ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2017Harry Stack Sullivan (1892–1949): Verwobenheit mit der Umwelt

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Harry Stack Sullivan (1892–1949): Verwobenheit mit der Umwelt

Goddemeier, Christof

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Vor 125 Jahren wurde der US-amerikanische Psychiater und Psychotherapeut Harry Stack Sullivan geboren. Seine Theorien liefern den Hintergrund für die interpersonelle Psychotherapie.

„Ob die soziale Heilung erreicht wird oder nicht, gleichviel, ein Mensch, der sich selber kennt, ist seelisch gesund. Er ist sich der Möglichkeiten bewusst, die sich ihm bieten (. . .)“ Harry Stack Sullivan. Foto: ullstein bild /Granger, NYC
„Ob die soziale Heilung erreicht wird oder nicht, gleichviel, ein Mensch, der sich selber kennt, ist seelisch gesund. Er ist sich der Möglichkeiten bewusst, die sich ihm bieten (. . .)“ Harry Stack Sullivan. Foto: ullstein bild /Granger, NYC

Harry Stack Sullivans Werk bildet eine eigene Mischung aus Psychoanalyse, Individualpsychologie, Feldtheorie und Anthropologie und ist vor allem durch die „Psychiatrie der zwischenmenschlichen Beziehungen“ gekennzeichnet. Gemeinsam mit Karen Horney und Erich Fromm, die in den dreißiger Jahren aus dem nationalsozialistischen Deutschland in die USA flohen, entwickelte er die neopsychoanalytische Richtung, der auch
Frieda Fromm-Reichmann, Harald Schultz-Hencke und Clara Thompson angehören. Gemeinsam ist ihr die Ablehnung von Sigmund Freuds Libidokonzept. Zudem wird die Rolle der Sexualität stark eingeschränkt und die Gegenwart vermehrt in den Blick genommen. Im Unterschied zu Freud sieht man neben neurotisch auch psychotisch erkrankte Menschen als behandelbar an.

Unglückliche Kindheit

Harry Stack Sullivan wird 1892 in Norwich im Staat New York geboren, der Vater ist Farmer irischer Abstammung. Seine Geschwister sterben früh, sodass er als Einzelkind aufwächst. Die familiäre Situation – der Vater wird als sehr zurückgezogen, die Mutter als häufig krank beschrieben – sowie Armut, Einsamkeit und eine an Vorurteilen reiche Umgebung bedingen eine häufig unglückliche Kindheit und Jugend. Sullivan studiert Medizin und interessiert sich bald für Psychiatrie. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs arbeitet er in Washington mit William Alanson White zusammen, der die Psychoanalyse aufgeschlossen rezipiert. Sullivan liest sich ein und ist gefesselt. Eine weitere Schlüsselfigur ist der gebürtige Schweizer Adolf Meyer, der nach seiner Ausbildung in Zürich in die USA auswandert. Ursprünglich Pathologe, behandelt er nun gemütskranke Patienten, deren Störungen er aus ihrer Lebensgeschichte ableitet. Den Menschen sieht er als psychisch integrierte biologische Einheit, seine Lehre nennt er „Psychobiologie“. Ein Anhänger der Tiefenpsychologie ist Meyer nicht, doch die Wirksamkeit seines Zugangs führt dazu, dass junge Psychiater in den USA sich mit der Psychoanalyse beschäftigen.

Freud hatte vor der analytischen Behandlung psychotisch Erkrankter gewarnt – seiner Meinung nach sind sie nicht zur Übertragung fähig, eine Therapie sei deshalb nicht erfolgversprechend. Diese Haltung teilen Meyer und White nicht. Sie halten diese Patienten für behandelbar, sofern man ein hohes Maß an Geduld und Verstehen aufbringt. Unter
Whites Anleitung beginnt Sullivan, mit psychotischen Patienten therapeutisch zu arbeiten. 1923 eröffnet man am Sheppard-and-Enoch-Pratt-Hospital in Towson/Maryland eine eigene Abteilung für schizophren Erkrankte. Sullivan behandelt junge Männer und erzielt beachtliche Erfolge. Er veröffentlicht seine Ergebnisse und wird in den USA bekannt.

Sullivan nimmt besonders die Verwobenheit des Einzelnen mit seiner Umwelt in den Blick. Ihm zufolge ist der Mensch aus „sozialem Stoff“, seine Persönlichkeit lebt nur in der Beziehung mit anderen Persönlichkeiten. In seiner Entwicklungspsychologie beschreibt er den Menschen zunächst als bio-physischen Organismus, der um sein Überleben kämpft. Im Lauf einer langen Entwicklung wird aus diesem „Menschen-Tier“ ein sozialer und kultureller Mensch. Dabei unterscheidet Sullivan drei Arten der Welt- und Selbsterfahrung: die diffuse, rein stimmungsgeleitete Orientierung des Säuglings nennt er „prototaxisch“. Eine daran anschließende präzisere Wahrnehmung, die aber noch nicht sprachlich mitgeteilt werden kann, ist das „parataxische Erleben“. Erst in einem dritten Schritt erreicht der Mensch das „syntaxische Erleben“ – hier werden Erfahrungen kommuniziert und die Erfahrungen anderer aufgenommen und überprüft. Dabei nimmt jedes Individuum die Umwelt mit „auswählender Unaufmerksamkeit“ wahr. Dem Freudʼschen Begriff des Unbewussten kann Sullivan nicht viel abgewinnen, Carl Gustav Jungs Konzept vom „kollektiven Unbewussten“ lehnt er ab. Nach Sullivan ist „unbewusst“, was nicht ins soziale Leben integriert ist – alle seelischen Vorgänge am Rande des Bewusstseins, die infolge von Angst nicht wahrgenommen werden. Dabei ist sprachliche Kommunikation ein Schlüssel zur Gesundheit. Im Gespräch entsteht Bewusstsein; daher gilt es, die Kommunikationsfähigkeit des Menschen zu verbessern. Freuds Auffassung, Sexualität könne durch Triebverzicht in Geist verwandelt werden, nennt Sullivan „psychologische Alchemie“. Sublimierung versteht er als umfassenden Anpassungsprozess des Individuums, das lernt, Sprachlosigkeit „in kommunikatives Denken und Verhalten umzusetzen“ (Rattner).

Euphorie und Spannung

Auch mit dem Begriffspaar Euphorie und Spannung beschreibt Sullivan den Umgang des Individuums mit seiner Umwelt. Dabei ist Angst die massivste Unlust und Spannung, die ein Mensch erleben kann – laut Sullivan das zentrale Symptom der Psychopathologie. Im Rahmen eines Kreislaufs führt Angst zu Sicherheitsmanövern, welche die Angst jedoch vergrößern und weitere Sicherungen erforderlich machen. Sullivans Neurosenlehre fokussiert vor allem auf Emotionen. Dabei sind Gefühle nicht Ableger des Sexualtriebs, sondern umfassende „Stellungnahmen“ einer Person zu den Aufgaben des Lebens und Zusammenlebens. Die Theorie der Schizophrenie fügt er in die Neurosenlehre ein: Bei beiden Erkrankungen handelt es sich um nur quantitativ verschiedene „Dissoziationen der Persönlichkeit“, ausgelöst durch Angst, mangelndes Selbstwertgefühl und Herabsetzung der eigenen Person. Immer wieder betont Sullivan die große Bereitschaft seelisch Erkrankter, gesund zu werden: „Es gibt keine Ausnahme von der Regel, dass – wann immer der Patient auch nur einen schwachen Schimmer von Hoffnung erhält – er auch streben wird, gesund zu werden.“ (1956)

Für den Sozialpsychologen Sullivan ist Psychiatrie „das Studium der Prozesse, die sich zwischen Menschen abspielen. Das Gebiet der Psychiatrie ist das der zwischenmenschlichen Beziehungen, und zwar unter allen (…) Bedingungen, in welchen solche Beziehungen stattfinden“ (1940). Er integriert die Feldtheorie Kurt Lewins: Menschen leben in „sozialen Feldern“, die in einem zwischenmenschlichen Feld wirkenden Kräfte geben Aufschluss über einen Menschen. So wird Feldforschung zum Studium der menschlichen Natur.

In der Psychotherapie richtet Sullivan den Blick neben der Vergangenheit auf die Gegenwart. Ähnlich wie Alfred Adler fragt er nach Sinn, Ziel und Zweck eines Gefühls (final) und weniger nach der Ursache (kausal). Auch die Überzeugung von der natürlichen Gutartigkeit des Menschen teilt Sullivan mit Adler: „Es ist eine gute Doktrin, dass der Mensch wesensmäßig gutwillig und nicht böswillig ist; dass – sofern man ihm die Möglichkeit einräumt – er sich in Richtung auf wechselseitiges Verstehen und gegenseitige Hilfe bewegt, nicht in Richtung auf Betrug und Ausbeutung der weniger Glücklichen.“ (1964) Sullivan verabschiedet sich von der Spiegelhaltung des Analytikers. Mit „teilnehmender Beobachtung“ lernt der Therapeut die hochgradig subjektiven, „parataxischen Verzerrungen“ der Wahrnehmung des Klienten kennen. In einer vertrauensvollen Beziehung können negative Sozialbeziehungen dann allmählich korrigiert werden. Zur Heilung sagt Sullivan: „Ob die soziale Heilung erreicht wird oder nicht, gleichviel, ein Mensch, der sich selber kennt, ist seelisch gesund. Er ist sich der Möglichkeiten bewusst, die sich ihm bieten. Er schätzt sich selbst ungefähr so ein, wie er es verdient. Er kennt und erhält auch zumeist die Befriedigungen, deren er bedarf, und er ist großenteils sicher im Leben.“ (1940)

Anfang der 1930er-Jahre zieht Sullivan nach New York und eröffnet eine psychotherapeutische Privatpraxis. Gleichzeitig lehrt er an der Maryland School of Medicine. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitet er als Psychiater in der US-Army, beschäftigt sich mit sozialpsychologischen Fragen und schreibt über Vorurteil, Antisemitismus und Rassismus. Er berät die UNESCO und die Weltgesundheitsorganisation. Im Sinn einer allgemeinen Psychohygiene soll der Psychiater laut Sullivan nicht nur „private Wunder“, sondern auch „öffentliche Sinngebung“ bewirken: „Es ist klar, dass die Weltgesundheitsorganisation Programme braucht, die die seelische Gesundheit und die soziale Entwicklung der Kinder sichern können.“ (1947)

Intensive Psychotherapie

In den USA entwickelt Fromm-Reichmann in Zusammenarbeit mit Sullivan die „Intensive Psychotherapie“ für schizophren Erkrankte. Auch europäische Psychiater greifen Sullivans Arbeit auf, etwa Gaetano Benedetti und Christian Müller in der Schweiz sowie Walter Bräutigam und Walter Winkler in Deutschland. Mit Meyer und John Bowlby bildet Sullivans interpersonelle Sichtweise den theoretischen Hintergrund der von Gerald Klerman und Myrna Weissman begründeten interpersonellen Psychotherapie (IPT), ursprünglich einer ambulanten, fokussierten Kurzzeittherapie depressiv Erkrankter. Ihre Wirksamkeit ist empirisch belegt, inzwischen gibt es Modifikationen für die stationäre Behandlung und andere psychische Störungen.

Christof Goddemeier

1.
Rattner J: Psychologie der zwischenmenschlichen Beziehungen. Olten: Walter-Verlag 1969.
2.
Rattner J: Harry Stack Sullivan. In: Klassiker der Tiefenpsychologie. München: Psychologie Verlags Union 1990.
3.
Schramm E: Interpersonelle Psychotherapie. 3. Aufl., Stuttgart: Schattauer Verlag 2010.
4.
Sullivan, HS: Die interpersonale Theorie der Psychiatrie. Frankfurt: Fischer Verlag 1980.
1. Rattner J: Psychologie der zwischenmenschlichen Beziehungen. Olten: Walter-Verlag 1969.
2. Rattner J: Harry Stack Sullivan. In: Klassiker der Tiefenpsychologie. München: Psychologie Verlags Union 1990.
3. Schramm E: Interpersonelle Psychotherapie. 3. Aufl., Stuttgart: Schattauer Verlag 2010.
4. Sullivan, HS: Die interpersonale Theorie der Psychiatrie. Frankfurt: Fischer Verlag 1980.

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