MEDIEN

TV-Kritik: „Historische Science-Fiction“ in Berlin

Dtsch Arztebl 2017; 114(15): A-750 / B-636 / C-621

Tuffs, Annette

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Können deutsche Serien mit dem übermächtigen Angebot der US-Sender mithalten? Die ARD-Serie „Charité“ ist ein Medizin- und Medienereignis – allerdings mit ein paar Schwächen.

Neun Jahre hat es gedauert, von der ersten Idee bis zur Ausstrahlung. Seit Mitte März 2017 lockt die sechsteilige medizinhistorische ARD-Serie „Charité“ dienstagabends ein Millionenpublikum vor den Fernseher. Bereits 2008, als das 300-jährige Gründungsjubiläum des Berliner Universitätsklinikums zwei Jahre später bevorstand, gab es erste Überlegungen und Recherchen. Für die Drehbuchautorin Dorothee Schön und die Medizinjournalistin Dr. Sabine Thor-Wiedemann, beide in Ravensburg ansässig und versierte Vertreterinnen ihrer Metiers, war das Jubiläum ein idealer Anlass, die bahnbrechenden medizingeschichtlichen Ereignisse um Rudolf Virchow, Ernst von Bergmann, Robert Koch, Paul Ehrlich und Emil von Behring einem breiten Publikum zu erzählen. Ein Dokudrama oder ein Spielfilm waren im Gespräch, doch die Sender scheuten hohe Kosten; das Charité-Jubiläum verstrich ohne nennenswerten bundesweiten Widerhall. Die beiden Drehbuchautorinnen indes gaben nicht auf und schafften es schließlich, die Filmproduktionsfirma Ufa und ihren Regisseur Sönke Wortmann sowie den Mitteldeutschen Rundfunk zu begeistern.

Die Serie nimmt die Charité in den historisch ereignisreichen Jahren von 1888 bis 1894 ins Visier und erzählt die fiktive Geschichte der jungen Ida Lenze. Und die hat es in sich: Ida überlebt eine der ersten Blinddarmoperationen, versieht als „Krankenwärterin“ aufopferungsvoll, aber mit kritischem Verstand den Dienst an Leidenden und Sterbenden, entwickelt dabei Ambitionen für ein – damals freilich in Deutschland für Frauen unerreichbares – Medizinstudium und ist zwischen einem netten Medizinstudenten und dem ehrgeizigen, aber weniger ehrenwerten Jungforscher Emil von Behring hin- und hergerissen. In den Charité-Laboren wird unterdessen Tag und Nacht an Mitteln gegen verheerende Seuchen wie Tuberkulose und Diphtherie geforscht, die auf den Stationen nebenan die Patienten hinwegraffen. Streben nach wissenschaftlicher Wahrheit und neuen Heilmitteln, nach Ruhm, Geld und privatem Glück, Konkurrenz und Neid unter Forschern bieten jede Menge exzellentes Serienmaterial, dazu noch historisch verbürgt.

Drehort der sechsteiligen Serie „Charité“ war unter anderem ein altes Krankenhaus bei Prag, das mit historischer Detailtreue ausstaffiert wurde. Fotos: ARD/Nik Konietzky
Drehort der sechsteiligen Serie „Charité“ war unter anderem ein altes Krankenhaus bei Prag, das mit historischer Detailtreue ausstaffiert wurde. Fotos: ARD/Nik Konietzky

Stoff für weit mehr

Was in sechs Folgen eng gepackt ist, hätte mindestens für zehn Folgen gereicht, bedauert Sabine Thor-Wiedemann. Die Dramaturgie und die genauere Zeichnung der Charaktere hätten davon profitiert. Denn der Zuschauer wird in „Charité“ in jeder Szene mit einem breiten zeitgeschichtlichen Panorama konfrontiert. Die Filmsets – überwiegend wurde in einem alten Krankenhaus bei Prag gedreht – sind mit großer Sorgfalt und historischer Detailtreue ausstaffiert. Das ist überaus faszinierend, wird aber vom didaktischen Eifer konterkariert, möglichst viele Themen darzustellen und zu erklären: von der Zellpathologie und Bakteriologie bis hin zu sozialen Missständen, Militarismus, Antisemitismus, dem Mangel an Frauenrechten et cetera. Den Dialogen, der Spannung und dem Erzählfluss tut das nicht gut.

Die Ausstrahlung von „Charité“ fällt in eine Zeit, in der der Ruf immer lauter wird, dem übermächtigen Angebot von US-Serien Eigenproduktionen aus Deutschland mit hoher Qualität entgegenzusetzen. Kann „Charité“ mithalten mit Serien wie „Dr. House“, „House of Cards“ oder der jüngsten US-Medizin-Serie „The Knick“, die zur selben Zeit in einem New Yorker Krankenhaus spielt? Gibt es gar einen „Charité-Suchtfaktor“?

Wohl kaum, auch wenn die Gunst der Zuschauer der „Charité“ gewiss ist. Doch der Vergleich hinkt. Was die amerikanische Serie so erfolgreich macht, sind facettenreiche, gebrochene Charaktere, die unter hohem Druck eine Entwicklung durchmachen, sowie ungewöhnliche, weitgehend psychologisch motivierte Storys. Herausragende Schauspieler gehören zum Erfolgsrezept. Was den Reiz von „Charité“ ausmacht, sind ihre geschichtliche Authentizität und die Aktualität des Themas, im Angesicht von Leid und Tod um die Aufklärung von Krankheitsursachen, um Heilung und Linderung zu ringen.

Der Direktor des Medizinhistorischen Museums der Charité, Prof. Dr. Thomas Schnalke, sieht in der Serie eine „historische Science-Fiction“, die statt der Wissenschaft der Zukunft die Wissenschaft der Vergangenheit in einer fiktiven Geschichte behandelt. Den Drehbuchautorinnen, dem Regisseur, den Ausstattern und den Schauspielern zollt der Medizinhistoriker, der für die Serie beratend tätig war, Anerkennung für ihre intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Persönlichkeiten.

Fortsetzung geplant

Was kommt nun? Wie es historisch weitergegangen ist, wissen wir. Das Charité-Labor ist um 1900 die weltweit wichtigste medizinische Forschungseinrichtung. Emil von Behring erhält 1901 für die Entwicklung des Diphtherieserums den ersten Nobelpreis und geht nach Marburg. Robert Koch und Paul Ehrlich werden ein paar Jahre später mit der Auszeichnung geehrt. Ehrlich findet in Frankfurt eine Wirkungsstätte.

Wie geht es mit der Serie „Charité“ weiter? An den Drehbüchern für die nächste Staffel wird bereits gearbeitet. Sie spielt im Nationalsozialismus, als Universitätsmedizin und Politik einen furchtbaren Pakt eingehen und Ärzte Handlanger rassistischer Ideologie, Kliniken Orte der Euthanasie werden. Chirurgie, Kinderheilkunde und Psychiatrie stehen im Mittelpunkt mit Charité-Klinikdirektoren wie Ferdinand Sauerbruch und Max de Crinis.

Man wünscht sich, dass die ARD den Drehbuchautorinnen mehr Sendezeit für die Ausgestaltung ihrer Charaktere und Geschichten zur Verfügung stellt. Vielleicht gelingt es sogar, durchgängig hervorragende Schauspieler zu verpflichten? Dann steht einem großen Medienereignis, das internationalen Anklang findet, nichts mehr im Wege.

Dr. med. Annette Tuffs

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