ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2017Tiergestützte Intervention: Therapiehund im Kinderhospiz

THEMEN DER ZEIT

Tiergestützte Intervention: Therapiehund im Kinderhospiz

Dtsch Arztebl 2017; 114(12): A-583 / B-505 / C-491

Schulte Strathaus, Regine

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Speziell geschulte Hunde sind als Helfer im Leben von Menschen mit Handicap unentbehrlich. Zunehmend rücken sie auch bei Schwerstkranken auf Palliativstationen oder in Hospizen in den Fokus. Ein Besuch im „Bärenherz“

Timo ist begeistert – Der Elfjährige kann noch selber mit den Hunden agieren. Fotos. Fotos: R. Schulte Strathaus
Timo ist begeistert – Der Elfjährige kann noch selber mit den Hunden agieren. Fotos. Fotos: R. Schulte Strathaus

Es herrscht freudige und erwartungsvolle Stimmung im Gemeinschaftsraum des Kinderhospizes „Bärenherz“ in Wiesbaden, denn die beiden Labradorhündinnen Emma (8 Jahre) und Sissi (2 Jahre) haben heute „Dienst“. Auf dem Boden liegen bunte Kuscheldecken und Kissen, fröhliche Musik spielt, Kaffee, Saft und Kuchen stehen bereit. Nach und nach bringen Mütter ihre schwerstkranken Kinder zu den ehrenamtlichen Hospizhelferinnen und -helfern. Hospizkoordinatorin Ilka Dietz hat sich im Vorfeld des „Frei-Tags“, dieses monatlichen Treffens für die vom ambulanten Kinderhospizdienst betreuten Kinder, mit der „Hundemutter“ Ivana Seger genau abgesprochen, welche und wie viele Kinder gebracht werden und wie deren derzeitige Verfassung ist.

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Die Schreie verstummen

Sobald die beiden Therapiebegleithunde den Raum betreten, werden sie von den Anwesenden freudig begrüßt. So auch von der jungen Mutter Stefanie Lopez Marques, die sich anschließend auf vier Stunden Zeit nur für sich freut. Ihre beiden Söhne, Marco (10) und Alessandro (7), leiden, wie die meisten Hospizkinder im „Bärenherz“, seit ihrer Geburt an multiplen Erkrankungen: Kophosis, Mitochondriopathien, Herzfehler, Spastiken sowie Atmungsdefekte einhergehend mit Apnoen. Seit vier Jahren profitieren Marco und Alessandro von den Treffen mit Emma und Sissi. Ihre Mutter hat schon beim ersten Mal die beruhigende und nachhaltige Wirkung von Emma auf ihre Söhne erlebt: „Bis heute hält der Benefit an. Die Apnoen bei Marco reduzierten sich, er produziert zwei, drei Nächte weniger Schleim, seine Spastiken minimieren sich, seine Hände entkrampfen bei der Berührung von Emmas Fell. Auch bei Alessandro verstummen über einen langen Zeitraum seine Schreie, die ansonsten die Tage prägen und er stößt zufriedene Laute aus.“ Während Marco sich sofort auf Emma einstellen kann und glücklich ist, wenn sie dicht an ihn gekuschelt Wärme und Vertrautheit signalisiert, benötigt Alessandro bis zu 15 Minuten, um in Kontakt mit Emma zu treten. „Emma und jetzt auch Sissi geben meinen beiden Kindern mehr Luft zum Atmen, Stress wird nachhaltig reduziert. Und auch ich kann viel entspannter meine freie Zeit genießen.“ Die alleinerziehende Mutter lernte Emma kennen, als sie sich mit ihren Jungs in einer besonders schwierigen Phase befand. Sie kam mit den Betreuern des ambulanten Kinderhospizdienstes ins „Bärenherz“, und es geschah ein kleines Wunder: „Die Verkrampfungen der Hände lösten sich und das Atmen wurde leichter.“ Die Kombination aus Fell, Wärme und Atmung sorgt für Beruhigung. 

Beruhigende Wirkung: Marco mit Therapiehund Emma, Pflegerin Ivana Seger (l.) und seiner Mutter Stephanie (Informationen: www.emmahilft.de)
Beruhigende Wirkung: Marco mit Therapiehund Emma, Pflegerin Ivana Seger (l.) und seiner Mutter Stephanie (Informationen: www.emmahilft.de)

Geborgenheit macht sich breit

Diese positive Wirkung auf die Hospizkinder versetzt auch die leitende Koordinatorin Ilka Diez und ihre beiden Mitkoordinatorinnen immer wieder in Erstaunen: „Die Entspannung mancher Kinder ist so stark, dass wir sogar die Notfallmedikation, wie Antiepileptika, einsparen können. Die Schwelle zum Krampf geht mit dem Hund an ihrer Seite so schnell vorbei.“ Die Kinderkrankenschwester vom ambulanten Kinderhospizdienst mit Palliativ-Care-Ausbildung hat die „Frei-Tag“-Treffen mit den Therapiehunden parallel zum Geschwistertreff koordiniert. „Somit haben die Eltern einmal pro Monat für vier Stunden wirklich die Freiheit, diese freie Zeit für sich zu gestalten.“ Und wenn dann noch Musiktherapeutin Heidi Schock-Corall mit ihrer Gitarre und der Miniharfe dazukommt, mit allen Beteiligten Lieder singt und die Kinderhände sanft über die Saiten führt, ist die Stimmung freudig und entspannt: Hunde und Kinder liegen friedlich nebeneinander und Geborgenheit macht sich breit.

Wenn „Hundemutter“ Ivana mit ihren beiden Therapiebegleitern im Kinderhospiz tätig ist, legen sich die Hunde neben die Kinder, um ihnen Wärme und Entspannung zu vermitteln. Sie hilft dabei, dass Hunde und Kinder eine Einheit bilden. Wenn die Hände durch Spastiken verkrampfen, sorgt Ivana vorsichtig am Hundefell für Entspannung. Die Altenpflegerin mit Palliative-Care-Ausbildung ist seit den 1990er-Jahren auf Geriatriestationen, in Altenheimen und Hospizen als Palliativschwester tätig und hatte ein Schlüsselerlebnis: „Als ein Mann seine Frau in der Klinik besuchte, hatte er den Familienhund, einen Golden Retriever, dabei. Beim Anblick des Hundes legte sich bei vielen Patienten ein Schalter um. Sie bewegten sich plötzlich wieder und schenkten dem Hund Aufmerksamkeit. Das hatten wir in vielen Jahren nicht geschafft.“

Bevor Hunde bei der tiergestützten Intervention eingesetzt werden können, müssen sie eine aufwendige, zweijährige Ausbildung durchlaufen, die etwa 4 000 Euro kostet. Zum Einsatz kommen die Therapiebegleithunde in Hospizen und auf Palliativstationen. Doch auch in der Psychiatrie und Neurologie, bei Depressiven, Diabetikern und Dementen sowie bei Epileptikern können durch die „Tiertherapie“-Erfolge verzeichnet werden. Ziel ist es, die Patienten zu trösten, abzulenken, Freude, Entspannung, Zuwendung und Körperkontakt zu spenden, um ihnen einige unbeschwerte Stunden zu verschaffen. Allerdings müssen die Einsätze der Therapiehunde noch immer durch die Einrichtungen selbst finanziert werden, vorzugsweise durch Spenden. Sie sind im Leistungskatalog der Kranken- und Pflegekassen nicht gelistet. Im Kinderhospiz „Bärenherz“ sorgt die „Bärenherz Stiftung“ mit ihren Spendengeldern dafür, dass der Einsatz von Emma und Sissi mit 60 Euro pro Stunde vergütet werden kann.

Ivana Seger arbeitet seit sieben Jahren mit ihrem Therapiehund Emma und seit einem Jahr auch mit Sissi. Seit Oktober 2013 betreut sie vier stationäre Hospize im Rhein-Main-Gebiet sowie die Palliativstation der Helios-Dr.-Schmidt-Klinik (HSK) in Wiesbaden und die Palliativstation der Universitätsklinik in Frankfurt am Main. Emma und ihr Frauchen sind ein zertifiziertes und perfekt eingespieltes Team, das im Wiesbadener Kinderhospiz „Bärenherz“ zu den absoluten Lieblingen der Kinder zählt. Sissi, die zweite Hündin, ist derzeit noch als Begleithündin tätig. Sie wird im Mai dieses Jahres ihre zweijährige intensive Ausbildung zur zertifizierten Therapiebegleithündin beenden. Dann kann sie Emma richtig entlasten. Das ist wichtig, denn, so Ivana Seger: „Wenn ein Hund zwei bis vier Stunden täglich gearbeitet hat, braucht er seine Freizeit, um wieder richtig Hund sein zu können. Denn das ruhige Liegen ist auch für die Hunde anstrengend.“

Regine Schulte Strathaus

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