ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2017Mediation im Gesundheitswesen: „Es ändert sich immer etwas“

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Mediation im Gesundheitswesen: „Es ändert sich immer etwas“

Dtsch Arztebl 2017; 114(13): A-646 / B-554 / C-540

Spielberg, Petra

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Differenzen zwischen Arzt und Patient sowie innerhalb einer Praxis oder Klinik sind für alle Beteiligten belastend. Eine Mediation kann ein geeignetes Mittel darstellen. Unstimmigkeiten auszuräumen, ohne dass es zu Rechtsstreitigkeiten kommt.

Einvernehmliche Lösung: Bei der klassischen Mediation gibt es keine Gewinner und Verlierer. Foto: karepa/iStockphoto
Einvernehmliche Lösung: Bei der klassischen Mediation gibt es keine Gewinner und Verlierer. Foto: karepa/iStockphoto

In Arztpraxen und Krankenhäusern oder im Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten geht es nicht immer harmonisch zu. Gründe hierfür können Unstimmigkeiten über Behandlungsmethoden oder gar Behandlungsfehler sein, unbedachte verletzende Äußerungen, Auseinandersetzungen über Arbeitsbedingungen oder organisatorische Fragen, Streitigkeiten über Nachfolgeregelungen oder wegen fehlerhafter Abrechnungen. Dann stellt sich die Frage, wie sich die Differenzen zum Wohle aller Beteiligten beilegen lassen, ohne dass es zwingend zu Rechtsstreitigkeiten kommen muss.

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„Eine Mediation kann hierbei ein sinnvolles Mittel sein, vor allem wenn eine konsensuelle Lösung angestrebt wird“, sagt Dr. med. Heinz Pilartz, Allgemeinarzt und Mediator aus Alfter. Während bei Behandlungsfehlern der sachliche Ausgleich für den Patienten im Vordergrund steht und hierüber Gutachter- und Schlichtungsstellen oder Gerichte entscheiden, empfiehlt sich eine Mediation immer dann, wenn Kommunikationsprobleme Auslöser für einen Konflikt sind.

„Anders als bei Streitbeilegungen durch Gutachter- und Schlichtungsstellen oder vor Gericht, gibt es bei der Mediation keinen Gewinner oder Verlierer. Ziel ist es vielmehr, eine faire und konstruktive Lösung zu erarbeiten“, betont Pilartz. Im Mittelpunkt stehe dabei die emotionale Ebene der Betroffenen und das Bemühen, Gefühle wie Scham, Verzweiflung, Ärger oder Frustration aufzulösen, unter denen sowohl Ärzte als auch Patienten aufgrund einer ungeklärten Situation leiden können. „Wenn ein Arzt fürchten muss, dass kritische Patienten abwandern oder Rufschädigung betreiben, kann so etwas für ihn zu einer sehr belastenden Situation werden“, meint der Mediator. Voraussetzung für eine Einigung sei, dass die Parteien einer Mediation freiwillig zustimmen.

Typische „Indikationen“ für eine Mediation zwischen Arzt und Patient seien beispielsweise Verständigungsprobleme, weil ein Arzt sich nicht ausreichend Zeit genommen hat, einem Patienten einen schwierigen Befund mitzuteilen oder aber weil ein Patient Ansprüche an seine Behandlung stellt, die der Arzt nicht erfüllen kann oder will.

Empfindliche Patienten

„Solche Unstimmigkeiten entstehen in aller Regel, weil die Patienten die Berücksichtigung ihrer Individualität erwarten, während Ärzte ihre Leistungen in einem standardisierten System erbringen“, erklärt der Allgemeinarzt: „Hinzu kommt, dass im Zusammenhang mit Gesundheitsproblemen die Empfindlichkeit der Betroffenen größer ist als in anderen Lebensbereichen.“

Aber auch bei Differenzen zwischen Ärzten im Krankenhaus oder in einer Gemeinschaftspraxis kann eine Mediation hilfreich sein. Ein Beispiel: Wenn der Chefarzt und der Oberarzt nicht „miteinander können“ und es dabei nicht um fachliche Fragen gehe, sondern das kollegiale Miteinander nicht funktioniere, könne eine solche Situation eskalieren und zu anhaltender Frustration, zu Arbeitsverweigerung oder gar einer inneren Kündigung führen, verdeutlicht Pilartz. Mit einer Mediation lasse sich ein solcher Konflikt entschärfen, indem Missverständnisse ausgeräumt würden und dem Oberarzt zum Beispiel klar werde, dass er gute Arbeit leiste. Im Zweifelsfall könne aber auch eine Kündigung eine Lösung darstellen.

Es sei jedoch nicht Aufgabe des Mediators, eine Lösung vorzuschlagen. Er müsse vielmehr dafür sorgen, dass die Parteien miteinander ins Gespräch kommen und selbst konstruktive Vorschläge entwickeln.

Der Erfolg einer Mediation bemisst sich Pilartz zufolge in erster Linie daran, dass alle Beteiligten Klarheit gewinnen und mehr Verständnis füreinander aufbringen und nicht zwingend an einem konkreten Ergebnis. „Es ändert sich durch eine Mediation immer irgendetwas“, sagt der Arzt. Anders als beispielsweise in Belgien ist ein solches Instrument als niedrigschwelliges Angebot zur Konfliktbeilegung hierzulande bislang jedoch noch Mangelware. In Nordrhein-Westfalen trägt sich der Patientenbeauftragte Dirk Meyer gleichwohl derzeit mit Überlegungen, ein entsprechendes Pilotprojekt aufzulegen.

Mediation gesetzlich geregelt

In Belgien dagegen sind Krankenhäuser seit einigen Jahren verpflichtet, Ansprechpartner vorzuhalten, an die sich unzufriedene Patienten wenden können. Die Inanspruchnahme ist kostenlos und unbürokratisch. „Die Ombudsleute klären die Unstimmigkeiten zum Beispiel durch Einzelgespräche, Einsichtnahme in die Akten oder bringen in einer klassischen Mediation die beteiligten Personen zusammen“, erklärt Pilartz. In Deutschland sind Mediatoren im Grundberuf meist Anwälte, Psychologen oder eben auch Ärzte. Für das Mediationsverfahren gilt Vertraulichkeit zwischen den beteiligten Parteien. Der Mediator wiederum unterliegt der gesetzlichen Schweigepflicht. Seit Einführung des Mediationsförderungsgesetzes im Jahr 2012 ist die Mediation gesetzlich geregelt und die Berufsbezeichnung geschützt. Abgerechnet wird eine Mediation auf der Basis eines Stundenhonorars von im Schnitt 100 bis 300 Euro. Je nach Zahl der Konfliktparteien und des Gegenstands sind wenige Stunden oder mehrere Tage erforderlich. Die Gesamtkosten liegen jedoch weit unter denen eines Gerichtsverfahrens.

Petra Spielberg

Weitere Informationen

Konflikte im Gesundheitswesen können entstehen zwischen

  • Arzt und Kran­ken­ver­siche­rung
  • Arzt und Patient
  • Krankenversicherte und Kran­ken­ver­siche­rung
  • Praxispersonal und Patient
  • Krankenhausleitung und Arzt
  • Arzt und Krankenhauspersonal
  • Krankenhauspersonal und Krankenhausleitung
  • Krankenhauspersonal untereinander
  • Pflegeeinrichtung und Arzt
  • Patient/Angehöriger und Pflegeeinrichtungsleitung
  • Patient/Angehöriger und Pflegepersonal
  • Pflegepersonal untereinander
  • Tarifparteien
  • BürgerInnen und Stadtverwaltung (zum Beispiel beim Bau neuer
    Einrichtungen)

Diese Konflikte sind meist geprägt durch

  • eine hohe Emotionalität
  • enormen Zeitdruck, Stress, starke körperliche und seelische Belastung
  • immer wieder verändernde Normen und Vorschriften
  • fehlende Eindeutigkeiten im Umgang mit diesen
  • eine hohe Komplexität der Organisations- und Beziehungsstruktur
  • sehr wenig Erfahrung in der Organisation in der Bearbeitung mit diesen

Mediation ist ein sinnvolles Verfahren, wenn zum Beispiel folgende Kriterien erfüllt sind

  • Beide Seiten haben das Bewusstsein, dass ein Konflikt vorliegt
  • Bei der Lösung geht es weniger darum, Recht zu bekommen, sondern vielmehr darum, eine faire Lösung zu finden
  • Die Parteien wollen, müssen oder werden auch in der Zukunft in Kontakt oder Beziehung bleiben
  • Ein teurer und langwieriger Rechtsstreit soll vermieden werden
  • Beide Parteien haben eine hohe Motivation, die Lösung des Konfliktes eigenverantwortlich zu erreichen

Kontaktadressen

  • Forum-M – Institut für Medizin, Mediation und mehr … Dr. med. Heinz Pilartz, www.forum-m-pilartz.de
  • ortsnahe Vermittlung von Mediatoren/-innen, www.imug.eu
  • mediator-finden.de ist ein spezialisiertes Suchportal, um eine Mediatorin oder einen Mediator zu finden. Oberstes Kriterium ist die regionale Suche, www.mediator-finden.de
  • Bundesverband Mediation, www.bmev.de/mediation

Save the date

2. bis 3. Juni 2017, Zusatzqualifikation „Mediation im Gesundheitswesen“; zweitägiger Workshop zu den Besonderheiten von Mediation im Kontext von Krankheit in Familien und im Gesundheitswesen,
http://d.aerzteblatt.de/ZM52

Buchtipp

Hattemer, Stefanie B. K.: Mediation bei Störungen des Arzt-Patient-Verhältnisses. 2012 Springer Verlag

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