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Frauen in der Chirurgie: Keine Männerdomäne

Medizin studieren, SS 2017: 25

Wünsch, Lisa

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Es herrscht kein eitel Sonnenschein im Fach Chirurgie, es gibt aber auch keine unlösbaren Probleme, die Chirurginnen entmutigen sollten, meint die Autorin – selbst tätig als Ärztin in Weiterbildung in der Chirurgie/Common Trunk.

Foto: picture alliance
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Die Medizin wird weiblich – überall ist es zu lesen und auch im Berufsleben jeden Tag zu sehen: 70 Prozent der Medizinstudierenden, 65 Prozent der Medizinabsolvierenden, aber lediglich 18 Prozent der in der Chirurgie Tätigen sind weiblich. Die Schlussfolgerung ist für viele klar: Frauen möchten nicht in der Chirurgie arbeiten. Doch ist das wirklich so?

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„Meine Kollegen reagierten durchweg positiv auf meine Schwangerschaft und mein Chef unterstützte mich dabei, auch weiterhin am OP-Tisch zu stehen.“ Jana Rehm, Ärztin in Weiterbildung in der Unfallchirurgie und Orthopädie. Foto: privat
„Meine Kollegen reagierten durchweg positiv auf meine Schwangerschaft und mein Chef unterstützte mich dabei, auch weiterhin am OP-Tisch zu stehen.“ Jana Rehm, Ärztin in Weiterbildung in der Unfallchirurgie und Orthopädie. Foto: privat

Die meisten Ärztinnen arbeiten in den Fachgebieten Innere Medizin, Allgemeinmedizin, Pädiatrie, Gynäkologie und Anästhesie. Warum nicht in der Chirurgie? Ein häufiges Vorurteil beschreibt die Chirurgie als ein familienunfreundliches, zeitintensives, schlecht planbares Fach. Der Alltag in einem regionalen Krankenhaus sieht etwa folgendermaßen aus: 7 Uhr Arbeitsbeginn, 45 Minuten Zeit für die Visite von 30 Patienten, 7.45 Uhr Frühbesprechung, ab 8.30 Uhr OP-Programm bis zur Nachmittagsbesprechung um 15 Uhr. Stationsarbeit, die noch nicht erledigt wurde, schließt sich an. Fünf bis acht 24-Stunden-Dienste pro Monat. An einem Haus der Maximalversorgung verlässt man aufgrund des dichten OP-Programms nicht vor 18 Uhr den OP-Saal, Spätvisiten folgen danach. An Unikliniken gehört außerdem wissenschaftliches Engagement, welches nicht selten nach Feierabend beginnt, dazu. Familienfreundlich klingt das tatsächlich nicht. Doch auch in anderen Fachrichtungen gibt es teilweise lange Arbeitstage, viele Dienste und wenig Freizeit. Was spricht in vielen Köpfen gegen die Chirurgie?

Häufig gilt sie als eine Männerdomäne. Man müsse sowohl körperlich als auch charakterlich dafür geschaffen sein, heißt es. Als Frau würde man schikaniert und belächelt. In der Tat: Lange OP-Zeiten, die das Ausschalten von körperlichen Bedürfnissen wie Durst, Hunger und Harndrang erfordern, höchste Konzentration zu jedem Zeitpunkt der Operation, auch nachts, und die Mobilisation von Kräften bei Eingriffen machen den Beruf des Chirurgen zu einem „Knochenjob“. Es ist tatsächlich körperliche und mentale Fitness gefordert. Da bringen die Männer oberflächlich betrachtet bessere körperliche Ausgangsbedingungen mit. Als Frau in der Chirurgie kann man das zu spüren bekommen. Belächeln, aber auch chauvinistische Sprüche, gut gemeintes Mitleid bis hin zum handfesten Mobbing sind keine Seltenheit.

Im praktischen Jahr wäre die Möglichkeit, Begeisterung für die Chirurgie zu wecken. Doch leider werden PJler allzu oft als Hakenhalter ausgenutzt – Lerneffekt und Motivation gleich null. LisaWünsch, Ärztin in Weiterbildung Chirurgie. Foto: privat
Im praktischen Jahr wäre die Möglichkeit, Begeisterung für die Chirurgie zu wecken. Doch leider werden PJler allzu oft als Hakenhalter ausgenutzt – Lerneffekt und Motivation gleich null. LisaWünsch, Ärztin in Weiterbildung Chirurgie. Foto: privat

Und wie steht es um die Karrierechancen einer Frau in der Chirurgie? Zahlen der Bundes­ärzte­kammer belegen, dass es deutlich weniger Frauen als Männer in Führungspositionen in allen Fachdisziplinen gibt, wobei sich die Chirurgie zusätzlich noch auf den hinteren Rängen bewegt. Der Grund ist nicht nur eine männerdominierte Führungsriege, sondern auch der mangelnde Ehrgeiz vieler Chirurginnen, das Karrieretreppchen zu erklimmen. Bereits während des Studiums fassen viele Frauen den Entschluss, ihre Karriere nach der Familienplanung auszurichten. Unsere Vorstellungen sehen noch immer die klassische Rollenverteilung von Männern und Frauen vor. Doch es geht auch anders: „Meine Kollegen reagierten durchweg positiv auf meine Schwangerschaft und mein Chef sowie unsere Anästhesisten unterstützten mich in meiner Idee, auch weiterhin am OP-Tisch zu stehen“, berichtet
Dr. med. Jana Rehm, Ärztin in Weiterbildung in der Unfallchirurgie und Orthopädie. „Allerdings gab es etliche rechtliche und organisatorische Hürden zu nehmen, die ich so nicht erwartet hatte.“ Zudem habe sie die körperliche Belastung durch die Schwangerschaft unterschätzt.

Wer eine Familie mit mehreren Kindern plant, kann schwerlich in der gleichen Zeit wie die männlichen Kollegen die Weiterbildung absolvieren. Für viele werdende Mütter wird direkt nach Bekanntgabe der Schwangerschaft das Beschäftigungsverbot ausgesprochen. Dabei gibt es bereits Möglichkeiten, das Operieren auch für Schwangere zu realisieren. Die Initiative der beiden Chirurginnen Dr. med. Maya Niethard und Dr. med. Stefanie Donner „Operieren in der Schwangerschaft“ der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) hat 2015 für viel Aufsehen gesorgt. Sie riefen dazu auf, das Mutterschutzgesetz von 1952 zeitgemäß auszulegen. Nach geltendem Recht unterliegt eine Schwangere sofort nach Bekanntgabe der Schwangerschaft dem Mutterschutzgesetz. Ein gesetzlicher Mitteilungszwang besteht jedoch nicht. Der Arbeitgeber ist daraufhin verpflichtet, eine Gefahrenprüfung des Arbeitsplatzes durchzuführen und Maßnahmen zum Arbeitsschutz zu treffen. Kann eine Gefährdung für Mutter oder Kind nicht durch Umgestaltung des Arbeitsplatzes behoben werden und ist ein Arbeitsplatzwechsel nicht möglich, muss ein Beschäftigungsverbot ausgesprochen werden.

„Die aktuelle Chirurgie ohne Frauen ist nicht vorstellbar. Chirurginnen haben heutzutage in ihrem Fach gute Entfaltungsmöglichkeiten.“ Ursula Straube, Oberärztin in der Chirurgie/Viszeralchirurgie. Foto: privat
„Die aktuelle Chirurgie ohne Frauen ist nicht vorstellbar. Chirurginnen haben heutzutage in ihrem Fach gute Entfaltungsmöglichkeiten.“ Ursula Straube, Oberärztin in der Chirurgie/Viszeralchirurgie. Foto: privat

Bezüglich des Punktes der Umgestaltung des Arbeitsplatzes sehen Niethard und Donner noch viel Potenzial. Elektive und weniger anstrengende, kürzere Eingriffe sind auch Schwangeren zuzumuten. Geeignet sind Eingriffe ohne Röntgenstrahlung. Fruchtschädigende inhalative Narkosegase können durch Totale Intravenöse Anästhesien oder Regionalanästhesien umgangen werden. Das Risiko einer Infektion mit parenteral übertragbaren Krankheiten minimiert sich durch das vorherige Screening der Patienten auf HBV, HCV und HIV. Bisher sind diese Maßnahmen jedoch nur von wenigen Häusern konsequent umgesetzt worden.

Ist das Kind dann einmal da, warten neue Herausforderungen auf die Eltern und die Chirurgin als Mutter. Normale Kindergärten sind von 8 bis 16 Uhr geöffnet – mit einer Vollzeitstelle nur selten zu vereinbaren. Ein vielversprechendes Projekt in diesem Zusammenhang war „FamSurg“. Das durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union geförderte Pilotprojekt der chirurgischen Abteilung der Uni Lübeck erarbeitete im Jahr 2014 Vorschläge zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Karriere und Familie mit dem langfristigen Ziel, die Anzahl der Chirurginnen zu erhöhen, sowie das Folgeprojekt „TransferGenderMed“ (dazu „Neue Klinikkultur“ in diesem Heft). Einige Fachverbände haben zudem Fördervereine auf die Beine gestellt und bieten außerdem Fortbildungsveranstaltungen an, beispielsweise die „Summer School“ der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie oder das „Studentenforum“ der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie.

Was bietet das Fach Chirurgie? Möglich sind diverse Karriereverläufe durch die unterschiedlichen Subspezialisierungen, die auch Rückzugsmöglichkeiten bieten. Neben der Vollzeittätigkeit im Operationssaal können Chirurginnen ambulant, interventionell oder sogar konservativ arbeiten. Es gibt auch kleinere, filigranere Operationen, wie beispielsweise die Hand- und Fußeingriffe, oder auch Arthroskopien in der Unfallchirurge/Orthopädie oder Laparoskopien in der Viszeralchirurgie. Die gesamte Orthopädie stellt eine hervorragende Möglichkeit dar, sich niederzulassen und auch rein konservativ tätig zu werden, wenn die Lebensumstände dies erforderlich machen sollten.

Auch die Gefäßchirurgie mit ihren hochpräzisen Eingriffen, Hybrid-Operationen und vermehrt interventionellen und endovaskulären Eingriffen hält viele Möglichkeiten für Frauen bereit. Der Stellenmarkt könnte aktuell nicht besser sein. Chirurginnen werden händeringend gesucht und die Tendenz zur Anpassung des Fachs an die Bedürfnisse der „Generation Y“ und der Frauen im Besonderen ist abzusehen.

Bezüglich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat die Chirurgie sicher noch Luft nach oben. Die Möglichkeit, zuverlässig pünktlich nach Hause zu gehen, wie es beispielsweise in der Anästhesie praktiziert wird, ist nicht gegeben. Wer eine große Familie gründen will, sieht sich zudem mit dem Problem des Beschäftigungsverbots konfrontiert, das zu einer Verlängerung der Facharztweiterbildung und zu einem Karriereknick führen kann. Doch auch hier ist bereits bewiesen, dass durch Absprachen mit den Vorgesetzten und Anästhesisten ein Operieren in der Schwangerschaft unter bestimmten Bedingungen möglich ist. Zudem findet ein Umdenken statt und immer mehr Männer bleiben in der Elternzeit zu Hause.

Trotz vieler Hindernisse – der Schritt in die Chirurgie lohnt sich: Wer die Faszination beim Anblick eines sich autonom bewegenden Darms, der Oberfläche einer Lunge oder der Kraft eines schlagenden Herzens gespürt hat, kann verstehen, warum sich Medizinstudentinnen (und natürlich auch die männlichen Kommilitonen) für die chirurgische Laufbahn entscheiden. Diese außergewöhnliche Einsicht in das Innere des Menschen bietet eben nur die Chirurgie.

Im Operationssaal steht die Zeit still. Gleichzeitig vergeht die Zeit wie im Flug. Stationsarbeit, klingelnde Telefone, Angehörigengespräche, Arztbriefe und jegliche Bürokratie sind ausgeblendet. Es gibt nur das OP-Team und den Patienten, dem die volle Aufmerksamkeit gewidmet wird. Das ist reine Medizin.

Wer sich entscheidet, Chirurgin zu werden, kann sich darauf freuen, Dinge anzupacken, aktiv zu werden und zu handeln. Entscheidungen werden zügig getroffen, Ergebnisse sind direkt im Anschluss an den Eingriff zu sehen. Oft bedeutet die durchgeführte Operation die Heilung eines Patienten. Diese Effizienz bietet kaum eine andere Fachrichtung. Besteht woanders der Alltag oftmals aus reiner Stationsarbeit, so ist der Arbeitstag einer Chirurgin und eines Chirurgen unvorhersehbar und unterbrochen von Einsätzen im OP, in der Endoskopie oder der präoperativen Sprechstunde. Es wird nie langweilig.

Wer also eine Beschäftigung ausüben möchte, die abwechslungsreich und herausfordernd ist, wer ein guter Teamplayer ist und bereit ist, auch einmal über die normalen Arbeitszeiten hinaus Einsatz zu zeigen, der ist in der Chirurgie genau richtig – egal ob Frau oder Mann.

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