ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2017Von schräg unten: Zaster

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Zaster

Dtsch Arztebl 2017; 114(12): [92]

Böhmeke, Thomas

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Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, ich komme genauso so wenig drum herum wie das Kammerflimmern im Herzkatheterlabor um den Defibrillator: Wir sind in Verruf geraten. Immer wieder höre und lese ich, dass wir Ärzte nur abzocken wollen, nur die Kohle, die Asche, den Zaster im Kopf haben. Und nichts anderes. Unter nicht mehr vorgehaltener Hand empören sich unsere Schutzbefohlenen, dass wir in ihren Erkrankungen vornehmlich ein Heilmittel für unser Portfolio sehen, im Herzkatheter den Sesterzvermehrer, im Magnet-resonanztomogramm das Millionärsvermehrungs-programm. Da wird das Überbein zum Euroschein, der Dolman-Test zum Dollar-Fest, die Torsionen zu Millionen, die Myokardnarben zu Milliarden.

Ich muss gestehen, dass ich auch dem Exzess fröne, allerdings nur was meine Empathie anbelangt, für mehr reicht der Fünfziger nicht, den mir meine fürsorgliche KV für ein ganzes Quartal pro Patient zur Verfügung stellt. Trotzdem: Ich muss gegen diese Erosion, diese Abrasion und Ablation unseres guten Rufes entschieden und mit aller Kraft vorgehen! Und zwar schon bei meinem nächsten Patienten, der mir von seinem besorgten Hausarzt notfallmäßig zur Frage einer tiefen Beinvenenthrombose geschickt wird. Ich kenne den Patienten schon seit vielen Jahren, er stellte sich schon mehrfach mit dieser Fragestellung vor. „Soll ich da etwa rein?!“ so weist er auf die Tür meines Sprechzimmers, mittels Körpersprache umfassende Abscheu signalisierend. Er ahnt offensichtlich Böses, wahrscheinlich fürchtet er, fachärztlich nach allen Regeln der Kunst abgezockt zu werden.

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Ich versuche, ihn zu beruhigen, es geht seinem Hausarzt und mir nur um seine Gesundheit. „Soll ich mich da etwa hinlegen, Herr Böhmeke?!“, so deutet er auf die Untersuchungsliege und gleichzeitig mir an, dass für ihn eine Promotion nur die Legitimation ist, sich in übler Weise zu bereichern. Übel ist allerdings der Venenbefund, die tiefen Unterschenkelvenengruppen sowie die Vena poplitea sind durch Thromben okkludiert. „Und das soll ich Ihnen glauben?“ Ich erkläre ihm nicht nur den Befund, sondern auch den beruhigenden Umstand, dass alle weiteren notwendigen Maßnahmen von seiner Krankenkasse übernommen werden, dass es ihm nicht an die Geldbörse geht.

„Das muss ich erst mal verdauen! Ihre Diagnose geht mir entschieden zu weit!“ Ich bin so unangenehm berührt wie der sprudelnde Gefäßstumpf vom Elektrokauter, offenbart sich doch in dieser kurzen, ablehnenden Bemerkung das Misstrauen gegenüber unseren ärztlichen Bemühungen, unserer grenzenlosen Hingabe zur Erhaltung der Gesundheit unserer Schutzbefohlenen, zur bedingungslosen wie mehrkostenfreien umfassenden Versorgung.

Aber mein Patient fühlt sich immer noch nicht richtig versorgt, tags darauf wird er mit meinem Arztbrief vorstellig. „Der muss geändert werden!“ Ich bin so perplex wie das Colonadenom in der Polypektomieschlinge. Um was, um Himmels Willen, geht es ihm denn? „Was Sie da reinschreiben, das geht ganz und gar nicht! Dass ich schon seit Jahrzehnten mit den Venen zu tun habe, das müssen Sie unbedingt weglassen! Weil, ich habe eine Reise nach Südamerika gebucht, und wenn Sie das so drinlassen, kriege ich Schwierigkeiten mit der Reiserücktrittsversicherung!“ Ach so. Um Geld geht es, um Kohle, Zaster, Asche. Um nix anderes.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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