ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2017Wissenschaft: Radikale Medizinkritik

MEDIEN

Wissenschaft: Radikale Medizinkritik

Dtsch Arztebl 2017; 114(14): A-701 / B-598 / C-584

Lempert, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Medizingeschichte wird meist als Fortschrittsgeschichte erzählt: vom Schamanismus über die Viersäftelehre bis zur aufgeklärten Medizin. Aber sind wir heute so viel weiter als die purgierenden und zur Ader lassenden Kollegen vergangener Zeiten? Wie kommt es, dass die Cochrane-Collaboration nur für vier Prozent der von ihr untersuchten Therapien solide Evidenz findet? Der Radiologe Gerd Reuther durchleuchtet den Medizinbetrieb und gelangt zu einer radikalen Medizinkritik in der Tradition von Ivan Illich, der in seiner „Enteignung der Gesundheit“ schon 1975 die Medikalisierung aller Lebensbereiche anprangerte.

Auf 350 Seiten erkundet Reuther, wie das Patientenwohl immer wieder missachtet wird – sei es durch unhinterfragte Traditionen und Moden, durch Denkfaulheit, Konstruktionsfehler des Gesundheitswesens oder sekundäre Interessen. So beklagt er den Missbrauch der Wissenschaft zur Rechtfertigung zweifelhafter Therapien, die mangelnde wissenschaftliche Neugier jenseits der kommerziellen Auftragsforschung, das oberflächliche symptomorientierte Herumdoktern, die mangelhafte Aufarbeitung iatrogener Komplikationen und Todesfälle, die Ausweitung der Verdienstzone durch neu erfundene Krankheiten, die Einfärbung des ärztlichen Denkens durch industrielle Geldgeber bis in die Leitlinien hinein, den fachspezifisch verengten Blick auf den Patienten und die Fehlanreize im DRG-System. Er kritisiert die aktuelle Überbetonung der Genetik bei der Krankheitsentstehung, während Umweltfaktoren aus dem Blick geraten, die viel besser geeignet sind, aktuelle Veränderungen der Krankheitshäufigkeiten zu erklären. Die eminenzbasierte Bevormundung der Öffentlichkeit brandmarkt er am Beispiel des alten ärztlichen Rats, Säuglinge in Bauchlage schlafen zu lassen, der inzwischen als wichtigster Risikofaktor für den plötzlichen Kindstod identifiziert wurde.

Anzeige

Reuther schreibt sprachmächtig, bisweilen polemisch, und belegt seinen fundamentalen Dissens detailliert mit mehr als 1 300 Zitaten aus der wissenschaftlichen Literatur. Vieles wird nur kurz angerissen, sodass der Leser auch an manchen Gegenthesen Reuthers zweifeln darf und sich selbst auf den investigativen Weg machen muss. Von Albert Einstein übernimmt Reuther den Rat an alle Wissenschaftler, wenigstens eine halbe Stunde am Tag das Gegenteil von dem zu denken, was als gesichert gilt. Die Lektüre des „Betrogenen Patienten“ ist gewiss ein guter Einstieg. Thomas Lempert

Gerd Reuther. Der betrogene Patient. Riva, München, 2017. 19,99 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema