ArchivMedizin studieren1/2017Auslandsfamulatur: Burkina Faso – „das Land der Aufrichtigen“

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Auslandsfamulatur: Burkina Faso – „das Land der Aufrichtigen“

Golz, Corinna; Schneider, Eva

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Die Medizin in einem anderen Kulturkreis kennenzulernen und die Möglichkeiten einer längerfristigen Unterstützung vor Ort auszuloten, war die Motivation der Medizinstudentinnen aus Bonn, in das Binnenland Westafrikas zu reisen.

Unser Einsatzort war die Kinderklinik der Uniklinik in Bobo-Dioulasso, der mit 700 000 Einwohnern zweitgrößten Stadt des westafrikanischen Staates Burkina Faso, übersetzt das Land des aufrichtigen Menschen. Das einstöckige Gebäude aus den 70er-Jahren mit gewaltigem Renovierungsstau hat einen Geruch wie im Tiergehege aufgrund freilaufender Katzen. Es ist dunkel und staubig, Schimmel findet sich im Gemäuer, ungesicherte Kabel hängen an Decken und Wänden. Ein Stromausfall kommt mehrmals täglich vor. Die Klinik hat etwa 20 Zimmer mit insgesamt 132 Betten, wobei ein Bett mit bis zu vier Kindern belegt ist. Ferner gibt es zwei Untersuchungszimmer mit jeweils einem Tisch, drei Stühlen und einer kaputten Liege. In der „Ambulanz“ steht ein Tisch für alles: Blutabnahmen, Lumbalpunktionen (mit Nadeln, die zuvor bei anderen Patienten in Gebrauch waren) und – für sterbende Kinder. Hochinfektiöse Meningitisfälle liegen neben kleinen Patienten mit Malaria, Durchfall, Erbrechen oder Verdacht auf Lungenentzündung.

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Beeindruckt waren die Medizinstudentinnen Corinna Golz und Eva Schneider von der Herzlichkeit und Offenheit der Burkinabé, der Einwohner von Burkina Faso, die sie täglich in der Klinik spürten.
Beeindruckt waren die Medizinstudentinnen Corinna Golz und Eva Schneider von der Herzlichkeit und Offenheit der Burkinabé, der Einwohner von Burkina Faso, die sie täglich in der Klinik spürten.

Zu Beginn gestaltete sich für uns Medizinstudentinnen aus Bonn die Kommunikation mit den Patienten schwierig, da diese meist nur die Eingeborenensprachen wie Mooré oder Dioula sprechen. Zu den Kinderärzten und Pflegern entwickelten wir aber zunehmend ein freundschaftliches Verhältnis und sie übersetzten uns die Dialoge ins Französische – die dortige Amtssprache.

Unser Alltag begann morgens um 7.30 Uhr mit der Frühbesprechung. Ein junger Assistenzarzt berichtete dem Team über Neuaufnahmen, Verstorbene und sonstige Vorkommnisse der vergangenen Nacht. Die anschließende Visite in den vollen Krankenzimmern mit Ratschlägen an die Eltern stellte häufig die einzige „Behandlung“ dar. Die Kindersterblichkeit beträgt knapp 15 Prozent in diesem Land – insbesondere infolge einer mehr als neunzigprozentigen Durchseuchung mit Malaria tropica.

Überwältigt von der Hilfsbedürftigkeit der Bevölkerung setzten die Autorinnen auch nach ihrer Famulatur ihr Engagement fort. Über ein Unterkonto beim europäischen Medikamentenhilfswerk „Action Medeor“ unterstützen sie weiterhin gezielt diese Klinik und vermitteln Kontakte: corinna.golz@gmail.com und e.schneider3006@t-online.de Fotos: privat
Überwältigt von der Hilfsbedürftigkeit der Bevölkerung setzten die Autorinnen auch nach ihrer Famulatur ihr Engagement fort. Über ein Unterkonto beim europäischen Medikamentenhilfswerk „Action Medeor“ unterstützen sie weiterhin gezielt diese Klinik und vermitteln Kontakte: corinna.golz@gmail.com und e.schneider3006@t-online.de Fotos: privat

Zur Aufnahme kamen neben Kindern mit eitrigen Entzündungen im Genitalbereich durch die kurz nach der Geburt stattgefundene Beschneidung auch Verätzungen und Verbrennungen im Bereich der Fontanelle – aus Glaubensgründen, um die pulsierenden Dämonen aus den kleinen zerbrechlichen Kinderköpfen zu vertreiben. Nicht selten waren auch ausgeprägte Fehlbildungen: Wir sahen vollständige Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten oder ein fünf Stunden altes Neugeborenes mit Anenzephalie, das röchelnd vor unseren Augen verstarb. Der Vater hatte es zum Fieber messen gebracht ...

Nicht minder dramatisch die Verhältnisse auf der Frühchenstation: Hier lagen mehrere Neugeborene dicht nebeneinander unter Wärmelampen und kämpften teilweise mit gerade einmal 500g Geburtsgewicht um ihr Leben.

Wir haben klinische Symptome in einer Ausprägung erlebt (Meningismus, akutes Abdomen bei beidseitigem Nephroblastom), wie wir sie in Deutschland wohl nicht antreffen werden.

Vor dem Hintergrund dieser Eindrücke haben wir über private Spendensammlungen bereits die Logistik der Kinderklinik verbessern können. Angeschafft wurden ein EKG-Gerät, Perfusor, Pulsoxymeter, Sauerstoffgerät, Magensonden, Infusionslösungen und anderes mehr. Zudem konnte die Facharztweiterbildung eines einheimischen Kinderarztes an der Uniklinik in Bobo finanziert werden. Die Welt können wir nicht retten – aber an diesem Ort etwas Gutes tun!

Burkina Faso

Foto: wikipedia
Foto: wikipedia

Burkina Faso ist ein westafrikanischer Staat, der südlich des Nigerbogens liegt und an Mali, Niger, Benin, Togo, Ghana sowie an die Elfenbeinküste grenzt. Seine Unabhängigkeit erlangte das Land 1960. Bis 1984 wurde der Name Obervolta, den es in seiner Zeit als französische Kolonie erhielt, verwendet. Die Umbenennung erfolgte durch den panafrikanistisch-sozialistisch orientierten Präsidenten Thomas Sankara, der nach einer Phase politischer Instabilität 1983 in einer Revolution die Macht erlangte.

Administrative und kulturelle Hauptstadt des rund 18,9 Millionen Einwohner zählenden Landes ist die zentral gelegene Millionenstadt Ouagadougou. In Burkina Faso werden insgesamt 68 verschiedene Sprachen und Idiome gesprochen. Mit der Unabhängigkeit wurde die Sprache der ehemaligen Kolonialherren, Französisch, alleinige Amtssprache, die allerdings nur von einer Minderheit beherrscht wird.

Der vorwiegend flache Binnenstaat mit Anteilen an der Großlandschaft Sudan und der Sahelzone ist durch tropisches Klima und verschiedenartige Savannenlandschaften geprägt. In der Sahelzone können die Niederschläge auf unter 300 mm pro Jahr fallen.

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