ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2017Entspricht nicht der Alltagsrealität
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die hausarztzentrierte Versorgung (HzV) soll die Rolle der Hausärzte stärken und die Versorgungsqualität verbessern. Die Gefahr der „Messung“ hausärztlicher Qualität: „Qualität“ degeneriert zu einem Wettlauf um die Erfüllung von vorgegebenen Qualitätsindikatoren.

Ein Ergebnis der Studie: „Die Zahl der Hausarztkontakte nahm um 47,4 % zu, die Facharztkontakte um 4,1 %“ (1). Warum haben wir in Deutschland durchschnittlich 18 Arztkontakte pro Jahr, und in skandinavischen Ländern nur vier? Ist die erhöhte Zahl der Hausarztkontakte in der HzV vielleicht das Resultat von Bonussystemen (etwa für Check-up-Termine oder Termine im Rahmen des Disease-Managment-Programms)? Zu den Facharztkontakten: Ziel der HzV ist, die Facharztkontakte auf das Notwendige zu beschränken. Das vorgebrachte Argument „Der Anstieg der Facharztkonsultationen deutet auf eine intensivere, koordiniertere Gesundheitsversorgung hin“ ist nicht nachvollziehbar. Oft „wünschen“ Patienten eine Überweisung zum Facharzt ohne zwingenden Grund.

Eine weitere Aussage der Studie: „Es gab einen stärkeren Anteil an Patienten, die fünf oder mehr unterschiedliche Wirkstoffe erhielten.“ Das Problem der Multimedikation im Alter mit Gefahren bezüglich Wechsel- und Nebenwirkungen ist bekannt.

Weitere Kritikpunkte der Arbeit: Die Finanzierung der Studie durch die AOK PLUS (Neutralität?). Das Matching von Interventionsgruppen- und Kontrollgruppen-Patienten ist hinterfragbar. Der Propensity-Score kann nur für bekannte und tatsächlich gemessene Patientenmerkmale adjustieren. Das Merkmal „Morbiditäts-Index“ ist wegen bekannter Up-Kodierungen von ICD-10-Diagnosen kritikwürdig. Studien spiegeln nicht unbedingt die hausärztliche Alltagsrealität wider. Gerade bei älteren, multimorbiden Patienten werden schnell die Grenzen einer messbaren, evidenzbasierten, leitlinienorientierten Medizin erreicht. Hier geht es hauptsächlich um Zeit, Zuwendung und Lebensqualität für Patienten – und das in Zeiten, in denen für Hausarztpraxen bei Berentung des Praxisinhabers kaum noch Nachfolger zu finden sind .

DOI: 10.3238/arztebl.2017.0254a

Dr. med. Robert Hector

Simmersfeld

roberthector@t-online.de

Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Freytag A, Biermann J, Ochs A, Lux G, Lehmann T, Ziegler J, Schulz S, Wensing M, Wasem J, Gensichen J: The Impact of GP-centered healthcare—a case-control study based on insurance claims data. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 791–8 VOLLTEXT
1.Freytag A, Biermann J, Ochs A, Lux G, Lehmann T, Ziegler J, Schulz S, Wensing M, Wasem J, Gensichen J: The Impact of GP-centered healthcare—a case-control study based on insurance claims data. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 791–8 VOLLTEXT

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Anzeige