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Gesetzliche Krankenkassen: Teures Marketing

Dtsch Arztebl 2017; 114(14): A-657 / B-565 / C-551

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Sie heißen „Satzungsleistungen“ und klingen zunächst einmal nach Bürokratie. „Freiwillige Leistungen“ oder „Zusatzleistungen“ hört sich schon viel positiver an. Denn wer freiwillig etwas gibt, gehört zu den Guten. Für das Eigenmarketing ist das perfekt.

Im Fall der Satzungsleistungen sind die Guten die gesetzlichen Krankenkassen. So kann eine Kasse per Satzungsänderung festlegen, welche Leistungen sie freiwillig ihren Versicherten anbietet. Ermöglicht hatte das der Gesetzgeber, der den Wettbewerb unter den Kassen ankurbeln wollte. Die Leistungen reichen von Naturheilverfahren über Reiseimpfungen, häusliche Krankenpflege und geburtsmedizinischen Angeboten bis hin zu Präventionskursen. Aber ist das, was die „Guten“ geben, auch immer gut? Und wie sieht es mit den Ausgaben für die Wohltaten aus?

Daten des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums (BMG), die die Linken-Politikerin Birgit Wöllert angefordert hatte, zeigen, dass sich die Ausgaben von 2012 mit 780 Millionen auf rund 1,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr fast verdoppelt haben, wie zuerst die Berliner Zeitung berichtete. Allein zwischen 2015 und 2016 wurde den Angaben zufolge ein Plus von 20 Prozent registriert.

Pauschalkritik allein an den Kassen ist hier zwar nicht angebracht. Schließlich hat der Gesetzgeber diese Möglichkeit der Werbung geschaffen und Leistungen wie Impfungen oder Vorsorgeuntersuchungen erfüllen ihren Zweck. Vergessen sollte man allerdings nicht, dass die Kassen im Rahmen der Satzungsleistungen ihren Versicherten auch gerne IGeL-Leistungen anbieten, die sie aber zugleich in ihrem IGeL-Monitor kritisieren. Diese Ungereimtheit ist selbst dem Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen, Dr. rer. oec. Peter Pick, zu viel: „Wir sind aber nicht glücklich, wenn von uns negativ bewertete IGeL von Krankenkassen bezahlt werden.“

Daher muss man bei solchen sprunghaften Ausgabensteigerungen für Marketingmaßnahmen – und nichts anderes sind sie – hellhörig werden. Fließt da zum Beispiel immer mehr Geld in den Trend zur Alternativmedizin wie zum Beispiel die Homöopathie? Oder in die fragwürdige finanzielle Unterstützung bei der Anschaffung von Präventionsangeboten wie der Apple Watch als Fitness-Tracker? Das BMG hat dem Bericht zufolge dazu keine Auswertungen. Man muss sich fragen, ob das der Wettbewerb zwischen den Krankenkassen ist, den sich der Gesetzgeber vorgestellt hat.

Aber es sind nicht nur Zusatzleistungen, mit denen die Kassen Werbung bei potenziellen Versicherten machen. Reine Marketingaktionen wie das Sportsponsoring gehören auch zum Portfolio der Kassen. Die AOK hat in diesem Fall eine gutes Näschen bewiesen und auf die richtigen Sportarten gesetzt. Erst sah man das AOK-Logo auf der Brust der deutschen Handballnationalspieler bei ihrer vielbeachteten Rückkehr an die Weltspitze prangen. Und jetzt die sympathische Werbeträgerin des Wintersports schlechthin: die fünfmalige Weltmeisterin im Biathlon, Laura Dahlmeier. Die Zielgruppe ist klar: junge, sportliche und vor allem gesunde Versicherte. Vor dem Hintergrund der Upcoding-
Vorwürfe Ende vergangenen Jahres, als der AOK Rheinland vorgeworfen wurde, sie hätten Versicherte kränker gemacht, ein zumindest interessanter Aspekt. Dazu passt die Suche nach „aok“ und „dahlmeier“ bei google: Auf der ersten Trefferlistenseite kommt auch ein Beitrag zum morbiditätsorientierten Risiko­struk­tur­aus­gleich.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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