wächst der Druck durch die türkische Regierung. „Normalerweise wird nur unsere Buchführung geprüft. Das ist in Ordnung. Wir sind ja eine Stiftung“, sagt Fincancı. Zuletzt sei jedoch auch das Engagement der Organisation für die Opfer der Ausgangssperren in den Kurdengebieten und die der Gezi-Proteste im Jahr 2013 hinterfragt worden. Damals hatten sich die Demonstrationen in dem Istanbuler Park gegen die Regierung auf das ganze Land ausgeweitet. „Wir empfinden das als Drohung“, meint Fincancı. Denn andere Nichtregierungsorganisationen, die sich für dieselben Belange eingesetzt hätten, seien bereits geschlossen worden.

In der Schusslinie steht auch die Türkische Ärztekammer. Deren Vorstand musste sich vor Gericht verantworten, weil die Kammer während der Proteste im Gezi-Park unerlaubt mobile Kliniken für verletzte Demonstranten in Moscheen, Einkaufszentren und Hotels organisiert habe. Zahlreichen Ärzten wurde ebenfalls der Prozess gemacht, weil sie verletzten Demonstranten halfen. „Manche Gerichtsverfahren laufen noch, weil die Beweisaufnahme noch nicht abgeschlossen ist“, sagt Fincancı. Davon seien auch zwei Kollegen von der Universität Istanbul betroffen. Der Vorstand der Ärztekammer sei hingegen inzwischen freigesprochen worden. „Die Kammer hat nicht als einzige mobile Kliniken eingerichtet. Fast alle lokalen Ärztekammern haben dasselbe getan“, erklärt Fincancı. „Wir mussten die Menschen versorgen, weil die Polizei exzessive und zielgerichtete Gewalt angewendet hat.“

Sorge bereitet der Rechtsmedizinerin der Ausgang der für April geplanten Volksabstimmung, die Präsident Erdoğan mit noch mehr Macht ausstatten soll. „Spricht sich die Bevölkerung für die Machtausweitung aus, wird es noch leichter, die bislang unabhängige Türkische Ärztekammer aufzulösen und an deren Stelle eine Institution zu setzen, die direkt dem Ge­sund­heits­mi­nis­terium untersteht“, befürchtet Fincancı. Erste Versuche in diese Richtung habe es bereits gegeben.

Gefährdet würden dadurch auch die Früchte von 20 Jahren Menschenrechtsarbeit. „Wir haben es in dieser Zeit geschafft, medizinethische Fragen in der studentischen Ausbildung zu verankern und dadurch Verhalten und Haltung zu beeinflussen“, betont Fincancı. Sie selbst ist Koautorin des sogenannten Istanbul Protokolls. Es gilt inzwischen international als Leitlinie für die Diagnostik und Therapie von Folterüberlebenden (siehe Kasten). „Das Protokoll hat einen medizinischen Standard festgeschrieben und damit auch die Rechte der Opfer gestärkt“, meint Fincancı. Außerdem wirke es präventiv. „Die Täter wissen, dass Opfer gründlich untersucht und die Ergebnisse gerichtsfest dokumentiert werden. Das Istanbul Protokoll hat eine Menge dazu beigetragen, die Menschenrechtslage zu verbessern.“

Heike Korzilius

Hilfe für Folterüberlebende

Die Menschenrechtsstiftung der Türkei, die dort fünf Behandlungszentren für Folterüberlebende betreibt, ergriff 1996 die Initiative, eine Richtlinie zur Untersuchung und Dokumentation von Folter zu schaffen. Drei Jahre lang erarbeiteten Repräsentanten von 40 internationalen Organisationen die Leitlinie, die 2001 als Handbuch erschien. Sie gilt als offizielles Dokument der Vereinten Nationen. Das Istanbul Protokoll richtet sich an Angehörige der Gesundheitsberufe, Juristen und Ermittlungsbehörden. Es enthält neben ethischen Kodizes Vorgaben für forensische Untersuchungen, die Sicherung von Beweisen oder psychiatrische und psychologische Begutachtungen.

Die Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum bietet auf der Grundlage des Istanbul Protokolls für Ärzte und Psychotherapeuten sowie weitere betroffene Berufsgruppen eine Fortbildung zur Untersuchung und Dokumentation von Folter an. Sie findet vom 3. bis 6. Mai in Bochum statt und ist von der Ärztekammer Westfalen-Lippe zertifiziert. Kontakt: Kristofer Lengert, E-Mail: k.lengert@mfh-bochum.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige