ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2017Reform der Psychotherapieausbildung: Kandidaten für den Status quo

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Reform der Psychotherapieausbildung: Kandidaten für den Status quo

PP 16, Ausgabe April 2017, Seite 165

Singer, Susanne; Pries, Johannes; Sischka, Kerstin

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Fast 90 Prozent der Ausbildungskandidaten sind dafür, die bisherige postgraduale Aus- und Weiterbildung an Instituten beizubehalten. In einer Studie der Universität Mainz wurden angehende Psychotherapeuten zu ihrer Zufriedenheit befragt.

Lernen in kontinuierlichen Kleingruppen ist den Ausbildungskandidaten wichtig. Foto: Sneksy/iStockphoto

Die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten findet in Deutschland gegenwärtig an staatlich anerkannten Instituten postgradual statt. Wegen der veränderten Studienrahmenbedingungen durch den Bologna-Prozess beauftragte das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) ein Wissenschaftlerkonsortium um Bernhard Strauß 2009 damit, die Güte dieses Modells zu prüfen. Sie kamen in ihrem Gutachten zu dem Schluss, dass man aufgrund der hohen fachlichen Qualität an der bisherigen Praxis der postgradualen Ausbildung festhalten sollte.

Trotzdem hält das BMG an dem Vorhaben fest, ein universitäres Psychotherapiestudium mit Approbation und anschließender Weiterbildung einzuführen. Dies hätte weitreichende Konsequenzen für Krankenhäuser, Lehrpraxen, Universitäten, Ausbildungsinstitute und – nicht zuletzt – die Ausbildungskandidaten. Wie diese über das Vorhaben denken, wurde in einer bundesweiten Befragung ermittelt.* Psychotherapeuten in Aus- oder Weiterbildung in tiefenpsychologisch fundierter und analytischer Psychotherapie wurden hinsichtlich ihrer Zufriedenheit mit der Aus-/Weiterbildung und ihrer Präferenz bezüglich zukünftiger Modelle befragt (1). Insgesamt 559 Kandidaten (84 Prozent mit Schwerpunkt Erwachsenenpsychotherapie, 16 Prozent Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie) nahmen an der Befragung teil. 62 Prozent der Befragten sprachen sich für die verfahrensspezifische Ausbildung an Instituten aus, acht Prozent präferierten eine modulare Ausbildung, 19 Prozent hatten dazu keine Meinung, elf Prozent beantworteten die Frage nicht. Bezogen auf diejenigen, die sich zu dieser Frage bereits eine Meinung gebildet hatten (n = 393), waren 89 Prozent dafür, die bisherige postgraduale Institutsausbildung beizubehalten. Kandidaten mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie präferierten häufiger die Institutsausbildung als Kandidaten in Erwachsenenpsychotherapie (83 Prozent versus 67 Prozent, p = 0.006).

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Die qualitative Auswertung der Freitext-Antworten zeigte, dass eine institutsgebundene Aus-/Weiterbildung bestehend aus Selbsterfahrung, Behandlung unter Supervision und Theorievermittlung als gutes Gesamtkonzept für das Erreichen der verfahrensspezifischen Fachkunde angesehen wird. Die Institute böten einen klaren „institutionellen Rahmen“, „in dem eben alle wesentlichen Ausbildungsinhalte enthalten/integriert sind.“ Dies sei „wichtig, um ein Gefühl der Kohärenz zu bekommen“. Weiter: „Ich finde es sehr wichtig, dass man an ein Institut angebunden ist (…) Nur so kann man wirklich eine Identität und analytische Haltung aufbauen. Ich denke, es braucht einen kontinuierlichen und ‚haltgebenden Rahmen‘.“ Bei einer modularen Ausbildung wird durch eine „Zerstückelung der Zuständigkeiten“ ein Verlust an Qualität befürchtet.

Die befragten Kandidaten sprachen sich klar für eine institutsgebundene Aus-/Weiterbildung aus. Als besonders bewahrenswert erachten sie die Verzahnung von Theorie und Praxis „unter einem Dach“ und das Lernen in kontinuierlichen Kleingruppen. Sie begründen die Notwendigkeit einer institutsgebundenen postgradualen Aus-/ Weiterbildung auch damit, dass psychotherapeutisches Handeln eine bestimmte Reife, Identität und Reflexion erfordere, die nur allmählich erworben werden könnten, und zwar in Auseinandersetzung mit Vertretern des Faches, die das Verfahren nicht nur theoretisch erklären, sondern auch anwenden und leben können.

Prof. Dr. rer. med. Susanne Singer,
Johannes Pries, Kerstin Sischka

* Singer, S, Pries J, Sischka K: Reform der Psychotherapieausbildung – Die Sicht der Betroffenen. Ergebnisse einer bundesweiten Befragung von Kandidaten/-innen in psychoanalytisch-tiefenpsychologischer Aus- und Weiterbildung. Psychotherapeut 2017 (im Druck).

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