POLITIK

Masterplan 2020: Studienreform ohne Finanzierung

Dtsch Arztebl 2017; 114(14): A-670 / B-576 / C-562

Beerheide, Rebecca

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Der Plan zur Reform des Studiums steht – doch es fehlt die nötige Finanzierung. Der 37-Punkte-Plan ist erst der Auftakt für eine langjährige Gesetzgebung.

Beliebtes Medizinstudium – schwierige Reform: Der Masterplan 2020 soll den Weg in die Zukunft der Medizineausbildung weisen und erntet viel Kritik an der fehlenden Perspektive für die Finanzierung. Foto: dpa
Beliebtes Medizinstudium – schwierige Reform: Der Masterplan 2020 soll den Weg in die Zukunft der Medizineausbildung weisen und erntet viel Kritik an der fehlenden Perspektive für die Finanzierung. Foto: dpa

Nach fast drei Jahren Verhandlungen, Diskussionsrunden und Finanzierungsstreit haben die Bundes- und Landesminister für Gesundheit, Kultus und Wissenschaft sich auf einen gemeinsamen 37-Punkte-Plan zur Reform des Medizinstudiums geeinigt: Mit dem Masterplan 2020 soll auf die Herausforderungen für die künftige ärztliche Versorgung reagiert werden, erklärten Regierungsvertreter aus Bund und Ländern.

Dazu gehört ein differenzierter Zugang zum Studium, die Gestaltung der universitären Ausbildung näher an der Praxis sowie mehr Lehrinhalte aus der Allgemeinmedizin. Außerdem soll das Praktische Jahr (PJ) von drei Tertialen auf vier Quartale umgestellt werden. Dabei bleiben die Fächer Innere Medizin sowie Chirurgie als Pflichtquartal erhalten, mindestens ein Wahlfach soll „im ambulanten vertragsärztlichen Bereich“ absolviert werden. Die Allgemeinmedizin wird Prüfungsfach, Hochschulen sollen Lehrstühle für Allgemeinmedizin einrichten. Mit einer Veränderung im Hochschulzulassungsrecht sollen Universitäten künftig in der Lage sein, neben der Abiturnote auch mindestens zwei weitere Kriterien für die Zulassung zum Studium zu verlangen. Dies könnten Praktika oder Ausbildungen in anderen medizinischen Berufen sein.

Die 37-Punkte aus dem Masterplan sind noch keine Gesetzgebung – vieles muss per Landesgesetzgebung in 16 Parlamente eingebracht, für die Quartalisierung beim PJ muss die Approbationsordnung verändert werden. Bei einigen Bereichen – beispielsweise bei der Stärkung der allgemeinmedizinischen Inhalte im Studium – sind die Hochschulen gefragt.

Landarztquote geplant

Bei der Vorstellung in Berlin Ende März zeigten sich Vertreter von Bundes- und Länderministerien zwar zufrieden: „Der Plan war eine Gemeinschaftsleistung und ein großer gemeinsamer Schritt von Bund und Ländern für ein modernes Medizinstudium“, sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU). „Unser Medizinstudium genießt auch international sehr hohes Ansehen. Aufgrund der rasanten medizinischen Entwicklung muss es jetzt zukunftsfest gemacht werden“, erklärte Bun­des­for­schungs­minis­terin, Prof. Dr. rer. nat. Johanna Wanka (CDU). Beide Bundesminister stellten die Pläne zum geänderten Zugang zum Medizinstudium hervor und betonten, dass die soziale Kompetenz bei der Vergabe von Studienplätzen deutlich höher als bislang bewertet werden solle. Auch sollen die Bundesländer die Möglichkeit bekommen, eine Landarztquote einzuführen. Damit würden sich junge Menschen bereits vor Antritt des Studiums verpflichten, mindestens zehn Jahre als Hausarzt in einem unterversorgten Gebiet zu arbeiten. Bislang hat nur Bayern erkennen lassen, dass es eine Quote von fünf Prozent der Studienplätze anstrebt. „Andere Länder sind jetzt damit beschäftigt, das für sich zu prüfen“, so Prof. Dr. rer. pol. Eva Quante-Brandt (SPD), Senatorin für Wissenschaft und Gesundheit in Bremen und diesjährige Vorsitzende der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz (GMK).

Allerdings enthält der Masterplan keine Finanzierungszusagen. Darauf konnten sich die Gesundheits- und Kultusminister bis zuletzt nicht mit ihren Kollegen aus den Finanzministerien einigen. Somit stellen die Kultusminister der Länder ihre Zustimmung zum Masterplan 2020 unter einen „Finanzierungsvorbehalt“: „Die vollständige Umsetzung des Masterplanes 2020 wird nur dann möglich, wenn zusätzliche Haushaltsmittel zur Verfügung gestellt werden. Wir sehen natürlich die Verpflichtung der Länder. Aber am Ende aller Tage können die Kosten nicht nur von den Ländern getragen werden. Wir brauchen hier ein gemeinsames Vorgehen von Bund, Ländern und ärztlichen Organisationen“, forderte Ulrich Steinbach, Ministerialdirektor und Amtschef im Ministerium für Wissenschaft in Baden-Württemberg.

Die Fragen über die Auswirkungen und Finanzierung des Masterplanes soll eine Expertenkommission unter der Leitung von der Generalbundesanwältin a. D., Prof. Monika Harms, in den kommenden zwölf Monaten diskutieren. Über die Besetzung der Kommission ist noch nicht beraten worden. „Es ist immer gut, wenn Experten von außen dazugeholt werden, die die Politik beraten können“, erklärte die GMK-Vorsitzende Quante-Brandt.

Eine Finanzierung gibt es allerdings für Forschungsprojekte: So sollen 20 Millionen Euro vom Bun­des­for­schungs­minis­terium „als Impuls zur weiteren Stärkung der Allgemeinmedizin in der Forschung“ fließen. Zusätzlich sollen mit drei Millionen Euro Studien gefördert werden, die „kompetenzbezogene Auswahlverfahren“ beim Zugang zum Medizinstudium ermitteln.

Keine neuen Studienplätze

Zusätzliche Studienplätze, wie viele ärztliche Organisationen es fordern, wird es mit dem Plan allerdings nicht geben. „Der Masterplan verzichtet zum gegenwärtigen Zeitpunkt darauf, die Forderung nach einer generellen Erhöhung der Studienplatzkapazität aufzugreifen“, heißt es in dem zwölfseitigen Papier. Eine Arbeitsgruppe von Ge­sund­heits­mi­nis­ter- und Kultusministerkonferenz soll dazu mit Blick auf die Zahl der Fachärzte für Allgemeinmedizin regelmäßig berichten, erstmals im Jahr 2020.

Laut dem Masterplan soll es künftig ebenso keine Teilzeitstudienplätze mehr geben. Ein Netz aus Lehrpraxen soll verstärkt in die ärztliche Ausbildung einbezogen und von den Fakultäten aufgebaut werden. „Wir erwarten, dass Ärztekammern und Kassenärztliche Vereinigungen sowie die ärztlichen Berufsverbände dies unterstützen.“ Außerdem verlangen die Bundes- und Landesminister, dass die Programme für mehr Allgemeinmediziner auf dem Land von Universitäten durch „Mentoring-Programme unterstützt werden, an denen sich auch die Kassenärztliche Vereinigungen, Ärztekammern und Kommunen beteiligen können.“

Zudem sollen konzeptorientierte Ausbildungspläne entwickelt werden, der Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog Medizin (NKLM) weise bereits den Weg dahin. Zur weiteren Entwicklung des NKLM werde eine Kommission eingerichtet, in der neben Bund und Ländern auch der Medizinische Fakultätentag (MFT), ärztliche Organisationen wie Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und Kassenärztliche Bundesvereinigung „aktiv“ beteiligt werden sollen. Medizinstudierende haben dort bislang keinen Platz am Tisch: „Bei der Erstellung des NKLM haben Studierende ganz offiziell mitgewirkt. Im Masterplan sind wir aber bei der Weiterentwicklung des NKLM nicht mehr erwähnt. Wir wollen auch hier weiterhin mitarbeiten“, sagt Nicolas Krapp, Koordinator der AG Medizinische Ausbildung der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) dem Deutschen Ärzteblatt.

Ärzte kritisieren Pläne

Auch andere Ärzteorganisationen sehen die Reformpläne kritisch – vor allem wegen der fehlenden Finanzierung: „Wer den Ärztemangel bekämpfen will, muss bereits im Medizinstudium ansetzen. Deshalb ist es gut, dass die Reform des Medizinstudiums mit der heutigen Einigung endlich in Angriff genommen werden kann“, sagte BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. Enttäuscht zeigte er sich über den Haushaltsvorbehalt der Länder, es müsse jetzt klare Vorgaben geben, auch für die erforderliche Erhöhung der Studienplatzkapazitäten. „Absichtserklärungen bringen uns nicht weiter“, so Montgomery. Der MFT analysiert angesichts der fehlenden Finanzierung eine „Hängepartie“. Vor allem das vertragsärztliche Pflichtquartal könne nicht ohne zusätzliche Mittel umgesetzt werden, so MFT-Präsident Prof. Dr. med. Heyo K. Kroemer. Der Marburger Bund sieht „Licht und Schatten“ – Licht beim frühzeitigen Kontakt der Studenten mit der Patientenversorgung, Schatten bei der PJ-Quartalisierung. Der Hartmannbund kritisierte, dass die Pläne „eher auf Zwang und Lenkung statt auf Motivation und Freiheit“ setzen. Der Hausärzteverband begrüßte, dass die Studenten früher mit der hausärztlichen Tätigkeit in Berührung kommen. Vorsitzender Ulrich Weigelt fordert auch eine „seriöse Finanzierung“ für die Reformpläne.

Rebecca Beerheide

3 Fragen an . . .

Nicolas Krapp, Koordinator der AG Medizinische Ausbildung der bvmd

Es geht voran bei der Reform des Medizinstudiums. Sind Sie zufrieden?

Wir sind grundsätzlich zufrieden damit, dass die Reform nicht weiter auf Eis liegt. Aber einzelne Punkte des Masterplans sehen wir sehr kritisch. Dazu gehört die sogenannte Landarztquote.

Was kritisiert die bvmd daran?

Die Bundes­ärzte­kammer und viele andere – auch wir – haben die Kritik daran ja immer wieder formuliert. Es ist einfach nicht richtig, junge Menschen nach der Schule bereits auf eine hausärztliche Tätigkeit auf dem Land festzulegen – noch vor jeder Vorlesung und vor dem allerersten Patientenkontakt im Studium. Eine solche Quote wertet die Allgemeinmedizin und die hausärztliche Tätigkeit auf dem Land ab. Statt die Bedingungen dieser Tätigkeit zu verbessern, werden Zwangsmaßnahmen eingeführt.

Die übrigen Maßnahmen im Masterplan zur Stärkung der Allgemeinmedizin…

... sehen wir gemischt. Zunächst: Die Pflichtprüfung Allgemeinmedizin am Ende des Studiums lehnt die bvmd ab. Das neue ambulante Quartal im Praktischen Jahr (PJ) begrüßen wir dagegen grundsätzlich. Dies ist ja eine weitere Wahlmöglichkeit für Studierende. Natürlich geht es jetzt um die Ausgestaltung. Die Anforderungen an die Praxen müssen formuliert werden – Stichwort Zertifizierung, PJ-Logbücher für das Quartal, externe Lehr- und Lernmöglichkeiten. Außerdem müssen wir schauen, wie das ambulante Quartal so organisiert werden kann, dass es für Studierende keine zusätzlichen finanziellen Belastungen bedeutet. Schließlich können PJler nicht parallel noch arbeiten, um Fahrtkosten zu den Praxen und gegebenenfalls Unterkunft vor Ort zu bezahlen.

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