ArchivDeutsches Ärzteblatt24/1996Nicht nur ein Frauenanliegen

POLITIK: Kommentar

Nicht nur ein Frauenanliegen

Benz, Gisela

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LNSLNSLNSLNS In einer Statistik über Teilzeitarbeit in Europa liegt die Bundesrepublik Deutschland mit einem Anteil von 15 Prozent aller Erwerbstätigen an vierter Stelle nach Holland, Großbritannien und Dänemark. Neugierig geworden, erbat ich vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung eine eventuell vorhandene Statistik über den Prozentsatz der Teilzeitarbeit an deutschen Kliniken. Nach dieser Statistik ("Personal in Krankenhäusern nach funktioneller Stellung und Berufen, Deutschland 1993") ergaben sich folgende Zahlen: 1 Ärztliches Personal: drei Prozent arbeiten Teilzeit,
1 Pflegedienst: 18 Prozent,
1 Medizinisch-Technischer Dienst: 15 Prozent,
1 Funktionsdienst: 14 Prozent, 1 Klinisches Hauspersonal: 19 Prozent,
1 Verwaltung: 14 Prozent.
Häufiger Wechsel bei der Betreuung von Patienten sollte nach Möglichkeit vermieden werden. So lautet ein beliebtes und immer wieder benutztes Argument der Gegner von Teilzeitarbeit in Krankenhäusern. Ohne Zweifel ein schwerwiegendes Argument. Nur: Warum liegt der Prozentsatz der Teilzeitarbeit im Pflegedienst bei 18 Prozent? Beim Pflegedienst, der im gleichen Maße für die Patientenbetreuung zuständig ist wie die Ärzte? Die Antwort eines befreundeten Chefarztes einer großen deutschen Universitätsklinik: "Der Not gehorchend, weil wir sonst nicht genügend Pflegekräfte bekommen."
Teilzeitarbeit auch im ärztlichen Beruf ist nicht nur ein frauenpolitisches, sondern vielmehr inzwischen ein familien- und gesellschaftspolitisches Anliegen. Das sollte man gegenüber Gegenargumenten bedenken und gewichten. Die berufliche Ausbildung und Tätigkeit von Frauen ist heute eine Tatsache. Dies bedeutet eine grundlegende gesellschaftspolitische Umstrukturierung. Immer mehr junge Familien zerbrechen oder werden spät gegründet (zunehmende Überalterung der Mütter). Das hat unter anderem zwei Gründe: Zum einen sind die jungen Frauen durch ihre Doppelbelastung Familie/Beruf überfordert, und zum anderen kommen die jungen Männer hinsichtlich überkommener und noch immer gültiger Rollenverteilung der Geschlechter mit ihren neuen Pflichten in der Familie nicht zurecht. Zeitlich begrenzte Halbtagsarbeit würde die Wahrnehmung beider Aufgaben erheblich erleichtern, auch wenn sie täglich bis zu fünf Stunden – die fünfte Stunde unvergütet! – dauern kann.
Unsere Gesellschaft sollte daran interessiert sein, jungen Familien in ihrer Anfangsphase (Kleinkinderzeit) und den Alleinerziehenden aus bereits gescheiterten Ehen die Möglichkeit einer gleichzeitigen Wahrnehmung von beruflichen und familiären Aufgaben zu gewährleisten – auch, wenn ihr das eventuell Nachteile bringt. Ergänzend sollte noch angemerkt werden, daß Teilzeitarbeit auch im ärztlichen Beruf zur Zeit mit Sicherheit auch arbeitsmarktpolitisch geboten ist. Gisela Benz
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