ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2017Junge Ärzte: Beruhigendes Ritual
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Mit schöner Regelmäßigkeit, gefühlt in jeder zweiten Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts, werden die prekären Arbeits- und Weiterbildungsbedingungen der Assistenzärzte in vielen deutschen Kliniken beleuchtet und beklagt. Leser des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatts erleben mit dem Artikel zur Umfrage des Hartmannbundes zudem ein Déjà-vu, da in dessen aktueller Februar-Ausgabe deckungsgleiche Ergebnisse einer Umfrage des Marburger Bundes unter der Überschrift „Klinikärzte – Frust und Überlastung“ referiert wurden (www.aeksh.de/aerztblatt/2017/02). Die Umfrageergebnisse werden „als alarmierend für die Ärzte und die Patienten“ eingeschätzt. Der Alarm zieht sich allerdings sehr in die Länge. Angesichts der seit Ewigkeiten ausbleibenden Verbesserungen kommt der Verdacht auf, dass die kontinuierliche Klage über die bekannten Missstände nur als beruhigendes Ritual zelebriert wird, fast nach Art einer Charakterneurose der Ärzteschaft. Woher sollen die Veränderungen auch kommen? Wäre man nicht Arzt, sondern Berufspilot, dann könnte man darauf vertrauen, dass Arbeitgeber und staatliche Aufsicht sehr viel Wert auf eine strukturierte und kontrollierte Aus- und Weiterbildung und die Einhaltung definierter Arbeitszeiten legen, denn im Flugverkehr geht es ja um Menschenleben. Beim Assistenzarzt reicht es seit jeher aus, wenn die Weiterbildung in der Klinik rein evolutionär nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum erfolgt. Piloten sind auch in der Lage, ihre Interessen durchzusetzen, und legen dafür häufiger einmal die Arbeit nieder. Das ist in der Klinik nicht möglich, denn wir wollen unsere Patienten nicht im Stich lassen. Mit diesem Motiv ausgestattet sind wir leichte Beute für Kaufleute und Politik, die den Unterschied zwischen einem Krankenhaus und einem Autohaus für vernachlässigbar halten, beides könne man problemlos nach gleichen Gesichtspunkten managen, nur dass man im Autohaus wohl oder übel die Mitarbeiter schulen und die Qualität der angebotenen Produkte im Auge behalten müsse, damit die Kundschaft nicht ausbleibt. Am Klinikfrust wird sich nichts ändern, solange die Waffen der Betroffenen in der Auseinandersetzung nicht schärfer werden. Chronifizierte Prozesse haben eine schlechte Prognose. 

Dr. med. Michael von Staden, 23568 Lübeck

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